Eine andere AfD?: Träum weiter diesseits welcher Brandmauer!

Wer oder was ist die Mutter aller Illusionen? Richtig, die Mutter aller Illusionen ist die Vorstellung, man habe für Realismus nicht wirklich eine Handhabe, weil jemand oder etwas sich ja noch ändern könne und also sich auch ändern werde. Realismus ist demnach eine Währung, die ins Morgen einzahlt, im Heute könne man sich mit ihr nichts kaufen.

Wie viele unglückliche Beziehungen nähren sich jahrelang von der Vorstellung, die Partnerin, der Partner werde schon noch eine andere, ein anderer werden – man müsse der Veränderung, so redet man es sich im therapeutischen Jargon ein, nur Raum geben und Zeit natürlich, viel Zeit. So wird sich vorsätzlich in der anderen Person getäuscht, um sie als T-Person (T wie Transformation) in der enteigneten Gegenwart für die illusionäre zukünftige Person halten zu können und sich um allfällige kognitive Dissonanzen nicht weiter kümmern zu müssen.

Aus der Zukunft heraus soll die Partei für die enteignete Gegenwart anschlussfähig gemacht werden

Ein gefährlicher Trugschluss, der Lebenszeit frisst, Deformationen ausprägt und jedenfalls eine „Pathologie der Normalität“ (Erich Fromm) befördert, für die ins Politische übertragen etwa der Glaube an eine „andere AfD“ steht, wie ihn der Historiker Andreas Rödder von Zeit zu Zeit ins Spiel bringt, ein Spiel, in welchem er als Leiter der „Denkfabrik Republik 21 für neue bürgerliche Politik“ selbst Teilnehmer ist.

Rödder spielt im Beobachtermodus mit, skizziert Alternativen, die sich so nicht stellen, aber den Raum für Positionen öffnen, um die es dem Mainzer Professor als politischem Akteur geht – etwa durch seine schon im „Stern“ gemachte und jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“ wiederholte Aufforderung, mit der AfD diesseits der Brandmauer zu einer, wie Rödder das so vage wie wichtignehmend nennt, „konditionierten Gesprächsbereitschaft“ zu kommen, als deren Ergebnis „eine andere AfD“ dastünde, „mit der dann auch anders umzugehen wäre“.

Wäre das nicht eine transformative Handreichung für bürgerliche Politik in Zeiten der neurechten Gegenrevolution, fragt Rödder mit scheinbar interesselosem Wohlgefallen, um die AfD als eine T-Partei, die ihre veränderte Gestalt schon in sich trägt, aus der Zukunft heraus für die Gegenwart anschlussfähig zu machen. Eine andere AfD wäre demnach eine solche, die sich von rechtsextremen Positionen und Personen abgrenzt, lässt Rödder wissen. Im T-Skript der Partei gesprochen: wenn nicht im Heute, so doch im Morgen.

Ironischerweise mehren sich gerade die „historischen Klopfzeichen“ (Konrad Repgen), die gegen eine andere AfD sprechen. Eben noch trat Rüdiger Lucassen als verteidigungspolitischer Sprecher der AfD-Fraktion zurück, ohne dass sich ausschließen ließe, was der schillernde Lucassen als Hintergrund seiner beabsichtigten Absetzung beklagt: dass der lange Arm von Björn Höcke eine Rolle spielte. Rödders politische Phantasie gehorcht der T-Parole „Träum weiter!“. Im Heute sucht man vergeblich nach einer anderen AfD als der AfD, wie wir sie kennen.

Source: faz.net