Der letzte Verriss

„Schnatterzone der Damentoilette“: Denis Scheck entsorgt Passmann und von Kürthy – und sofort steht der Sexismus-Vorwurf im Raum. Über einen Literaturbetrieb, der jede Kränkung moralisch auflädt – und den Verriss selbst zum Skandal erklärt.

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Mit verlässlicher Regelmäßigkeit entsteht im deutschen Literaturbetrieb eine Sexismus-Debatte, die, auch darauf ist Verlass, nur selten zu Erkenntnissen über Sexismus im deutschen Literaturbetrieb führt. Die aktuelle Debatte geht ungefähr so: Der Literaturkritiker Denis Scheck, heißt es, sei sexistisch, weil er verächtlich über die Bücher der Bestsellerautorinnen Sophie Passmann und Ildikó von Kürthy urteilte.

Seit mehr als zwanzig Jahren bespricht Scheck, schwäbischer Gentleman in Anzug und Krawatte, in seiner Sendung „Druckfrisch“ Neuerscheinungen und Bestseller, in immer derselben Dramaturgie, getragen von einem geradezu grotesken mimetischen Interesse an Ambiente und Kulisse: Spielt ein Buch in Venedig, gondelt Scheck durch Venedig. Mit Juli Zeh ging er reiten, bis beide so rotwangig waren wie der Ritter in der Rügenwalder-Werbung. Einmal schmierte er sich Schuhcreme ins Gesicht, ein anderes Mal verbrannte er ein Buch.

Der naheliegende Tabubruch ist Teil des Konzepts, Schecks Literaturfernsehen ist wie immersives Theater in den 1990er-Jahren. Wer heute unter sechzig ist und „Druckfrisch“ sieht, der tut das kaum, um sich auf den neuesten Stand der Literaturkritik zu bringen, sondern so wie andere den „Tatort“ sehen oder ein Mettbrötchen essen: aus Nostalgie, guilty pleasure und dem schalen Bedürfnis, seine Erwartungen bestätigt zu finden.

Dass Scheck die Bücher, die ihm nicht gefallen, mit ein paar abfälligen Worten über ein ratterndes Transportband in eine übergroße Mülltonne schickt, gehört zur ausgereizten Choreografie: Ein bisschen zittert Schecks Mundwinkel noch zwischen spöttisch und merkelianisch, und jeder kann noch einmal kurz an die Handvoll großer Fernsehkritiker von früher denken: Gefühl, Pathos, Verriss! Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Scheck tatsächlich Kritiker ist, nicht nur Moderator, auch wenn das den anderen Kritikern vielleicht nicht unbedingt gefällt, die sich inzwischen fragen müssen, wer sie überhaupt noch als solche ernst nimmt, wenn wichtige Literaturkritik-Preise an Menschen gehen, die gar keine Literaturkritik machen.

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Scheck hat in seiner letzten Sendung Ildikó von Kürthys Bestseller „Alt genug“ als „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“ bezeichnet und Sophie Passmanns „Wie kann sie nur“ als „Wasserstandsmeldungen aus den Seichtgebieten eines trüben Bewusstseins“. Kürthy und Passmann widersprachen jeweils auf Instagram: Kürthy kritisierte Schecks „Verachtung“ von Frauen, Passmann nannte seine Äußerungen sexistisch und arrogant.

Danach tobte die Empörung in den sozialen Medien, bis sich die ARD genötigt sah, Scheck zu verteidigen, in der Sendung gäbe es „keinen Raum für Frauenfeindlichkeit“. Elke Heidenreich, ihrerseits Bestsellerautorin und frühere Fernsehkritikerin, beschloss zuletzt, die „Verächtlichmachung“ von Literatur durch Scheck sei an ihr Ende gekommen, zumal der Mann ohnehin „durch nichts qualifiziert“ sei für seinen Job.

Dass Kritik hart sein kann und ungerecht wirken, ist ihr Wesensmerkmal; Schecks Mülltonnenperformance ist eine Ausprägung der typischen ÖRR-Literaturshow-Ästhetik, die entweder auf solche groben Effekte zielt oder auf niedrigschwellige Leselampengemütlichkeit wie im „Literarischen Quartett“.

Aus Denis Schecks in die Jahre gekommener Geste strukturellen Sexismus und eine grundsätzliche Verachtung von Frauen herauslesen zu wollen, ist absurd. Eher sollte einem ein Kritiker leidtun, der so schwingungsfrei auf die Gegenwart und ihre literarischen Entsprechungen reagiert – ob er sie nun für gut oder für schlecht hält: Er schafft sich selbst ab.

Source: welt.de

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