Ein Drittel, manche sagen sogar die Hälfte, der Menschen in Deutschland lebt im ländlichen Raum, auf rund neunzig Prozent der Landesfläche. Allein dieser Befund ist ein Kontrapunkt zu einer öffentlichen Aufmerksamkeit, die sich in Politik, Medien und Gesellschaft allzu oft in den Städten staut. Andreas Möllers Buch „Die Unterschätzten“ setzt genau hier an. Es fordert einen längst überfälligen Perspektivwechsel, der das Land nicht länger als Randnotiz behandelt, sondern als Ort begreift, ohne den sich zentrale Zukunftsfragen nicht beantworten lassen.
Mit „unterschätzt“ meint Möller vor allem ein Versäumnis der „Wohlmeinenden“. Mal verklären Städter das Landleben romantisch, mal begegnen sie ihm herablassend oder mitleidig, selten aber auf Augenhöhe. So wird über Klimaschutz, Energiewende, Ernährung oder Strukturpolitik verhandelt, ohne das Erfahrungswissen jener ernsthaft einzubeziehen, die die Folgen solcher Entscheidungen tragen und vieles davon praktisch umsetzen müssen. Der ländliche Raum wird zur Projektionsfläche. Aus dieser Schieflage, so lautet eine These Möllers, erwächst nicht nur Frust, sondern ein politisches Problem: das Gefühl, die eigene Stimme zähle weniger, und man werde im Zweifel noch belehrt. Kurz gesagt erklärt die Stadt dem Land, wie es zu sein hat.
Andreas Möller illustriert diese Kluft an Beispielen, die zeigen, wie rasch Debatten ins Dogmatische kippen, beim Insektenschutz, in Ernährungsfragen oder in der Suche nach der vermeintlich saubersten Antriebsform. Aus komplexen Abwägungen werden Symbole, aus Abwägungsprozessen wird Ja oder Nein, und wo es um Praktikabilität und Zielkonflikte ginge, entstehen Lager. Stark wird das Buch dort, wo es Erfahrungen und Gefühle konkret macht. In der Figur des Landwirts Hendrik, eines Kindheitsfreunds des Autors in einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wird Landwirtschaft als häufig technokratisch anmutendes Feld plötzlich greifbar, mitsamt ökonomischem Druck, Stolz und verletzten Gefühlen.
Keine Energiewende ohne den ländlichen Raum
Die Energiewende beschreibt Möller gewissermaßen als Seismographen für tiefer sitzenden Frust. Auf dem Land hält man sie nicht grundsätzlich für falsch, im Gegenteil, viele profitieren sogar davon. Doch vielen erscheint die Umsetzung asymmetrisch. Die Provinz wird Investitions- und Umsetzungsraum, doch die Dörfer fühlen sich mit ihren Bedürfnissen alleingelassen. Während Windräder und Solarparks entschlossen vorangetrieben werden, verschwindet andernorts seit Jahren Infrastruktur – Krankenhäuser, Jugendklubs, Gasthöfe, also jene Orte, die Alltag und Gemeinschaft tragen. So entsteht ein Ungleichgewicht. Einerseits soll das Land Nahrung und Energie produzieren, andererseits interessiert sich außerhalb konkreter Projekte oft kaum jemand dafür, was hier fehlt.
Der gängigen Erzählung vom Abgehängtsein widerspricht Möller gleichwohl entschieden. Zu Recht zeichnet er ländliche Regionen als unterschätzte Wirtschaftsmotoren. Fernab der Konzernzentralen sitzen hier Mittelstand, Handwerk und die sogenannten Hidden Champions, die in Sonntagsreden gern beschworen, aber im Alltag selten genauer betrachtet werden. Sie schaffen seit Jahrzehnten, von Ost bis West, Wertschöpfung, Beschäftigung und Ausbildung, oft in Familienbetrieben und über Generationen. Nicht millionenschwere Start-ups oder gläserne „Innovation Hubs“ geben den Ton an, sondern Werkstätten und Höfe, Klempner und Tischler, Maschinenbauer und Zulieferer. Das ist weniger sichtbar, aber nicht weniger wichtig, und es wäre nötig, über das Positive häufiger zu sprechen.
Keine Anklage nur gegen die Städter
Zugleich sind ländliche Regionen verwundbar. Viele Betriebe können ihre Arbeit nicht einfach wie ein Großkonzern ins Ausland verlagern, die Landwirtschaft schon gar nicht. Bürokratie und neue politische Vorgaben treffen sie ins Mark. Und wer sich ohnehin als wenig gehört erlebt, empfindet zusätzliche Lasten schnell als Missachtung. Das hat, sagt Möller, Folgen für die Zustimmung zur Demokratie, in Dörfern und Städten gleichermaßen. Der gefühlte Zustand der Wirtschaft spielt eine zentrale Rolle. Wer raus aufs Land fährt und mit Menschen spricht, erfährt eine Menge über den Zustand der Demokratie.
„Die Unterschätzten“ ist keine Anklage gegen Stadtbewohner allein. Möller plädiert zu Recht auch dafür, dass die Menschen auf dem Land ihren Blick weiten. Denn auch dort gibt es Echokammern, vorschnelle Urteile sowie eine ausgeprägte Opfererzählung, etwa unter Landwirten. Nicht nur meckern und auf bessere Zeiten warten, sondern auch mal machen: Diese Devise kommt in dem Buch bei aller berechtigten Problembeschreibung bisweilen etwas zu kurz.
Der Autor schildert erfrischend unaufgeregt, was ist; stets faktensicher, manchmal melancholisch, aber nie illusorisch. Die Kindheitsbilder aus dem Osten, wo der Autor einen Teil seiner Kindheit verbracht hat, berühren, ohne dass dabei der Vergangenheit nachgetrauert wird. Frisierte Mopeds, ausgenommene Fische, Schnäpse am Küchentisch. Auf dem Dorf werden Erinnerungen geschrieben. „Froh zu sein, bedarf es wenig“, zitiert der Autor seinen Vater. Das trifft auf die Provinz zu, wenn auch früher mehr als heute.
Am Ende ist dieses Buch eine Einladung, genauer hinzusehen und wieder miteinander ins Gespräch zu kommen. Es wirkt damit wie ein Gegengift gegen den Kulturkampf nach amerikanischem Muster, der urbane Eliten und ein angeblich „vergessenes Land“ zu Gegnern erklärt. Möller zufolge trennt Stadt und Land womöglich weniger, als sie verbindet, sobald man aufhört, Ignoranz mit Weltläufigkeit zu verwechseln. Für urbane Leser wie für Menschen auf dem Land ist das Buch eine lohnende Lektüre, weil es Wahrnehmungen ordnet und Erfahrungen in das große Ganze übersetzt. Vor allem aber ist das Buch ein Appell, Entwicklungen außerhalb der Metropolen politisch ernster zu nehmen, auch um Spaltung vorzubeugen. In einem Jahr, in dem in Ostdeutschland gewählt wird, ist dieses Buch relevanter denn je.
Andreas Möller: „Die Unterschätzten. Warum sich unsere Zukunft auf dem Land entscheidet“. Rowohlt Berlin, 208 Seiten, 24 Euro.