Armut in Deutschland: Wenn dasjenige Geld trotz Arbeit nicht reicht

Stand: 18.04.2026 • 07:36 Uhr

Jeder sechste Mensch in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Gleichzeitig zieht die Inflation wieder an und verteuert vor allem Energie und Alltagskäufe. Was bedeutet das für Betroffene?

Fast jeder sechste Mensch in Deutschland ist statistisch betrachtet armutsgefährdet. Hinter dieser Zahl stehen Biografien, Brüche und ein Alltag, in dem jede Ausgabe abgewogen werden muss. Als arm gilt, wer deutlich weniger Einkommen hat als der gesellschaftliche Durchschnitt.

Für Alleinstehende liegt die Grenze bei derzeit 1.446 Euro netto im Monat. Für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 3.036 Euro. Wer darunter liegt, kann vieles nicht mehr bezahlen, was für andere selbstverständlich ist: Restaurantbesuche, neue Kleidung, ein Kurzurlaub.

Die Statistik zeigt: Armut in Deutschland nimmt seit Jahren zu. 2023 galten 14,4 Prozent der Bevölkerung als armutsgefährdet, 2024 waren es bereits 15,5 Prozent, 2025 dann 16,1 Prozent. Besonders häufig betroffen sind Alleinerziehende, Alleinlebende, Arbeitslose und Menschen im Ruhestand. Bei Alleinerziehenden liegt die Armutsgefährdungsquote bei 28,7 Prozent, bei Alleinlebenden bei 30,9 Prozent, bei Arbeitslosen sogar bei 64,9 Prozent; 19,1 Prozent der Menschen im Ruhestand sind armutsgefährdet.

Alltag am Limit

Wie sich diese Zahlen im Alltag anfühlen, zeigt das Beispiel von Katja Schon aus Homberg-Efze. Sie arbeitet im „Einladen“ der Diakonie – einer Einrichtung, in der Lebensmittel und Gegenstände zu geringen Preisen abgegeben werden. Für sie ist das eine vom Jobcenter geförderte Wiedereingliederungsmaßnahme, kein reguläres Beschäftigungsverhältnis.

Katja Schon bezieht Bürgergeld, nach allen fixen Ausgaben bleiben ihr rund 400 Euro im Monat für Lebensmittel und Weiteres. Sie führt seit Jahren ein Haushaltsbuch, plant genau, verschiebt Anschaffungen von einem Monat in den nächsten. Früher hat sie in der Pflege gearbeitet, ein Beruf, der sie erfüllt hat. Eine Erkrankung und die Trennung vom Partner haben jedoch vieles verändert: Heute ist sie alleinerziehende Mutter einer kleinen Tochter.

„Mein Kind soll von all dem möglichst wenig spüren“, sagt sie. Die typischen Arbeitszeiten in der Pflege – Früh-, Spät- und Wochenenddienste – lassen sich mit der Betreuung eines kleinen Kindes kaum vereinbaren. Damit steht Katja Schon stellvertretend für viele Alleinerziehende, die zwischen Care-Arbeit und Erwerbsarbeit aufgerieben werden und am Ende trotz großer Anstrengung finanziell kaum über die Runden kommen.

Armut trifft auch die Mitte der Gesellschaft

Armutsforschung zeigt: Armut ist längst kein Randphänomen mehr, sie rückt näher an die gesellschaftliche Mitte. Ursachen sind Krisen, die sich gegenseitig verstärken – die Corona-Pandemie, die Energiepreis-Explosion infolge des Ukraine-Kriegs und die anhaltend hohe Inflation, zuletzt zusätzlich befeuert durch den Krieg im Iran.

Die Folge: Wohnen, Mobilität, Heizen und Lebensmittel werden spürbar teurer, gerade für Haushalte mit kleineren Einkommen. Aktuell zieht die Teuerung wieder an: Im März sind die Preise in Deutschland um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen – die höchste Inflationsrate seit Januar 2024. Im Februar waren es noch 1,9 Prozent, im Januar 2,1 Prozent.

Vor allem Energie treibt die Preise nach oben, die Energiepreise stiegen im März um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr; besonders deutlich verteuerten sich Kraftstoffe und Heizöl. Die Kerninflation, also die Teuerung ohne Energie und Lebensmittel, liegt bei 2,5 Prozent – ein Zeichen, dass das generelle Preisniveau weiterhin steigt.

Wenn Arbeit nicht schützt

Armutsgefährdet zu sein, bedeutet keineswegs automatisch, arbeitslos zu sein. Neben Kindern und Jugendlichen sind viele Erwachsene betroffen, die im Niedriglohnsektor arbeiten und ihr Einkommen mit staatlichen Leistungen aufstocken müssen. Auch eine lange Erwerbsbiografie schützt nicht zwangsläufig – das zeigt das Beispiel der Rentnerin Ursula.

Sie hat zunächst eine Ausbildung im Einzelhandel absolviert und anschließend in der Gastronomie gearbeitet – immer in einem Bereich, in dem viele Beschäftigte über Jahrzehnte nur zum Mindestsatz angemeldet waren. Heute reicht ihre Rente nicht aus, um alle laufenden Kosten zu decken.

Wie viele andere Seniorinnen und Senioren nutzt sie deshalb die Angebote der Tafel, um Lebensmittel zu beziehen. Die Frankfurter Tafel berichtet von immer mehr Rentnerinnen und Rentnern, die auf Unterstützung angewiesen sind, weil die Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen sind. „Es ist Fakt, dass die Altersarmut zunimmt“, sagt Peter Metz, der Vorstand der Frankfurter Tafel.

Steigende Preise, wachsender Druck

Die jüngste Entwicklung der Inflation verschärft die Lage für Menschen mit wenig Geld spürbar. Während Haushalte mit mittleren und höheren Einkommen Preissteigerungen häufiger abfedern können, müssen einkommensschwache Haushalte einen deutlich größeren Anteil ihres Budgets für Miete, Energie und Nahrungsmittel aufwenden.

Steigen vor allem Energie- und Mobilitätskosten, schränkt das den Spielraum für alle anderen Ausgaben noch weiter ein. Im Alltag bedeutet das: gezieltes Einkaufen nach Prospekten, Vorratskäufe bei Sonderangeboten und das Weglassen von allem, was nicht unbedingt nötig ist.

Katja Schon etwa richtet ihren Wocheneinkauf konsequent nach Rabattaktionen aus, kauft bestimmte Produkte nur dann, wenn sie reduziert sind, und legt rechtzeitig kleine Beträge für besondere Anlässe zurück. Am Ende des Monats steht der siebte Geburtstag ihrer Tochter an. Die Tafel oder ähnliche Hilfsangebote möchte sie trotz knapper Kasse bislang nicht in Anspruch nehmen – die Hemmschwelle ist hoch, die Scham groß.

Strukturelle Ursachen begünstigen Armut

Armutsforscherinnen und -forscher betonen, dass Armut selten das Ergebnis individueller Fehlentscheidungen ist, sondern vor allem Ausdruck struktureller Entwicklungen. Dazu gehören ein ausgeprägter Niedriglohnsektor, unstete Erwerbsverläufe, steigende Wohnkosten, brüchige Erwerbsbiografien – etwa durch Krankheit oder Pflege von Angehörigen – und ein Sicherungssystem, das viele Lücken hat.

Gekürzte oder stagnierende Sozialleistungen und Rentenreformen, die das Leistungsniveau eher absenken, verstärken die Gefahr, im Alter in Armut zu geraten. Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Inflationsentwicklung, wie schnell äußere Schocks auf die schwächsten Gruppen durchschlagen.

Wenn Energiepreise plötzlich anziehen und Kraftstoffe oder Heizöl binnen eines Jahres um zweistellige Prozentsätze teurer werden, lassen sich diese Kosten kaum vermeiden – geheizt und gependelt werden muss trotzdem. Für Haushalte, die ohnehin an der Armutsschwelle leben, können solche Preisbewegungen den Unterschied zwischen gerade noch tragbar und existenzbedrohend ausmachen.

Was Armut verhindern könnte

Ob sich der Trend steigender Armutsgefährdung umkehren lässt, hängt nach Einschätzung von Experten maßgeblich von der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik der kommenden Jahre ab. Armutsforscher Christoph Butterwegge fordert eine Stärkung des Sozialstaats, verlässliche Löhne oberhalb des Niedriglohnsektors, eine armutsfeste Grundsicherung und Reformen, die Altersarmut begrenzen statt verstärken.

Auch Investitionen in bezahlbaren Wohnraum sowie eine gezielte Entlastung bei Energie- und Lebensmittelkosten könnten verhindern, dass weitere Gruppen in die Armutszone abrutschen.

Klar ist: Armut in Deutschland ist keine abstrakte Statistik, sondern Realität für Millionen Menschen – trotz Bürgergeld, trotz jahrzehntelanger Arbeit, trotz aller Sparbemühungen.

Die aktuell wieder anziehende Inflation macht ihre Lage nicht einfacher. Ob Armut abnimmt oder wächst, ist am Ende auch eine Frage des Willens der Gesellschaft, sie gemeinsam zu bekämpfen.

Source: tagesschau.de