Dialektik | Angst vor jener Atombombe: Hat sich jene Welt ihren Trump verdient?

Wäre nicht alles auf eine so furchtbare Weise real, Donald Trump gäbe die ideale Figur für einen Comic-Strip ab. Erstes Bild: Donald will etwas haben und droht denen, denen es gehört, mit brutaler Gewalt. Zweites Bild: Donald macht etwas Bösartiges, Widersinniges und Planloses. Drittes Bild: Vor Trümmern, Mauern und Explosionen sitzt Donald auf einem goldenen Klo, wischt sich den Hintern mit dem Völkerrecht und lässt sich von seinen Vasallen für seinen großartigen Deal mit irgendwas Goldenem feiern.

Ein solch klassischer Drei-Bilder-Gag-Strip lässt sich zwar ausgiebig variieren, unterliegt aber auch einer gewissen Steigerungslogik. Der Abgrund zwischen dem Haben-Wollen und dem Zerstörung-Anrichten muss immer größer werden, damit nicht gar ein Gewöhnungseffekt eintrete.

Der letzte Strip dieser Art ist folgerichtig jener, in dem Donald die ganze Welt haben will – und der Planet daraufhin zugrunde geht. Das mittlere Bild zeigt seinen Daumen auf dem roten Knopf. In der dazugehörigen Sprechblase scheinen zwischen Schimpf- und Zensur-Zeichen die Worte „ganze Zivilisation vernichten“, „Hölle bereiten“, „f***ende Bastarde“ und „Steinzeit“ auf. Und während im letzten Bild die Erde unter einem Atompilz zerbirst, lobpreisen die Börsianer den größten Dealmaker aller Zeiten mit einem Allzeithoch.

Wird die Zukunft von Zwangsneurotikern übernommen?

Die Frage, die sich ein solcher repetitiver Comic-Strip stellt, ohne sie je zu beantworten, ähnelt der aus den Peanuts: Wird die Zukunft von Zwangsneurotikern, Egomanen oder Soziopathen übernommen, oder ist die Welt so neurotisch, asozial und narzisstisch, dass sie nur solche kleinen Monster hervorbringen kann? Unsere Frage also lautet: Ist Donald Trump ein Verrückter, der die Welt bedroht, oder ist die Welt so verrückt geworden, dass sie nur einen Donald Trump hervorbringen kann? Die Pointe liegt natürlich in der Dialektik. Diese Welt hat sich ihren Trump verdient.

Die Voraussetzung für das Funktionieren der Trump-Pointen liegt in einem allgemeinen Wirklichkeitsverlust. Bei Wallstreet Online, nicht gerade das kritischste Organ, heißt es, die Lage an der Straße von Hormus sei „zwischen Wahrheit, Manipulation und Fake News“ zwar weiter eskaliert, „aber die Finanzmärkte wollen gute Nachrichten hören – also werden diese Nachrichten auffallend systematisch produziert“. Und weiter: „Aber die Realität sieht wohl anders aus, als die Wall Street das hören möchte – (…) weil man in einer Art geistiger Selbstzensur in Sachen Iran-Krieg gefangen ist: Man will Narrativen glauben, nicht Fakten.“

In der Welt der Narrative bilden sich die sozialen, politischen, kulturellen, ökonomischen und semantischen Systeme gegenseitig nicht mehr ab. Ob also der Donald Trump, der in Konsequenz seines Charakters und seines MAGA-Systems die Atombombe zündet, eine reale Gefahr oder nur ein weiterer schlechter Gag ist, lässt sich kaum sagen. Denn das eine ist so irreal wie das andere.

Vom Politischen ins Religiöse

Ebenso wenig ist genau zu sagen, ob diese Unberechenbarkeit Teil eines „Mad Man“-Spiels ist, mit dem Diktatoren gern innere wie äußere Gegner verwirren, oder ob dieser Mann in der Tat drauf und dran ist, den Verstand zu verlieren. Seine Apologeten halten Trump für fähig, „vierdimensionales Schach“ zu spielen, was aber vermutlich nichts anderes ist, als willkürlich Figuren in der Gegend herumzuwerfen. So oder so hat Trump die Spielregeln abgeschafft. (Politisches) Schachspielen macht in seiner Ära einfach keinen Sinn mehr.

Die Meta-Pointe im Donald-Trump-Comic besteht in der Beharrung seiner Umwelt auf den „Narrativen“. Die einen folgen ihm bedingungslos, die anderen versuchen ihn durch Geschenke und Schmeicheleien zu besänftigen, die dritten schließlich mahnen und warnen, ohne die geringste Idee, wie dieses Unheil namens Trump abgewendet werden könnte.

Dabei kippt überall das Politische ins Religiöse: Die einen malen sich ohne Scham und Geschmack ihren Trump als Messias, die anderen können sich einen wie ihn nur als Reiter der Apokalypse vorstellen (zusammen mit den anderen Tyrannen der Entzivilisation). In jedem Fall fällt es zunehmend schwer, sich zu vergegenwärtigen, dass dies alles Teil der allgemeinen und unausweichlichen Wirklichkeit ist.

Donald Trump ist keine Comic-Figur

Als die drei Triebkräfte beim Genuss popkultureller Narrative werden in den einschlägigen Wissenschaften genannt: Nostalgie, Eskapismus und Wunscherfüllung. Diese drei Elemente bietet die MAGA-Erzählung (wie andere rechtsextreme Narrative) reichlich. Zurück in eine Vergangenheit, die es nie gab, radikale Abkehr von den Zumutungen der materiellen wie sozialen Wirklichkeit und symbolische Aneignungen in nationalem Größenwahn, Machtanspruch und erbeutetem Reichtum.

Die Kehrseite dieser Traumbildung, jeder Pop-Mythos kann darüber Auskunft geben, ist Gewalt, Opfer und Zerstörung. Aus solchen Träumen – oder Albträumen – zu erwachen und sich wieder der Wirklichkeit zu stellen, ist denkbar schwierig. Daher muss man es sich immer wieder vor Augen halten: Dieser Donald Trump ist keine Comic-Strip-Figur. Er existiert wirklich. Und es gibt so gut wie keinen Menschen auf der Welt, der von dem, was er sagt und tut, nicht betroffen ist.

Für jemanden wie Donald Trump gibt es nur zwei Beziehungen zur Welt: Besitzen oder Zerstören. Was er nicht besitzen kann, muss er zerstören, das gilt für Dinge ebenso wie für Menschen. Was dazwischen liegt, ist das Überschreiten von Grenzen, von „roten Linien“. Der Bruch mit einer Regel. Der Verstoß gegen eine Übereinkunft. Die Aufkündigung einer Zusammenarbeit. Eine Enthemmung. Eine „Entladung“. Oder eben das, was man einen „Zivilisationsbruch“ nennt.

Dieser Donald Trump lässt nicht nur Kriegsverbrechen begehen, er kündigt sie auch an und macht sie somit zum praktischen Mittel der Politik und zum Glaubensinhalt seiner Gemeinde. Waren für ihn früher Weltregionen, die sich seiner Agenda nicht einfügten, „Scheißlöcher“, so sind jetzt Menschen, die in einem Land wohnen, dessen Öl er haben will, „Tiere“.

Eine wahrlich furchtbare Einheit

Stets mag man sich fragen, ob diese obszön unzivilisierte Sprache des Donald Trump bloße Rhetorik ist, die Comic-Show, die er für die Adressaten im MAGA-Spektrum für angemessen hält, oder ob er die Welt wirklich in eine solche Anti-Zivilisation drängt. Dass ausgerechnet er, der sich den Friedensnobelpreis eingebildet hat, das Verteidigungsministerium in „Kriegsministerium“ umbenennen lässt (Wirklichkeitsverlust zweiten Grades: Europäische Medien sprechen nach wie vor vom „Verteidigungsminister“ Hegseth), ist mehr als bloße Symbolik: Es gibt für jemanden wie Trump keine Verteidigung. Es gibt nur Angriff.

Trumps Sprache und seine Handlungen haben nicht unbedingt einen logischen Zusammenhang. Es ist keineswegs ausgemacht, dass er das, was er sagt, auch tut. Oder dass das, was er heute sagt, morgen noch von irgendeiner Relevanz ist. Aber sie haben einen inneren Zusammenhang. Das, was Trumps Sprache ausdrückt, dazu ist er auch in seinen Handlungen fähig. Die Verachtung von Menschen und von Menschlichem, die Bereitschaft zum Kriegsverbrechen, zum Zivilisationsbruch, zum Massenmord muss sich nicht direkt in Handlung umsetzen. Aber diese Bereitschaft ist da. Sie entlädt sich möglicherweise an einem Ort oder zu einem Anlass, den niemand – nicht einmal seine Anhänger – voraussehen kann.

Bei alledem darf auch nicht übersehen werden, dass sich in der Diktatur der MAGAs auch die Kleptokratie des Trump-Clans und seiner Komplizen verbirgt. Das Chaos, das der politische Herrscher Trump anrichtet, kann durchaus dem Finanz-Clan ordentliche Gewinne bringen. Es wird ja an allen Ecken und Enden sichtbar, wie sehr die Verwandlung der Welt in ein Trümmerfeld ideale Investitionsfelder für die Familienunternehmen bildet, wie sehr eine Kriegsdrohung eigene Aktiengeschäfte beflügelt, wie sehr, mit einem Wort, der kleptokratische Trump-Clan an der Zerstörung der Welt gewinnt.

Die wüste Comic-Figur, der „irre“ Politiker und der clevere Geschäftsmann – sie bilden eine wahrlich furchtbare Einheit. Solange das Dreieck stabil bleibt, wird Donald Trump die letzten Schritte zur Zerstörung der Welt vermeiden. Aber im Zentrum dieses Dreiecks steht ein Charakter, dessen Selbstsucht nicht einmal durch ökonomische Rationalität gebändigt werden kann. Donald Trump hat die Welt schon maßgeblich verändert – und gewiss nicht zum Guten. Die Gefahr, dass er sie vollends in den Abgrund stürzt, bleibt. Nicht im Comic-Strip, sondern ganz und gar real.

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