Eine Erscheinung war das Hôtel du Lac in Tunis schon bei seiner Eröffnung 1973. Wer durch die Stadt lief, konnte das umgedrehte Dreieck, das nur auf einem schmalen Sockel balancierte, eigentlich gar nicht übersehen. Nach Jahrzehnten politischer, wirtschaftlicher und sozialer Instabilität war das brutalistische Gebäude Wahrzeichen eines neuen Tunesiens, das sich nicht länger in den Schatten kolonialer Fassaden stellte.
Der damalige Präsident Habib Bourguiba verstand, dass das Hôtel du Lac mehr war als nur eine Unterkunft. Um die neu gewonnene Unabhängigkeit des Landes zu bekräftigen, engagierte er als Architekt des Bauwerks keinen Franzosen, sondern den Italiener Raffaele Contigiani. Damit nicht genug, er wies den Planer gleich noch an, das ursprünglich parallel zur Hauptverkehrsader Avenue Mohammed V. geplante Gebäude um 90 Grad zu drehen, um die ungewöhnliche Silhouette wirklich überall sichtbar zu machen.
190 Stahlbetonpfeiler, 60 Meter tief in den Fels gerammt
Auch technisch war das Gebäude raffiniert: Das Stahlskelett des zehn Stockwerke hohen Gebäudes trug massive Betonausleger, die sich Etage um Etage immer weiter herauslehnten. An beiden Seiten des Gebäudes stieg jeweils eine Treppe in den Himmel; je höher die Stockwerke reichten, umso kühner kragten sie aus. So kam es, dass das Bauwerk in seiner obersten Etage doppelt so breit war wie im Erdgeschoss. Das hatte den Vorteil, dass man die Fläche am Ufer des Sees, an dem das Hotel lag, optimal nutzen konnte und trotzdem Platz für 416 Zimmer war.
190 Stahlbetonpfeiler, 60 Meter tief in den Fels gerammt, verankerten die Konstruktion. Die für ein derart komplexes Fundament erforderliche Präzision wurde einem österreichischen Unternehmen anvertraut.
Im Hôtel du Lac traf sich in den Jahren darauf Tunesiens intellektuelle und politische Elite. Auch der US-amerikanische Musiker James Brown soll hier mal genächtigt haben. Ebenso sein Landsmann, der Regisseur George Lucas, der in Tunesien 1977 die Eröffnungssequenz seines ersten „Star Wars“-Films drehte. Die Form des Hotels soll dem Filmemacher als Vorlage für die sogenannten Sandkriecher gedient haben, jene riesigen Wüstenfahrzeuge, die über die Dünen des Wüstenplaneten Tatooine fahren.
Hotel soll Vorlage für „Sandkriecher“ aus Star Wars gewesen sein
Präsident Bourguibas Nachfolger Zine el-Abidine Ben Ali führte nicht nur das Land in den wirtschaftlichen Abgrund, sondern auch die Hotellerie. Als das Hôtel du Lac in den Neunzigerjahren privatisiert wurde, war es schon zu spät. 2010 kaufte der libysche Staatsfonds Lafico das Gebäude, um es abzureißen und eine Shopping Mall samt Luxushotel auf seinen Grundfesten zu errichten.
Doch immer wieder regte sich Protest, wenn der Bau weichen sollte. 2022 bewegten Einwohner das tunesische Kulturministerium sogar dazu, zu prüfen, ob das Gebäude als Denkmal eingestuft werden könnte. Erfolglos. Der zuständige Minister verließ das Kabinett, und die Bauruine galt plötzlich als „Gefahr für Leib und Leben“. Im vergangenen Herbst wurde das alte Hotel eingezäunt. Damit war allen klar: Es gibt kein Zurück mehr.
Nun sind die letzten Reste dieses einstigen Wahrzeichens der Weltarchitektur – und eines Symbols der Unabhängigkeit des Landes – abgerissen worden. Vom Neubau, der im ersten Quartal starten sollte, ist noch nichts zu sehen. Architekten und Historikern, die auch um andere modernistische Wahrzeichen der Stadt fürchten, schwant, dass das womöglich erst der Anfang war.