In Mexiko ist sie inzwischen eine zentrale Identitätsfigur – weltweit wird sie als Ikone gefeiert: die Malerin Frieda Kahlo. Ihre Kunst wirkt heute aktueller denn je. Aber was genau fasziniert daran so?
Sie finden sich auf Geldscheinen, in Museen, auf Taschen und T-Shirts: Frida Kahlos markante Gesichtszüge zieren in Mexiko und anderen Ländern viele Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Die Sammlung Gelman Santander wollte einige ihrer Werke dauerhaft in Spanien ausstellen. Doch in Mexiko stehen nationale Kunstschätze unter besonderem Schutz, auch solche in privaten Sammlungen. Nun wurde zugesichert, dass die Werke bis 2028 nach Mexiko zurückkehren.
Diese Debatte über Kunstbesitz gilt einer Künstlerin, die mehr ist als ein kunsthistorischer Fall. Die Mexikanerin mit der eigenwilligen Monobraue, den aufwändigen Frisuren und den farbenfrohen Trachten der mexikanischen Tehuana-Frauen ist längst zur Pop-Ikone geworden. Geboren wurde sie als Tochter eines aus Pforzheim stammenden Vaters und einer Mutter aus der indigenen Bevölkerung. Doch Frida Kahlo (1907-1954) war immer stolz auf ihre vermischten Wurzeln, fühlte sich der mexikanischen Seite aber stärker verbunden.
Bereits auf dem Familienbild von 1926 posierte Frida Kahlo (Mitte) demonstrativ im Herrenanzug, zwischen ihrer Mutter Matilde, Schwester Cristina (links) und anderen Angehörigen.
In Mexiko eine Kultur-Ikone
„Ich denke, sie ist zur zentralen kulturellen Identitätsfigur in Mexiko geworden“, sagt die Kunsthistorikerin und Kahlo-Expertin Helga Prignitz. Kahlos Porträt ziert Banknoten, ihr Wohnhaus in Mexiko-Stadt ist ein Pilgerort. Gleichzeitig erreicht ihre Kunst weltweit ein Millionenpublikum. Warum fasziniert Frida Kahlo heute mehr denn je?
Frida Kahlos Werk ist derart eng mit ihrer Herkunft verbunden, dass sich die Symbolsprache ihres Werkes kaum ohne Kenntnis der mexikanischen Kultur verstehen lässt. „Sie ist ganz wesentlich Mexikanerin“, sagt Prignitz. Ihr Leben, ihre Familie und die Kultur ihres Landes prägen ihren Pinselstrich und den Inhalt ihrer Bilder.
Elemente der Volkskunst, politische Symbole und persönliche Erfahrungen greifen ineinander. Auch ihre Nähe zum sogenannten magischen Realismus wird oft übersehen. Anders als der europäische Surrealismus speist sich Kahlos Bildwelt aus lebendiger Realität.
Im Gemälde „Die zerbrochene Säule“ von 1944 zeigt Frida Kahlo die Frau als vermessenes Objekt.
Frühe Königin der Selfies
Die Bilder der Künstlerin sind sehr persönlich. Aus heutiger Sicht könnte man Frida Kahlo zur Königin der Selfies ernennen: Kaum eine andere Künstlerin hat so oft sich selbst als Sujet gewählt. Pure Eitelkeit sollte man dahinter allerdings nicht vermuten, im Gegenteil.
Kahlo macht ihre vielschichtige Persönlichkeit in ihren Bildwelten in unterschiedlichen Facetten sichtbar. Sie zeigt offen ihre körperlichen und seelischen Narben, die sie von einem schweren Straßenbahnunfall in ihrer Jugend davongetragen hat. „Die Erfahrungen, die sie zeigt – Schmerz, Liebe, Identitätssuche – sind universell“, sagt Prignitz.
Kahlo macht ihren eigenen Körper zum Zentrum ihrer Kunst: Krankheit, Verletzungen und Verluste verarbeitet sie in schonungslosen Bildern. Gerade diese Offenheit schafft Nähe – über Zeit und kulturelle Grenzen hinweg.
Sie trennten sich, blieben einander aber dennoch verbunden: Der Maler Diego Rivera küsst Frida Kahlo, nach ihrer Scheidung 1939.
Aus Inszenierung wird ein neues Selbstbild
Heute wird Frida Kahlos Werk oft im Zusammenhang mit Fragen von Identität und Geschlecht betrachtet. Themen, die sie schon lange vor ihrer Zeit sichtbar gemacht hat. Ein Beispiel ist ihr „Selbstbildnis mit abgeschnittenem Haar“ von 1940. Entstanden nach der Scheidung von dem mexikanischen Maler Diego Rivera, zeigt es Kahlo im Herrenanzug, die Haare kurz geschnitten. Abgeschnittene Strähnen liegen um sie herum.
Das Bild wirkt wie eine bewusste Neupositionierung: weg von gängigen Rollenbildern, hin zu einer eigenen Inszenierung. „Sie ist ein früher Vorläufer heutiger Diskurse über Geschlechteridentität, Inklusion und LGBTQ“, sagt Prignitz. Was heute als politisch gelesen wird, war bei Kahlo zunächst persönlich. Erst später wurde die allgemeine Bedeutung erkannt.
Im „Selbstporträt mit kurzgeschnittenem Haar“ von 1944 machte Frida Kahlo die Frisur zum Signal der Selbstbestimmung.
Lange hinter Exotik verborgen
Lange Zeit wurde Kahlo vor allem wegen ihrer farbenreichen Selbstporträts wahrgenommen. Blumen, exotische Pflanzen, eine starke Bildsprache – das prägte ihr öffentliches Bild. Es wirkt zumindest auf den ersten Blick gefällig und damit leicht verdaulich.
Doch diese Deutung greift zu kurz. „Man sieht oft immer nur dieselben Werke“, erklärt Prignitz. Viele Arbeiten sind kaum zugänglich, sie befinden sich in Privatsammlungen oder gelten als verschollen. Das prägt auch, wie Kahlo wahrgenommen wird – und was verborgen bleibt.
Selbstoffenbarung in Zeichnungen
Weitgehend unbekannt sind etwa Kahlos Zeichnungen. Genau dort zeigt sich eine andere Seite der Künstlerin. Viele dieser Arbeiten entstanden im Krankenbett, wirken schnell und direkt und sind doch fein ausgearbeitet und voller Symbolkraft.
„In den Zeichnungen ist sie unmaskiert“, sagt Prignitz. Anders als in den sorgfältig komponierten Ölbildern wirken diese Arbeiten unmittelbarer und persönlicher. Sie geben Einblick in Gedanken, Sehnsüchte und auch in ihre Sexualität. „Sie waren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“, so Prignitz. Gerade deshalb zeigen sie eine Frida Kahlo, die weniger Ikone ist, mehr Mensch.
Frida Kahlo erzeugt Empathie
Was Frida Kahlos Werk bis heute so besonders macht, zeigt sich in der Reaktion ihres Publikums. Ihre Bilder lösen etwas aus – jenseits kunsthistorischer Einordnung. „Ich habe gesehen, wie Menschen vor ihren Bildern geweint haben“, sagt Prignitz. Für sie ist das die stärkste Wirkung, die Kunst entfalten kann: Empathie.
Vielleicht liegt darin die anhaltende Faszination von Frida Kahlo: In einer Zeit, in der vieles inszeniert wirkt, erscheinen ihre Bilder radikal ehrlich und überraschend nah.
Source: tagesschau.de