In Altdorf, dem adretten Hauptort des Schweizer Kantons Uri am Nordportal des Gotthard-Eisenbahntunnels, ist der Wilhelm-Tell-Mythos dank Friedrich Schiller noch gelebte Gegenwart. Auf dem heutigen Rathausplatz, dem Ort des legendären Apfelschusses, steht der Held hoch auf dem Sockel mit geschulterter Armbrust, an der Schützengasse befindet sich das Tellspielhaus im klassizistischen Stil, wo seit 1899 alle paar Jahre die hoffnungslos überbuchten Tellspiele über die Bühne gehen. Mit dem öffentlichen Tellbus kommt man direkt nach Luzern und mit dem Auto in zehn Minuten zur Kapelle am Steilufer des Vierwaldstättersees, wo Tell aus Gesslers Schiff seinen Sprung in die Freiheit machte.
Altdorf, ein mythengesättigtes, geschichtsstolzes Biotop. Aber braucht es hier einen Konzertsaal für klassische Musik? Unbedingt, sagt Andreas Haefliger. Der international erfolgreiche Pianist hat sich zum Ziel gesetzt, diesen Saal zu bauen, und ist überzeugt: Der Veranstaltungsort, wie er sich ihn vorstellt, wird nicht nur eine kulturelle Bereicherung für Altdorf darstellen, sondern mit den international bekannten Künstlern, die hier auftreten, auch für weit über die Region hinausgehende Aufmerksamkeit sorgen. Dazu käme der wirtschaftliche Nutzen des kulturellen Tourismus.
Strategische Weitsicht
Haefligers Konzertsaalidee ist mehr als der schöne Traum eines künstlerischen Idealisten. Die Pläne, die er der Gemeinde auf den Tisch legt, sind hinsichtlich Architektur, Verwaltungsstruktur und Finanzen schon ausgereift. Sie bilden ein mit Goldschlaufe versehenes Geschenkpaket, das ein großzügiger Künstler der Gemeinschaft überreichen möchte. Für das kleine, aber rührige Altdorf mit seinen 10.000 Einwohnern ein Glücksfall, weil die Finanzierung durch Private erfolgen soll.
Der letzte Punkt lässt aufhorchen in einer Zeit, da im subventionierten Kulturbetrieb solche Vorhaben aus Geldmangel überall infrage gestellt sind. Auch wenn das Interesse an klassischer Musik anhält, in den europäischen Metropolen ist die Euphorie für kulturelle Investitionen verflogen. Spektakuläre Bauten wie die Philharmonie de Paris oder die Hamburger Elbphilharmonie entstehen heute eher in China. Anders sieht es mit kleineren Projekten abseits der großen Zentren aus. Sie sind weniger kostspielig und entsprechen offenbar auch einem Trend zur Stadtflucht, den man in der Kultur seit Längerem beobachten kann.
Ein Beispiel sind die beliebten sommerlichen Kammermusikfestivals, die gerade in den attraktiven Alpenregionen wachsenden Zuspruch finden. Tagsüber wandern, gesund essen und am Abend ins Konzert: das perfekte kulturelle Wellnesspaket für erholungsbedürftige Städter. Der Altdorfer Konzertsaal passt insofern gut in die heutige Zeit. Und wenn sein Leiter noch ein international vernetzter Musiker ist, der sich mit dem Ort emotional verbunden fühlt, ist das ein zusätzlicher Pluspunkt.
Haefliger ist vor einigen Jahren aus den USA in die Schweiz zurückgekehrt und lebt jetzt mit seiner Frau, der amerikanischen Flötistin Marina Piccinini, hoch über Altdorf auf 1700 Metern mit einer prächtigen Rundsicht auf die Urner Alpen. In den Ort hat sich der charismatische Künstler verliebt und hat sich, getrieben von seiner Vision, in kurzer Zeit einen Bekanntenkreis geschaffen, der vom Bäcker bis zum kantonalen Regierungsrat reicht. Wenn man mit ihm durch das Zentrum spaziert, grüßt er alle paar Schritte jemanden. Auch als Musiker sind er und seine Frau bestens eingeführt, ihr „Zauberklang-Festival“ zieht Besucher aus der ganzen Schweiz an.
Sein Vorhaben hat Haefliger mit strategischer Weitsicht geplant. Die Konzerttätigkeit will er in den nächsten Jahren reduzieren, um sich als Lobbyist in eigener Sache seinem Herzensprojekt widmen zu können. Die Pläne situieren den Saal in einem denkmalgeschützten Zeughaus aus dem frühen 19. Jahrhundert im Zentrum Altdorfs. Dessen Fassade wird nicht angetastet, das Innere aber revitalisiert, um einer Holzkonstruktion Platz zu machen, die auf vier Pfeilern ruht und Platz für 250 Besucher bietet. Der innovative Entwurf stammt vom japanischen Architekten Shigeru Ban, der sich mit seinen Holzbauten internationales Renommee erwarb.
Entwicklung in der Region durch Kultur
Als Betriebsgesellschaft für den Saalbau fungiert eine Stiftung mit Persönlichkeiten aus Altdorf, eine im Kern aus dem Ehepaar Haefliger und einem erfahrenen Kulturmanager bestehende Projektgruppe wird den Bau überwachen. Der Zeitplan ist eng und genau getaktet, das Fundraising läuft auf vollen Touren. 2027 soll die Baubewilligung vorliegen, ab 2028 soll gebaut und 2030 eröffnet werden. Die Kosten von rund 45 Millionen Franken sollen laut Haefliger durch Zuwendungen von Mäzenen und Stiftungen gedeckt werden. Eine gewagte Wette, doch er ist sich sicher, dass das klappt. Die nicht unerheblichen Kosten für den laufenden Betrieb sind bereits durch eine feste Zusage abgesichert. Auch hier sind also Kanton und Gemeinde entlastet.
Der Saal im Ortszentrum soll auf keinen Fall wie ein Fremdkörper wirken, in dem eine auswärtige Kundschaft Hochkultur zelebriert, sondern er soll in das lokale Kulturleben integriert werden. Er wird auch Veranstaltern aus anderen Musikrichtungen offen stehen, und das täglich geöffnete Foyer im Erdgeschoss wird als Treffpunkt eingerichtet, wo man sich auch schnell zu einem Kaffee oder einem Bier treffen kann.
Die Idee, mit Musik einen kulturellen Entwicklungsprozess in der Region anzustoßen, trifft sich mit den heute praktizierten Modellen eines nachhaltigen Tourismus. Zugleich erzeugt das Projekt beträchtlichen künstlerischen Mehrwert. Wenn alles gut geht, werden in Altdorf von 2030 an Konzerte von ausgesuchter Qualität zu hören sein, es werden Tonaufnahmen entstehen und für die Altdorfer Schüler Education-Programme angeboten. Marina Piccinini, die an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore Flöte unterrichtet, wird Meisterkurse organisieren. Sie hat auch dafür gesorgt, dass das Peabody Institute der Universität schon 2027 Studenten nach Altdorf schickt. Angesichts trüber Zukunftsaussichten ist dieses Projekt ein starkes Signal für den Erhalt unserer Musikkultur.
Source: faz.net