Die Öffnung der Straße von Hormus während der Feuerpause war nur von kurzer Dauer. Nicht einmal 24 Stunden später haben die iranischen Streitkräfte die Meerenge am Wochenende wieder geschlossen – die Schiffe sitzen erneut im Persischen Golf fest. Die Pharmaunternehmen werden dabei nicht nur von steigenden Transport- und Energiekosten belastet. Zugleich könnten kritische Rohstoffe, die für die Herstellung von Medikamenten benötigt werden, allmählich knapp werden. Ein Beispiel ist das Gas Helium, das unter anderem eingesetzt wird, um die Qualität und Reinheit von Arzneimitteln zu prüfen, bevor sie in den Verkauf kommen. Untersucht wird unter anderem, ob Verschlüsse von Ampullen und Tablettenblister dicht verschlossen sind.
Zudem dient flüssiges Helium dazu, Hochleistungsgeräte in der Forschung oder MRT-Geräte, die zur Diagnosestellung in Kliniken eingesetzt werden, zu kühlen. Erst so können scharfe Bilder von Molekülen oder menschlichen Organen erzeugt werden. Laut dem Branchenverband Pharma Deutschland sind deutsche Hersteller fast vollständig auf Helium-Importe angewiesen, die größtenteils durch die Straße von Hormus gelangen. Zu den Hauptproduzenten zählen Qatar, die USA und Algerien.
„Der Irankrieg ist noch nicht in den Regalen der Apotheken angekommen. In den Laboren und Werken der deutschen Arzneimittelhersteller steigt jedoch die Sorge, je länger die Blockade der Straße von Hormus dauert“, warnte vor Kurzem die Verbandschefin Dorothee Brakmann. Noch geben große deutsche Hersteller wie Boehringer Ingelheim, Fresenius und Merck aber Entwarnung. Zwar würden die Unternehmen das Geschehen in Iran und in der Golfregion aufmerksam verfolgen. Bisher liefen die Produktionsprozesse aber wie gewohnt weiter. „Wir gehen derzeit davon aus, dass die Auswirkungen durch mögliche Störungen in der Lieferkette begrenzt bleiben“, erklärt ein Sprecher des Darmstädter Unternehmens Merck auf Nachfrage.
Boehringer will Helium künftig recyceln
Der Infusionshersteller und Klinikbetreiber Fresenius betont, dass der Geschäftsbetrieb normal weiterlaufe und notwendige Vorsichtsmaßnahmen ergriffen würden, um die Sicherheit von Beschäftigten und die Patientenversorgung sicherzustellen. Um Lieferketten widerstandsfähiger zu machen, setzt Fresenius seit Längerem darauf, in den Regionen USA, Europa und Asien jeweils lokale Produktion anzusiedeln („local for local“). „Dieser Ansatz erweist sich nun als strategischer Vorteil“, so eine Sprecherin. Wie sich der Irankrieg langfristig auf die Strategie auswirkt, vermag Fresenius nicht zu beurteilen. Beim Hersteller Boehringer Ingelheim, der unter anderem Arzneimittel gegen Diabetes, Herz- und Lungenerkrankungen entwickelt, sind die Reserven dank langfristiger Verträge noch nicht erschöpft. „Die Helium-Versorgung könnte eine Herausforderung darstellen“, warnt aber ein Sprecher.
Allerdings sieht sich das Unternehmen hier gut gewappnet. So werde Boehringer künftig in der Lage sein, Helium an seinem Forschungsstandort Biberach zu 95 Prozent zu recyceln. Eine Rückgewinnungsanlage gehe demnächst in Betrieb. „Darum erwarten wir, in Zukunft nicht mehr so stark auf Lieferungen aus der Golfregion angewiesen zu sein“, betont der Sprecher. Insgesamt stellt sich das Unternehmen darauf ein, dass wegen längerer Schifffahrtsrouten und der stärkeren Nutzung von Luftfracht die Transportkosten längerfristig steigen dürften.
Transportkosten im Oman vervielfacht
Dieses Risiko sieht auch der Pharmaverband Pro Generika, der die Interessen von Herstellern von Nachahmerprodukten vertritt. Ihre Lagerbestände reichten grundsätzlich vier bis acht Wochen. „Bei anhaltenden geopolitischen Spannungen wächst jedoch das Risiko, dass Transportverzögerungen und Kostensteigerungen diese Puffer aufzehren“, so eine Sprecherin.
Im Oman zeigten sich die Auswirkungen bereits. So seien dort die Kosten für temperaturgeführte Transporte, wie sie besonders bei empfindlichen Arzneimitteln zur Einhaltung der Kühlkette wichtig sind, um mehr als 500 Prozent gestiegen. Gleichzeitig hätte sich die Transportdauer von 45 auf bis zu 130 Tage verlängert. „Hinzu kommen Rückwirkungen auf Vorprodukte und Rohstoffe“, heißt es weiter. Unternehmen berichteten bereits von Belastungen bei Lösungsmitteln und aus fossilen Rohstoffen gewonnenen Materialien für die Wirkstoffproduktion in Indien.
„Wir müssen die Risiken klar benennen“, betonte Dorothee Brakmann, Hauptgeschäftsführerin von Pharma Deutschland, in einem Statement. Der Verband will erreichen, dass Helium etwa als strategisch relevantes Gut für das Gesundheitswesen eingestuft wird. Außerdem sollen die bislang an Helium geknüpften Verfahren zur Qualitätskontrolle, wie sie oftmals im Arzneibuch vorgeschrieben sind, langfristig auf andere Stoffe umgestellt werden. Das gehe aber nicht von heute auf morgen.