„Habe die Mami-Mafia unterschätzt“ – Neue Diskussion um die Still-Frage

Reality-Sternchen Karina Wagner will ihr Baby nicht stillen – auch weil der Vater sich gleichberechtigt kümmern soll. Das ruft gleich zwei Mütter-Lager auf den Plan. Aber was sagen eigentlich die neuen Leitlinien zum Stillen?

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Eineinhalbtausend Kommentare, zehntausend Likes, tausend Mal weitergeleitet – das aktuellste Video von Reality-Darstellerin Karina Wagner gehört zu ihren erfolgreichsten, nach Algorithmus-Maßstäben. Wo sonst 20 bis 100 Menschen ein Herz unter ihr Foto posten, sind es diesmal zeilenlange Ausführungen mit zig weiteren Antworten darauf – und die Diskussion läuft auch zwei Tage nach dem Posting weiter und weiter.

Vor gut zwei Wochen ist Karina Wagner, bestimmten Menschen bekannt aus „Make Love Fake Love“ oder diversen „Bachelor“-Varianten, Mutter eines Sohnes geworden. Vater ist Steffen Vogeno, den sie einst bei „Bachelor in Paradise“ kennengelernt hat. Die Verlobung der beiden, die Hochzeit, die Schwangerschaft und der Geburtsbericht, all das interessiert ihre Followerinnen, aber nichts rief ein solches „Engagement“ auf, wie das Video, in dem sie nun erklärte, warum sie ihr Baby nicht stillt.

Sie hatte schon nach der Geburt direkt berichtet, dass sie den Milcheinschuss mit Tees und Kühlung zu unterdrücken versuchte, auf die Gründe ging sie zunächst nicht ein. Aber weil andere Frauen und Mütter nichts mehr interessiert als das, was andere Frauen und Mütter machen und warum, ließ sie sich jetzt zu einem Erklär-Video hinreißen, in dem sie ihre Gründe darlegt.

Sie hätte ganz grundsätzlich nie das Bedürfnis zum Stillen gehabt, die Geburt sei dann außerdem sehr anstrengend gewesen, sodass sie sich in den ersten Tagen sowieso nicht in der Lage gefühlt hätte zu stillen. Der wichtigste Punkt für sie sei aber, dass das Füttern des Babys nicht alleine ihre Aufgabe sein soll, sondern genauso die Aufgabe ihres Partners. Sie wolle die Möglichkeit haben, auch mal „zehn Minuten alleine mit dem Hund rauszugehen“, in denen er dann das Füttern übernehmen kann.

Auch hätten ihr so viele Frauen von Schmerzen beim Stillen berichtet, von Sorgen, ob das Kind so auch richtig zunehmen könne, all das wollte sie sich ersparen. „Und in ein paar Jahren, wird auch keiner mehr danach fragen, ob er gestillt wurde oder nicht.“

Die Reaktionen nun sind klassisch zweigeteilt und werden nicht nur auf ihrem Account, sondern auch diversen weiteren Mütter-Seiten diskutiert. Das eine Lager ist extrem verständnisvoll: Niemand dürfe diese Entscheidung einer Mutter (negativ) bewerten, jede Frau mit ihrem Körper das machen, was sie wolle. Hauptsache, das Kind werde geliebt, Pre-Nahrung sei bestens geeignet und man müsse darüber offen sprechen dürfen, ohne verurteilt zu werden. Keine Mutter sei besser oder schlechter als die andere.

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Das andere Lager sieht das Posting und vor allem Wagners Erklärungen kritischer: Man müsse auch einordnen, dass es nicht völlig egal sei, was das eigene Kind an Nahrung bekomme, Muttermilch sei eben „nicht nur Nahrung“, sondern würde das Immunsystem unterstützen, die Darmflora aufbauen, die Entwicklung auf das Kind zugeschnitten unterstützen.

Es gehe eben nicht nur um den Körper der Mutter, sondern auch um den des Kindes. Das Risiko für bestimmte Krankheiten werde gesenkt, Wagners Gründe seien „egoistisch“, sie würde ihr Wohlergehen, ihre „Freiheit“, den Spaziergang alleine vor das Wohl des Kindes stellen – zumal sie keine körperlichen oder psychischen Gründe hätte, nicht zu stillen. Sie würde nicht verantwortungsvoll mit ihrer Reichweite umgehen, ihre Entscheidung viel zu leichtfertig verkaufen, Fehlinformationen verbreiten und ihrem Kind die bestmögliche Ernährung verwehren.

So weit, so aufgeregt. Zu all diesen Emotionen gibt es Fakten: Erst im Februar dieses Jahres wurde eine neue wissenschaftliche Leitlinie zum Stillen für Deutschland festgelegt. Diese ist an Fachpersonal gerichtet, das darauf basierend dann Mütter und Familien informieren und beraten soll, was aufgrund ihrer individuellen psychischen und physischen Bedingungen möglich wäre. Leitlinien sind nicht als eine Art Gesetz zu verstehen, aber durchaus als relevante Orientierung, vergleichbar mit Hinweisen zur gesunden Ernährung oder Impfempfehlungen.

Mit der neuen Leitlinie, die Ergebnis einer systematischen Auswertung der verfügbaren wissenschaftlichen Studien ist und in Abstimmung von medizinischen Fachgesellschaften entstand, schließt sich Deutschland erstmals der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO an: Säuglinge sollten in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich gestillt werden, insgesamt wird eine Stilldauer von mindestens zwölf Monaten empfohlen. Damit liegt erstmals eine einheitliche, evidenzbasierte Empfehlung für Deutschland vor.

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„Unterschiedliche Aussagen zur Dauer des Stillens haben viele Eltern verunsichert. Die eine Fachkraft rät zu vier Monaten, die andere zu sechs, das verwirrt“, sagt Stillberaterin Pia Müller, die für die Elternorganisation „Mother Hood“ an der Leitlinie mitgeschrieben hat. „Die neue Leitlinie bringt endlich Klarheit. Sie gibt nicht vor, dass jede Mutter stillen muss und wie lange. Stattdessen setzt sie einen medizinischen Standard. Auf dieser Grundlage können Familien dann selbst entscheiden.“

Aus der Leitlinie geht hervor, dass Stillen sowohl kurzfristige als auch langfristige gesundheitliche Vorteile für Kind und Mutter mit sich bringe. Bei Kindern habe es beispielsweise schützende Effekte vor Mittelohrentzündung, Durchfall oder Asthma. Für die stillende Mutter verringere sich unter anderem das Brustkrebsrisiko, die körperliche Heilung nach der Geburt werde gefördert.

„Eltern haben das Recht, selbst zu entscheiden, wie sie ihr Kind ernähren“, sagt Müller. Doch es sei wichtig, diese Entscheidung gut informiert zu treffen. Also zu wissen, dass damit gesundheitliche Nachteile einhergehen könnten, die aufzuwiegen sind gegen mögliche psychische oder körperliche Nachteile für die Mutter – und wohl eher nicht basierend auf den Aussagen einer Influencerin.

Die Leitlinie liefere, so Müller, eine verlässliche wissenschaftliche Grundlage zur Entscheidungsfindung. „Sie erklärt auch, wie die Empfehlungen zum Stillen entstanden sind und welche positiven Effekte es für die Gesundheit von Frauen und Kindern gibt. Nun ist es wichtig, diese Erkenntnisse gegenüber Familien auch klar zu benennen.“

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Noch klarer ist der Deutsche Hebammenverband, der die Empfehlung zum erst ausschließlichen und dann längeren Stillen „ausdrücklich begrüßt“. Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer sagt: „Stillen bietet nicht nur zahlreiche gesundheitliche Vorteile für das Kind, sondern auch für die Mutter. Im Gesamtkollektiv sind stillende Mütter, korreliert mit der Stilldauer, auch im Alter gesünder als Mütter, die nicht gestillt haben. Insofern kann die Neuerung auch die Frauengesundheit, der leider immer noch viel zu selten Beachtung geschenkt wird, fördern.“

Karina Wagner hat es inzwischen aufgegeben, die Kommentare unter ihrem Video weiterzuverfolgen. „Ich habe die Mami-Mafia unterschätzt“, sagt sie zu den zahlreichen Nachrichten, die auch ihre geföhnten Haare oder ihr Make-up anprangern. Sie hat ihre Community nun nach Tipps für einen Baby-Fotografen gefragt.

Source: welt.de

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