Hohe Nachfrage wegen Iran-Krieg: Luftabwehr-Engpässe bedrohen Schutz jener Ukraine

Hohe Nachfrage wegen Iran-KriegLuftabwehr-Engpässe bedrohen Schutz der Ukraine

18.04.2026, 15:54 Uhr

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Die Ukraine wehrt 80 bis 90 Prozent der Drohnen ab. (Foto: picture alliance / abaca)

Russland schraubt seine Waffenproduktion seit Monaten massiv hoch – was die ukrainische Luftabwehr zunehmend vor Herausforderungen stellt. Schon jetzt gibt es Engpässe bei den nötigen Waffen. Hintergrund ist auch der Iran-Krieg.

Bei den jüngsten russischen Luftangriffen sind schwere Schäden in der Ukraine verursacht worden, dutzende Menschen wurden getötet. Russland intensiviert seit Wochen seine Angriffe im Krieg gegen das Nachbarland und der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj beklagt Engpässe bei der Luftabwehr. Das Problem: Eine zu langsame Waffenproduktion im Westen bei gleichzeitig steigender Nachfrage auch durch den Iran-Krieg.

Russland hat seine Waffenproduktion in den vergangenen Jahren nach oben geschraubt: Von Drohnen über Marschflugkörper bis hin zu ballistischen Raketen. Nach Angaben von EU-Verteidigungskommissar Andrius Kubilius produziert Russland nach wie vor deutlich mehr Waffen als die EU. Allein bei den Marschflugkörpern ist die russische Produktion demnach fast viermal so hoch wie in den EU-Ländern.

Nach Angaben der monatlich erscheinenden Datenanalyse Monitor Luftkrieg Ukraine stellt Russland derzeit wesentlich mehr ballistische Raketen her, als der gesamte Westen an Abfangraketen produziert.

Abwehr wird immer schwieriger

Das zeigt sich auch auf dem Schlachtfeld. „Die Menge der Flugkörper, die kommen, ist erheblich gestiegen in den letzten Jahren“, sagte Verteidigungsexperte Guntram Wolff von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel mit Blick auf die russischen Angriffe. Diese Menge abzufangen sei extrem aufwendig und gerade bei Marschflugkörpern und ballistischen Raketen nur mit teuren, modernen Systemen wie den Patriots zu schaffen.

Das US-Luftabwehrsystem Patriot spielt eine wichtige Rolle beim Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur. Ein System kostet rund 400 Millionen Dollar (rund 340 Millionen Euro), eine Abwehrrakete je nach Modell eine bis vier Millionen Dollar.

Die Nato-Länder und ihre Verbündeten können über den sogenannten Purl-Mechanismus Waffen für die Ukraine in den USA kaufen. Deutschland hat diese Woche angekündigt, der Ukraine „mehrere Hundert Patriot-Raketen“ zu liefern – allerdings über einen Zeitraum von vier Jahren. Denn die Nachfrage ist weltweit hoch.

Nato-Generalsekretär Mark Rutte bezifferte die Lieferzeit eines neuen Patriot-Systems im vergangenen Jahr auf zehn Jahre. Auch auf eine neue Abfangrakete müssen Käufer nach Angaben von Rüstungsexperte Fabian Hoffmann vom Zentrum für europäische Politikanalyse (CEPA) derzeit mindestens eineinhalb Jahre warten.

Nachfrage durch Iran-Krieg steigt

Auch wenn es über die Bestände von Luftabwehrraketen keine öffentlichen Zahlen gibt: Vier Jahre Ukraine-Krieg haben die Vorräte verknappt. Der Patriot-Hersteller Raytheon kann im Jahr etwa zwölf Luftabwehrsysteme herstellen und nach Schätzungen rund 650 Abwehrraketen.

Hoffmann zufolge wird die Nachfrage durch den Iran-Krieg noch steigen, „da die Golfstaaten nach dem Krieg ihre Bestände wieder auffüllen wollen“. Schätzungen zufolge wurden allein in den ersten Tagen des Iran-Kriegs 800 Patriot-Raketen verschossen. Das sind mehr als die Ukraine in den vergangenen drei Jahren insgesamt eingesetzt hat, wie ukrainische Regierungsmitglieder Medien gegenüber mitteilten.

„Kunden aus Europa, Asien und dem Nahen Osten sowie die Vereinigten Staaten selbst konkurrieren um begrenzte Produktionskapazitäten“, fasst Hoffmann das Dilemma zusammen. Die US-Regierung kann dabei je nach Veränderung der politischen Prioritäten in die Lieferreihenfolge eingreifen.

Vorreiter für Drohnenabwehr

Als Antwort auf diese Abhängigkeit fordern Politiker und Experten einen schnellen Ausbau der europäischen Produktionskapazitäten bei eigenen Luftabwehrsystemen wie Iris-T SLM oder Samp/T. Es sei „erstaunlich“, wie langsam es hier vorangehe, sagte Analyst Wolff. Nato-Generalsekretär Rutte und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mahnten am Donnerstag erneut mehr Geschwindigkeit bei Investitionen und Produktion an.

Die Ukraine tut unterdessen das in ihrer Macht Stehende gegen die Engpässe bei der Luftverteidigung. So leisten ukrainische Experten den Golfstaaten Beistand bei der Abwehr iranischer Drohnen. In mehr als vier Jahren Krieg hat das Land sich zu einem Vorreiter in der Drohnenabwehr entwickelt. Die Abfangrate liegt laut Monitor Luftkrieg Ukraine zwischen 80 und 90 Prozent, bei ballistischen Raketen sind es 35 Prozent. Im Gegenzug für die Hilfe erhofft sich Präsident Selenskyj womöglich Waffenhilfe, Luftabwehr oder Finanzmittel von den betroffenen Staaten.

Zudem weitete die Ukraine zuletzt ihre Angriffe auf Produktionsstätten der russischen Rüstungsindustrie und Logistikzentren aus. „Wenn weniger Raketen geschickt werden können, wird die Abwehr leichter gemacht“, resümierte Wolff.

Quelle: ntv.de, Von Martin Anton,AFP

Source: n-tv.de