„Jodelst du?“ – Popstar kennt arabischen Jubelruf nicht und steht jetzt unter Islamophobie-Verdacht

Die Sängerin Sabrina Carpenter versteht auf der Bühne einen arabischen Ruf falsch – und steht plötzlich am Pranger. Ein Lehrstück über eine Öffentlichkeit, die keine Grautöne mehr kennt.

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So schnell kann das gehen. Im Jahr 2025 noch landete Sabrina Carpenter mit „Espresso“ den Sommerhit des Jahres und arbeitete sich in die Riege der einflussreichsten Popstars unserer Gegenwart hoch. Jetzt sitzt sie hier, auf der größten Bühne des wichtigsten Musikfestivals der Welt und versteht die Welt nicht mehr.

Kurz bevor sie auf dem bedeutenden Coachella-Festival einen Song von ihrem neuen Album anspielt, schaut sie verwirrt in das Publikum und spricht eine Zuschauerin direkt an. „Hast du da gerade gejodelt?“, fragt Carpenter und verzieht leicht das Gesicht. „Ich mag das nicht“, fügt sie nach einer kleinen Pause süffisant an.

Die Zuschauerin hält dagegen und erklärt sich: Nein, nein, sie habe nicht gejodelt, das sei ihre Kultur, sagt sie – was bei Carpenter nur noch mehr Verwirrung auslöst. „Jodeln ist deine Kultur?“ Das finde sie sehr merkwürdig. Später stellt sich heraus, dass die Zuschauerin tatsächlich nicht gejodelt, sondern einen sogenannten Zaghrouta-Ruf angestimmt hatte, einen arabischen Jubellaut, der bei freudigen Ereignissen und Hochzeiten eingesetzt wird.

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Eigentlich war das eine harmlose Szene, ein offensichtliches Missverständnis, lost in cultural translation. Ja, das kann auf dem größten Plastik-Festival der Welt, veranstaltet inmitten der kalifornischen Wüste mit Privatlandeplätzen für die Superreichen und zahlreichen Selfie-Kulissen für die Superbedeutenden, schon einmal passieren. Vor ein paar Jahren wären solche Szenen viral gegangen, für zwei Tage durch die Feeds der Gen Z kursiert und dann wieder verschwunden. Aber wir schreiben das Jahr 2026. Da sind die Dinge anders. Und da haben Szenen wie diese bloß noch Verhetzungspotenzial.

So kam es, wie es kommen musste: Carpenter bekam im Netz einen Shitstorm, weil sie die arabische Kultur nicht respektiere, was aber natürlich Unsinn ist, denn sie hat den Ruf ja gar nicht erst als kulturelle Geste erkannt. Sogar Islamophobie wurde ihr vorgeworfen. Was folgt? Die obligatorische öffentliche Entschuldigung und das Bekenntnis, dass man sich kulturell mittlerweile weitergebildet hätte.

Das ist typisch für unsere Gegenwart. Wir leben nicht in einer sensibleren, sondern in einer hysterischeren Öffentlichkeit, in einer Öffentlichkeit, in der selbst offensichtliche Missverständnisse nicht mehr aufgeklärt, sondern sofort kriminalisiert werden. Was früher ein kurzer Moment der Irritation gewesen wäre, wird heute reflexartig zur moralischen Anklage – und das ist der eigentliche Kipppunkt unserer Gegenwart. Nicht die fehlende Sensibilität, sondern die fehlende Bereitschaft zur Einordnung.

Aus einem Missverständnis wird so kein Dialog mehr, sondern ein Tribunal

Der Raum zwischen Nichtwissen und Urteil ist kollabiert. Statt neugieriger Nachfrage dominiert die sofortige Zuschreibung von Schuld, gespeist aus einer digitalen Öffentlichkeit, die sich weniger für Kontext interessiert als für klare Täter-Opfer-Narrative. Aus einem Missverständnis wird so kein Dialog mehr, sondern ein Tribunal – und aus einem Moment der Verwirrung ein vermeintlicher Beweis für kulturelles Versagen.

Tja, so schnell kann das gehen. Eben noch der perfekt kuratierte Popstar, der den Soundtrack eines Sommers liefert, und im nächsten Moment die Projektionsfläche für eine Empörung, die weit weniger über Sabrina Carpenter erzählt als über eine Öffentlichkeit, die aus jedem Missverständnis einen moralischen Ernstfall macht. Aber vielleicht ist das Coachella-Festival auch deshalb so wichtig. Weil es genau diese Phänomene sichtbar macht. Das ist sie, die gute, neue Zeit.

Source: welt.de

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