In den Sozialen Medien wird Mental Health zum Riesenthema gemacht. Die Folge: Psychologen sind überlastet. Und die, die wirklich Hilfe brauchen, leiden darunter
Lebst du noch, oder therapierst du schon? Wer über Mental Health redet, begibt sich auf dünnes Eis. Aktuell kämpfen Psychotherapeuten gegen Krankenkassen, die ihr Honorar um 4,5 Prozent senken wollen. Ich dagegen würde Menschen, die von Berufs wegen in die Abgründe unserer spätkapitalistischen Seele blicken, so viel Geld bezahlen wie möglich.
Wer eine Therapie braucht, muss zu lange warten. Auch wenn die Zahl der Plätze gestiegen ist, steigt die Nachfrage immer schneller. Natürlich sollten psychisch Kranke schnellstmöglich eine Behandlung bekommen. Und doch frage ich mich, in was für einer Gesellschaft wir leben, wenn der Bedarf nach Therapie derart zunimmt. Hinter diesen Zahlen steckt, fürchte ich, Resignation: In Zeiten des Hypes um künstliche Intelligenz gehen viele Menschen davon aus, eine Therapie sei der letzte Raum, in dem sie als leidende und fühlende menschliche Intelligenz noch willkommen sind. Das Leiden an der Art, wie wir leben, wird in Therapieräume gedrängt.
Zugleich wird der Schmerz über Instagram und TikTok künstlich kreiert. Wischt man dort umher, über-fluten einen Beraterkacheln von Heilern, Healern, Scammern, die Leid kapitalisieren wollen. Hier wirkt das Seelenleben wie ein Drogerieregal mit hundert Sorten Deos zur Auswahl. Pseudo-Docs erfinden Mental-Health-Probleme und bieten am Ende ihrer Erklärvideos Workshops, Retreats oder direkt teure Termine in ihrem Onlinekalender an. Wer sich das nicht leisten kann, rennt zum Hausarzt und bittet um Überweisung zum Therapeuten. Ständig wird in suggestiven Videos erklärt, was alles toxisch sei. Familien, Freunde, Liebespaare. Macht alles krank! Negative Emotionen? Weg damit! Vermeintlich negative Menschen? Gehören nicht zum Leben! Freunde, die Dampf ablassen, wie das mal hieß, betreiben jetzt etwa sogenanntes Venting. Von solchen am besten Abstand halten und bessere Freunde suchen, wird geraten. Freunde liegen ja auch herum wie Herbstlaub, man bläst die einen weg, und schon fallen die nächsten herab! Bindung, so wird vermittelt, sei etwas für die Schwächlinge, die sich nicht optimieren wollen. In der Psycho-Bubble regieren die Anleitung zur Vereinzelung und der Imperativ zu Ich-Fixierung. Und diese Vereinzelten füllen die Kassen.
Überforderte Mütter etwa werden im Netz nie im Kontext aktueller Krisen und von Existenzängsten gesehen. Nein, sie seien allesamt Narzisstinnen, heißt es. Ein kurzer Realitätscheck: Der Anteil pathologischer Narzissten an der Allgemeinbevölkerung soll weit unter fünf Prozent liegen. Im Netz dagegen scheint jede zweite Mutter eine Narzisstin zu sein, der Vater gleich mit. Und sie alle brauchen natürlich Helfer; nur so werden sie eines Tages übermenschlich gesund leben.
Wie wäre es, wenn ausgebildete Therapeuten mehr statt weniger Geld bekämen, auch um in der Öffentlichkeit aufzuklären? Profis, die uns beibringen, was zum Leben gehört, was uns resilient macht, wenn wir es durchleben. Wir könnten außerdem lernen, wie wir für Familie und Freunde da sein können, auch wenn man den anderen mal nicht gut erträgt.
Was haben wir nicht alles an die Therapeuten wegdelegiert, während wir selbst steriler, cleaner und einsamer werden, immer höhere Ansprüche an uns selbst und an andere stellen. Könnten wir stattdessen ehrlicher werden, verletzlicher, solidarischer? Vielleicht würden wir so die Therapieplätze wieder jenen überlassen, die sie dringend brauchen, statt uns vor den Missständen dieser Zeit für eine Stunde die Woche in Sicherheit zu bringen.
Source: stern.de