Jagd nachher Rendite: Das sind die günstigsten deutschen Aktien

Es gibt viele Möglichkeiten, die vermeintlich besten Aktien der Zukunft auszuwählen. Eine der einfachsten und zugleich erfolgversprechendsten ist es, die aktuellen Gewinner zu kaufen. Nichts ist stärker und beständiger als ein Trend an der Börse. In den vergangenen Jahren wäre das in vielen Märkten eine kluge Strategie gewesen – im deutschen Aktienmarkt auch.

Im Dax liegt derzeit nicht nur in diesem Jahr, sondern zum wiederholten Mal Siemens Energy vorne. Der Börsenwert des einst kleinsten Dax-Werts ist gerade dabei, den des bis vor Kurzem noch wertvollsten deutschen Unternehmens SAP zu überholen. Auch RWE bekräftigt eindrucksvoll seinen starken Aufwärtstrend des Jahres 2025. Eon ist nicht ganz so stark, aber auch gut dabei.

Anleger unterschätzen die Stärke von Trends

Im M-Dax liegt mal wieder Hochtief in der Spitzengruppe. Der Nordex-Kurs liegt mit gut 50 Prozent noch stärker im Plus und der Börsenwert längst doppelt so hoch wie der von kleinen Dax-Werten.

Mit dieser Anlagestrategie haben viele Anleger jedoch Schwierigkeiten. Es fällt schwer, sich einzugestehen, einen Trend verpasst zu haben. Das Gefühl, zu spät zu kommen, überwiegt. Außerdem sind diese Aktien dann doch schon irgendwie teuer. Deutlich teurer zumindest als noch vor kurzer Zeit.

Das Risiko, ausgerechnet auf einem Hoch einzusteigen, wird allerdings überschätzt. Aktientrends dauern oft viel länger als erwartet. Aber manchmal brechen sie eben auch ab und kehren sich bitter um – siehe SAP, die dieses Jahr schon mehr als 30 Prozent im Minus liegen.

Energiewerte sind große Gewinner

Die Klammer der eingangs genannten Gewinner ist ihr Bezug zu Energie.  Seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine vor mehr als vier Jahren wurde den Anlegern vor Augen geführt, dass der Strom eben nicht nur aus der Steckdose kommt, sondern es Kraftwerke braucht, stabile Energieversorger wichtig sind und auch Unabhängigkeit von Gas und Öl.

Siemens Energy als Kraftwerksbauer profitiert besonders, Nordex als Windkraftunternehmen ebenso, aber auch Eon und RWE mit ihrer großen Expertise in den Energiemärkten. Hochtief profitierte auch von Themen wie Kraftwerksbau, mehr noch aber vom Konjunkturprogramm der Regierung Merz und der Erkenntnis, dass kräftige Investitionen in die deutsche Infrastruktur nötig sind und die nächsten Jahre bestimmen werden.

Leichter fällt den meisten Anlegern eine andere Strategie, die aber riskanter und deutlich weniger Erfolg versprechend ist: die Verlierer einzusammeln. Hier muss man sich nicht vorwerfen, etwas verschlafen und verpasst zu haben. Im Gegenteil, man kauft günstiger ein als noch die Anleger vor wenigen Wochen oder Monaten. Ganz im Sinne des deutschen Hangs zur Schnäppchenjägerei bekommt man hier Aktien günstiger als noch vor kurzer Zeit.

SAP steckt im Abwärtstrend

Meistens hat ein solcher Kursrückgang jedoch gute Gründe. Und die liegen – wie bei den stabilen Aufwärtstrends – oft etwas tiefer und dauern länger. Ist ein Unternehmen am Kapitalmarkt erst mal im Topf der Verlierer gelandet, kann es deutlich länger bleiben, als viele vermuten, und es braucht Zeit und viel Überzeugungskraft, um dort wieder herauszukommen.

Die Zentrale des Softwareunternehmens SAP in WalldorfAFP

Zu SAP erreichten uns immer wieder Zuschriften, ob nun nicht eindeutig Einstiegskurse erreicht seien. Schließlich sackte der Kurs von 280 Euro Anfang 2025 immer weiter ab und kam zum Jahreswechsel bedrohlich nahe an die Marke von 200 Euro heran. Doch das wären immer noch gute Verkaufskurse gewesen, verglichen mit den aktuell 147 Euro, die nun eine SAP-Aktie kostet.

Der Trend könnte aber weiter abwärts weisen. An den Märkten herrscht die Meinung vor, dass die jahrelange Knappheit an guten Softwarefachleuten und an der Expertise von Softwarehäusern nun durch die Künstliche Intelligenz vielleicht nicht ganz beendet, aber doch deutlich reduziert wurde. Selbst Börsenriesen wie Microsoft gerieten kräftig unter die Räder. Und die Börsenhistorie zeigt, dass es eben sehr viel wahrscheinlicher ist, dass sich ein Trend fortsetzt, wenn er sich einmal etabliert hat, als dass er sich umkehrt. Es ist entsprechend also besser, gut laufende Aktien zu kaufen, als die Verlierer einzusammeln.

Dividendenstrategie ist vielversprechend

Wer dies dennoch tun will: In Deutschland notiert neben SAP auch Scout24 auf einem Tief. Henkel, Beiersdorf und Adidas sind nicht weit entfernt. Im M-Dax sind Redcare Pharmacy, Nemetschek und CTS Eventim große Verlierer.

Manche Anleger nehmen als Auswahlkriterium für Aktien die Dividende zum Maßstab. Wer als Unternehmen genug verdiene und seine Aktionäre regelmäßig daran teilhaben lasse, der habe ein stabiles Geschäftsmodell und mithin gute Zukunftsaussichten. Auch diese Strategie hat etwas für sich. Allerdings ist die Dividende flüchtig, sie kann jederzeit gestrichen werden. Entsprechend hat die Landesbank Baden-Württemberg eine Dividendenstrategie entwickelt, die schaut, welche Unternehmen selten oder nie Dividenden kürzen und zudem stabile Gewinne ausweisen. Daimler Truck, Allianz und Deutsche Post DHL lagen hier zuletzt im Dax in der Spitzengruppe, Talanx, Fuchs und DWS im M-Dax.

Billige Aktien sind nicht immer gut

Als wir zuletzt unsere Dividendenübersicht für dieses Jahr veröffentlichten, schrieben erboste Leser aber auch, die Dividendenbetrachtung führe in die Irre. Vielmehr sei es doch so, dass Unternehmen, die in ihrer Ratlosigkeit mit ihrem Geld nichts Besseres anzufangen wüssten, als es auszuschütten, am Aktienmarkt unbedingt zu meiden seien.

Einige dividendenlose US-Tech-Werte sprechen für die These. Am deutschen Markt lässt sie sich nicht halten. Im Dax ist Zalando der einzige Wert, der keine Dividende zahlt – und es ist sicherlich eines der schwächsten Papiere im Index und regelmäßig vom Abstieg bedroht. Und auch im M-Dax gehören die dividendenlosen Papiere wie Delivery Hero oder Redcare Pharmacy zu den großen Verlierern, und das nicht erst seit kurzer Zeit.

Gute Qualität hat einen Preis

Dem Bedürfnis, schwächelnde Werte am Aktienmarkt zu kaufen, kommt eine weitere Strategie nach. Sie beachtet neben der Kursschwäche zugleich die Gewinnerwartung, verbindet den Kurs also mit der wichtigsten Aktienbewertungskomponente, dem Gewinn, und dieses berühmte Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) kann einen Eindruck geben, ob eine Aktie gerade billig oder teuer zu haben ist.

Die günstigsten Aktien im Dax sind demnach aktuell Porsche, VW, BMW und Deutsche Bank. Im M-Dax sind es TUI und die Lufthansa. Dazu sollte gesagt werden, dass billig nicht gut heißen muss und teuer nicht schlecht. Dass gute Qualität einen Preis hat, dieser Satz gilt auch an der Börse. Die eingangs erwähnten Kursraketen sind daher allesamt nicht unter den günstigen Aktien zu finden, sondern eher bei den teuren.

Porsche Holding außergewöhnlich niedrig bewertet

Gleichwohl ist die Überlegung erlaubt, ob es gerechtfertigt ist, einen Titel wie die Porsche Automobil Holding mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von drei zu bewerten. Das heißt im Umkehrschluss, dass es nur drei Jahre braucht, bis das Unternehmen den gesamten Börsenwert allein durch seine drei Jahresgewinne rechtfertigt. Vorausgesetzt, die Gewinne fließen, wie aktuell erwartet. Bei Apple dauerte es derzeit gut 30 Jahre.

Die Schwierigkeit der niedrig bewerteten Aktien ist es, dass der Markt meist dicke Fragezeichen hinter die Gewinnerwartungen setzt. Der deutschen Autobranche geht es schon seit Jahren so. TUI und Lufthansa sind die großen Verlierer der aktuellen Lage im Nahen Osten. Nicht nur werden Flugreisen durch teures Öl weniger erschwinglich. Zugleich herrscht Zurückhaltung, was Buchungen in wichtigen Urlaubsregionen am Mittelmeer und in den Golfstaaten angeht. Die Lufthansa sieht sich zudem wieder Streiks ausgesetzt.

Im M-Dax vergleichsweise niedrige Bewertungen

Es lohnt jedoch, immer mal wieder die Liste der niedrigen KGV durchzuschauen und auf Auffälligkeiten zu prüfen. Da taucht zum Beispiel Fresenius Medical Care auf, was untypisch ist. Auch eine Allianz, eine Vonovia, Münchener Rück, Hannover Rück, Telekom und Henkel sind derzeit im Dax eher günstig zu haben.

Auf Indexebene war der Dax nur im März billiger, ansonsten liegt das Index-KGV derzeit unter dem Wert der vergangenen zwölf Monate. Ein Aktienkauf wäre also nun günstiger. Aber auch teurer als 2024, 2023 und 2022.

Im M-Dax sieht die Lage günstiger aus. Hier waren die Bewertungen in früheren Jahren teils deutlich höher. Noch immer herrscht eine gewisse Skepsis gegenüber den kleineren Börsenwerten, die weniger vom ETF-Boom partizipieren, der sich auf den Dax und die im Euro Stoxx 50 und dem MSCI World enthaltenen Werte fokussiert. Im M-Dax sind derzeit Kion, Jungheinrich, aber auch Immobilienwerte wie Aroundtown oder LEG eher günstig bewertet. Auch Krones, Ionos oder Freenet.

US-Aktien im Schnitt deutlich teurer

Wer noch den Blick auf Dividendenfähigkeit und Gewinnstabilität der Vorjahre dazunimmt, landet dann neben Autoaktien wie BMW und VW bei Lastwagenherstellern wie Traton und Daimler Truck, bei Versicherern wie Talanx und Allianz, bei Deutsche Post DHL, DWS oder Ströer, als Aktien von Unternehmen, die gut aufgestellt erscheinen und zugleich eher günstig bewertet sind. Bei BMW und VW gibt es zusätzlich noch einen Risikoabschlag im Kurs für die erheblichen Branchenunsicherheiten.

Im US-Markt sind solch günstige Bewertungen unter den großen Werten weiterhin Mangelware. Deutlich unter dem Dax-Schnitt von einem KGV von knapp 16 liegen im Dow Jones nur Verizon und Travellers. Knapp unterm Dax-Schnitt sind noch Goldman Sachs, Salesforce, Walt Disney und J. P. Morgan. Stichwort „Qualität hat ihren Preis“: Den US-Unternehmen wird generell immer noch deutlich mehr Wachstum zugetraut, was höhere Aktienbewertungen rechtfertigen würde. Derzeit sind die Titel im Dow Jones gemessen an ihren Gewinnen etwa 30 Prozent höher bewertet als die Dax-Werte.

Ist der Ruf erst ruiniert, kann es fast nur besser werden

Bleibt vielleicht noch ein Kriterium: das Ansehen einer Aktie an der Börse. Die einen neigen dazu, Analystenlieblinge auszuwählen und zu kaufen. Die anderen meinen eher, gerade diese Titel seien zu meiden, da das gesamte Lob ohnehin schon im Kurs enthalten sei, man solle eher die Aktien  nehmen, deren Ansehen gerade besonders schlecht sei und damit fast nur besser werden könne. Für die zweite These spricht, dass die Analystenlieblinge Scout24 und SAP zuletzt große Kursverlierer waren, während zuletzt gut gelaufene Titel wie BASF noch skeptisch von Analysten beäugt werden.

Der Wege zur Aktienauswahl gibt es viele. Ein weiterer ist es, einfach alle Aktien zu nehmen und einen ganzen Index zu kaufen. Das schließt Spitzenrenditen aus, wie sie Siemens Energy oder Nordex liefern. Es liefert aber einen Durchschnitt, der im Dax über all die Jahre eine Jahresrendite von gut acht Prozent ergeben hat. Im M-Dax sogar etwas mehr. Eine Strategie, die in ETF-Sparplänen derzeit so viel Niederschlag findet wie nie zuvor. Dieser Weg ist allerdings weniger aufregend als die Einzeltitelauswahl – was man als gut oder langweilig empfinden kann.

Source: faz.net