Film „Paris Murder Mystery“: Die Analytikerin geht zur Hypnose

Ich spüre, Sie sind nun bereit, sich fallen zu lassen“, sagt die Hypnotiseurin. „Ihre Ironie ist ein Ausdruck ihrer Angst.“ Eigentlich hält Lilian Steiner (Jodie Foster) nichts von solchem Hokuspokus. Wie also ist sie hier gelandet, und wovor fürchtet sie sich, als sie die Treppe in ihr Unterbewusstsein hinuntersteigt?

Alles fängt damit an, dass ein Patient die Psychotherapeutin unerwartet in ihrer luxuriösen Pariser Altbaupraxis aufsucht. Lilian vermutet einen seelischen Notfall, dabei will er nur sein Geld zurück. 32.000 Euro haben ihn die Therapiesitzungen über fast zehn Jahre gekostet, hinzu kommen rund 8000 Euro für Zigaretten und jede Menge Frust. Die Psychoanalyse habe gar nichts gebracht. Am Ende habe er es stattdessen mit Hypnose versucht, und siehe da: Nach einem Termin schmeißt er die Kippen in den Müll, und das Feuerzeug gleich hinterher.

Lilian lässt ihn reden, das Zuhören überlässt sie dem Aufnahmegerät. „Prähistorische Dinger“ nennt ihr Sohn Julien (Vincent Lacoste) die Minidiscs, auf denen sie die Sitzungen archiviert. All die peinlichen Geheimnisse und Bekenntnisse, aufbewahrt und vergessen in etlichen Kartons – nach Jahrzehnten im Beruf hat sich die aus Amerika zugezogene Therapeutin Anfang 60 ein routiniertes Desinteresse am Seelenleben ihrer Patienten angewöhnt. Als Zuschauer muss man Sigmund Freud nicht gelesen haben, um zu verstehen, dass Lilian mit ihren eigenen Gefühlen ähnlich umgeht. Niemanden lässt sie an sich heran, selbst der neu geborene Enkel lässt sie kalt.

Als die Therapeutin dann vom Tod ihrer Patientin Paula (Virginie Efira) erfährt, ist es jedoch vorbei mit der Verdrängung. War es Suizid oder Mord? Und warum wollen ihre Augen plötzlich nicht mehr aufhören zu tränen? Der Titel „Paris Murder Mystery“, unter dem der Film in Deutschland beworben wird, legt eine Fährte zu Woody Allens „Manhattan Murder Mystery“ von 1993. Damals ermittelten Diane Keaton und Alan Alda als Hobbydetektive. Diesmal schnüffelt Foster im sozialen Umfeld der Verstorbenen herum, verdächtigt ihre Tochter Valérie (Luàna Bajrami) und Ehemann Simon (Mathieu Amalric) und durchsucht sogar den Müll – was ja gewissermaßen ihr Beruf ist, wie sie selbst sagt.

Charakterstudie einer Frau, deren Leben aus den Fugen gerät

Doch eine Begrenzung auf das „Whodunit“ des klassischen Krimis wäre der ambitionierten Regisseurin und Ko-Autorin Rebecca Zlotowski zu schlicht gewesen. Der Originaltitel „Vie privée“ deutet darauf hin, dass der Film mindestens genauso sehr als Charakterstudie einer Frau angelegt ist, deren Leben aus den Fugen gerät. Oder haben wir es doch mit einer „Comedy of Remarriage“ zu tun? Immerhin findet Lilian durch den Tod ihrer Patientin wieder zu ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil) zurück. Der ist nämlich Augenarzt und soll ihr Tränenproblem untersuchen, das Lilian partout nicht als Trauer missverstanden wissen will. „Ich glaube, ich sehe dich zum allerersten Mal weinen“, sagt Gabriel. „Das steht dir wirklich.“

Das Problem mit den Tränen, wer hätte es gedacht, ist nicht physischer, sondern psychischer Natur, weshalb Lilian dann doch die Hypnose ausprobiert, von der sie eigentlich nichts hält. Freud habe diese Methode früh aufgegeben, weiß die Hypnotiseurin Jessica (Sophie Guillemin) – zu schnelle Heilung, zu wenig finanzieller Ertrag. Ob das nicht ein „bisschen antisemitisch“ sei, fragt Lilian schnippisch. Unter Hypnose steigt sie eine rote Treppe hinunter und findet sich als Cellistin in einem Konzertsaal wieder. Paris unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Neben ihr sitzt ihre verstorbene Patientin Paula, die beiden sind ein Liebespaar. Das Orchester spielt die Kindertotenlieder von Gustav Mahler. Lilians Sohn Julien platzt in Gestalt eines Milizionärs herein, um die Gesellschaft zu verhaften. Der Dirigent ist Paulas Ehemann Simon, er unterbricht die Vorführung, zieht eine Pistole aus dem Frack hervor und erschießt seine Frau.

War es also doch Simon? In den psychoanalytischen Sitzungen beschrieb Paula ihren Ehemann so, als habe er „immer ein Messer in seiner Stimme und eine Pistole in seinen Augen“. Lilians Augen sind nach der Hypnose jedenfalls geheilt, endlich sieht sie klar. Im früheren Leben habe er zu den Nazis gehört, deshalb habe sie ihn nicht so lieb, wie sie ihn haben sollte, eröffnet sie ihrem verdutzten Sohn Julien. Warum sie sich selbst immer nur die guten Rollen gebe, will er wissen. Ist es möglich, dass nicht nur ihre Patienten Lilian etwas vorgemacht haben, sondern auch sie sich selbst? Hätte sie Paula besser zuhören sollen, hat sie sich bei ihrer Medikation vertan? Immerhin ist die Patientin an einer Überdosis der Tropfen gestorben, die Lilian ihr verschrieben hat. Hat sie vielleicht sogar Gefühle für ihre Patientin entwickelt, die sie verdrängt hat? Die Therapeutin spielt weiter Detektivin.

Dabei läuft sie sehr viele Wendeltreppen rauf und runter, offensichtlich visuell inspiriert von Alfred Hitchcocks „Vertigo“. Und mit der vielfältigen Symbolik der Treppe und dem Auftauchen eines Glätteisens, dessen Bedeutung sich nicht aufklären wird, kann das freie Assoziieren endgültig beginnen. Wer das Hinauf- und Hinabsteigen wie Freud für ein Symbol für den Beischlaf und unterdrückte sexuelle Wünsche hält, der mag es ein wenig ironisch finden, dass Lilian und Gabriel ausgerechnet dann übereinander herfallen, als sie zum einzigen Mal den Aufzug nimmt.

Es prickelt ordentlich zwischen dem früheren Ehepaar, aber ihre Chemie allein kann „Paris Murder Mystery“ nicht tragen. Für einen Krimi legt der Film zu wenige Fährten, für eine psychoanalytische Tiefenbohrung ist er etwas zu flach, und die Aufarbeitung einer jüdischen Familiengeschichte wird nur angedeutet. Dass der wilde Genremix trotzdem funktioniert, liegt vor allem am nuancierten Spiel von Jodie Foster, die fließend Französisch spricht und nach mehr als 20 Jahren wieder in einem französischen Film zu sehen ist.

Für knapp zwei Stunden vergisst der Zuschauer die ganzen ikonischen Figuren, die die Oscarpreisträgerin schon verkörpert hat. Foster war nie eine andere als Lilian Steiner, die jüdisch-amerikanische Therapeutin in Paris, deren distanzierte Fassade langsam zu bröckeln beginnt.

Source: faz.net