KI trifft Roboter: Germany’s next Topmodel

Angebunden an einen fingerdicken Sicherheitsgurt schreitet Agile One langsam über den Laufsteg. Zehn Schritte nach vorn, ein kurzer Blick nach links, ein kurzer Blick nach rechts, einmal winken, eine halbe Drehung um die eigene Achse, und dann geht es auch schon wieder zurück. Der menschengroße Roboter zeigt auf der größten Industriemesse der Welt in Hannover, was er alles kann – und das ist eine ganze Menge.

Das Publikum klatscht. Die Ingenieure sind erleichtert. Alles läuft wie am Schnürchen. Der Bundeskanzler war auch schon am Messestand. „Das nächste Level ist erreicht“, sagt Bettina Schön-Behanzin. Sie hat einiges vor sich. Sie sitzt im Präsidium der Agile Robots SE, eines vor acht Jahren in München gegründeten Unternehmens. Die Firma war eine Ausgründung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, schloss mehrere millionenschwere Finanzierungsrunden und Übernahmen ab. Heute ist sie eine der großen Hoffnungen in Europa.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betrachtet beim Eröffnungsrundgang der Hannover Messe den humanoiden Roboter Agile One.dpa

China an der Spitze

Hoffnung scheint auch nötig zu sein. Denn während sich Amerika bei KI-Systemen mittlerweile an die Weltspitze gesetzt hat, führt China auf dem Feld der Robotik. Nach Angaben der International Federation of Robotics arbeiten in Chinas Fabriken heute rund zwei Millionen Roboter. Jedes Jahr kommt eine viertel Million dazu. Das ist nicht nur mehr als in jedem anderen Land der Welt. Das ist auch dreimal so viel wie die jährlichen Neuanschaffungen in Europa.

Nach den klassischen Industrierobotern mit ihren übermannshohen Greifarmen oder den von Geisterhand durch Fabrikhallen rollenden Transportrobotern haben chinesische Start-ups wie Unitree, Agibot oder Ubtech der Entwicklung der sogenannten Humanoiden neuen Schwung gegeben. Was einst mit der japanischen Honda-Gruppe und deren Asimo-Robot seinen Anfang nahm, wird heute von China dominiert. Dies soll sich ändern.

Pünktlich zur Messe hat die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatec) eine „Roadmap“ für die sogenannte Physical AI erstellt. Denn was als KI-System bislang aus einer eher wesenlosen „Datencloud“ kam, bekommt nun Form und Farbe: in Gestalt sich selbst steuernder Anlagen und menschenähnlicher Roboter – Hightechmaschinen mit Köpfchen und auf zwei Beinen.

Wirtschaft fordert Ausnahme von Europas „AI Act“

Europas Industriekonzerne wollen nicht länger das Nachsehen gegenüber der Konkurrenz in Übersee haben. Sie rüsten auf und machen sich fit. Dies aber braucht einen flexibleren wirtschaftspolitischen Rahmen. Die Verbände der Maschinenbauer, VDMA, und der Elektrotechnik, ZVEI, fordern nicht erst auf der Messe, die ganz auf den Industriegebrauch ausgerichteten KI-Systeme aus den strengen „AI-Acts“ der EU auszunehmen, sodass diese sich ähnlich wie bei der Konkurrenz in Amerika und China frei entwickeln können.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte in Hannover, sich in Brüssel für genau diese Forderung einsetzen zu wollen. Denn die Vorgaben der EU würden sowohl in den Unternehmen wie auch in den maßgeblichen Forschungseinrichtungen als Korsett empfunden. Das müsse man ablegen. Schon drohen Industriekonzerne wie Siemens, ihre großen KI-Investitionen nicht mehr in Europa, sondern in Asien und Amerika zu tätigen. Schon haben Roboterhersteller wie ABB Teile ihrer Geschäfte nach Asien verkauft.

Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbandes der Industrie (BDI), sagte auf dem Wirtschaftsforum in Hannover, die Unternehmen würden unter der hiesigen Bürokratie geradezu ersticken. Die europäischen Spielregeln etwa für KI-Systeme seien da nur eines von vielen alarmierenden Beispielen. Entwicklungen würden gehemmt und blockiert. Das koste Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand. So könne es nicht weitergehen.

Humanoide Roboter auf der IndustriemesseAP

SAP zeigt neue Packmaschine

Dabei wird gerade mit der Künstlichen Intelligenz ein neues Kapitel aufgeschlagen. „Wir verbinden hier physische und virtuelle Welt“, sagt Jan-Henning Fabian, Mitglied im Acatec-Forschungsbeirat Industrie 4.0 und Leiter des ABB-Forschungszentrums in Deutschland. Die Hausaufgaben seien gemacht, die Basistechnologien auf den Weg gebracht. Nun komme Physical AI ins Spiel. Das sei keine Spielerei mehr, das sei die Industriearbeit von morgen. In den Messehallen ist sie heute schon zu sehen.

SAP zeigt mit dem Maschinenbauer Uhlmann eine Packmaschine, die sich ganz ohne menschliches Zutun selbst ein- und ausrichten kann. SAP-Manager Matthias Deindl nennt es ein „dynamisches System“. Es zeige, wie sich industrielle Daten nutzen ließen. „Dank unserer starken Industrie sitzen wir in Deutschland auf einem Datenschatz. Wir zeigen hier, wie wir den heben können.“

Human-Machine Interaction: Ein Roboter löst Strategiespiele.dpa

„Wir arbeiten ohne Code und ohne Befehle“

Beckhoff Automation zeigt, wie sich generative KI in industriellen Anlagen einbauen und integrieren lässt. „Wir arbeiten ohne Code und ohne Befehle“, sagt Fabian Bause. KI mache es möglich. „Die Systeme werden nicht mehr programmiert, sie arbeiten aus sich heraus. So sehen sie selbständig Probleme, Schwierigkeiten und Hürden. Sie suchen selbständig nach Lösungen. Und sie treffen selbständig Entscheidungen“, sagt er.

„Meiner Ansicht nach ist Physical AI das zentrale Element, um autonome Fabriken wirklich Realität werden zu lassen“, sagt ABB-Manager Fabian. KI gebe Maschinen eine Art von Intelligenz, die weit über die bisherige Automatisierung hinausreiche. „Sie verstehen ihre Umgebung. Sie können selbst entscheiden und auf nicht Vorhersehbares reagieren.“ KI trifft Roboter. Zwei Themen und viele Wege zum Ziel.

Eigene Wege aus dem deutschen Mittelstand

Einen ganz eigenen Weg geht Jörg Hermes mit SEW Eurodrive. Der Antriebsspezialist aus Bruchsal ist guter deutscher Mittelstand: Familienbetrieb, 95 Jahre alt, auf der ganzen Welt vertreten, 22.700 Mitarbeiter, 4,5 Milliarden Euro Jahresumsatz. „Wir wollen Robotics made in Europe“, sagt Hermes, der als Vorstand das Tagesgeschäft verantwortet: „Wir arbeiten an einer offenen Technologie, an einer neutralen Robotik.“

Er arbeitet mit seinem Team an der Entwicklung einer Art Roboter-Betriebssystem, mit dem sich Maschinen über ihre bisherigen Systemgrenzen hinweg verbinden und verständlich machen können. „Den Weg zum humanoiden Roboter gehen wir noch nicht mit“, sagt Hermes. Er spricht von vollautomatisierten Produktionsumfeldern und digitalen Zwillingen, klassischen Knickarm- und Transportrobotern.

Schaltzentrale: Am Stand von SEW Eurodrive in HannoverReuters

Viele dieser Maschinen seien technisch gesehen noch Inseln. Warum? Weil sie seitens der Anbieter nur mit speziellen Steuertechnologien geliefert würden. Dies müsse sich ändern, wenn alles mit allem verbunden, alles mit allem kommunizieren und alles von allen verstanden werden soll, sagt Hermes. Digitale Daten seien das Mittel zum Zweck. In Hannover zeigt er, was er damit meint.

Auf dem großflächigen Messestand sind viele kleine Produktionsanlagen und große Roboterarme aufgebaut. Im Zentrum steht das, was Hermes das „Mission Control Center“ nennt. Hier laufen Daten ein, hier gehen sie auch wieder raus. Ein Datenzentrum im Miniformat. „Wir bauen an einem Steuersystem im Legoformat. Ein Baukasten, mit dem Kunden sich das zusammenbauen können, was sie passgenau brauchen“, sagt Hermes.

Roboter übernehmen Aufgaben von Menschen an der Werkbank

Beim Münchner Start-up Agile Robots haben sie aus einer Industrieanlage gleich eine menschenähnliche Maschine gemacht. Dank spezieller Sensoren und Chips kann diese nicht nur hören, sehen und über einen Catwalk gehen; sie kann sich auch im Raum orientieren und gegebene Arbeitsaufgaben selbständig organisieren. „Agile One kann industrielle Fertigung“, sagt Schön-Behanzin. Und zeigt, was das heißt.

Am Messestand sitzen zwei Agile-One-Roboter an einer Werkbank und machen das, was geschulte Mitarbeiter machen. Sie bauen kleine Geräte zusammen, reichen sich Bauteile und Werkzeuge zu, sehen, was zu tun ist und reagieren darauf. „Wir haben bei Partnern in aller Welt derzeit zweitausend industrielle Lösungen laufen“, sagt Bettina Schön-Behanzin. Von Apple bis zu quasi allen großen Autobauern.

„Die Entwicklung ist noch jung, und die ganze Branche steht noch ganz am Anfang“, sagt sie. Daher also auch der Sicherheitsgurt für den Roboter auf dem Laufsteg; Germany’s next Topmodel an der kurzen Leine? „Nicht ganz“, sagt sie und lacht. „Das hat mehr mit den Vorschriften hier in den Hallen zu tun“, sagt Schön-Behanzin: „Sonst hätten wir den Roboter nicht laufen lassen dürfen.“

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