Täglicher Kampf für Tausende Bedürftige – und gegen Lebensmittel-Vernichtung. Ein früherer Fleisch-Unternehmer ist seit Jahrzehnten eine treibende Kraft der Kölner Tafel. Die Helfer stellen eine beunruhigende Entwicklung fest.
Eine Halle im Süden von Köln, mitten im Industriegebiet des sonst eher bürgerlichen Stadtteils Rodenkirchen. Kisten stehen in langen Reihen, bis unter die Decke gestapelt. Ein Gabelstapler zieht seine Bahnen, setzt Paletten ab, dreht, fährt zurück. Vor dem Tor hält ein weißer Transporter mit dem Logo der Kölner Tafel. Zwei junge Ehrenamtliche springen heraus, rufen fragend hinein, was sie einladen sollen. Es wird geladen, verstaut, weitergefahren. Hier läuft alles in einem festen Rhythmus.
Am Rand steht Hans-Georg Waltner, Vorsitzender der Kölner-Tafel-Stiftung. Er schaut schweigend zu und bewegt sich langsam, gestützt auf seinen Gehstock. Weite Strecken schafft er nicht mehr, am 22. April wird er 90 Jahre alt. Aber sein Blick ist wach, fast schon prüfend. Als würde er jeden Ablauf im Detail kontrollieren wollen.
Was in dieser Lagerhalle passiert, ist organisiert. 108 Einrichtungen der Kölner Tafel müssen beliefert werden, Tag für Tag. Transporter fahren feste Routen und kümmern sich um die Versorgung mit Lebensmitteln. Dafür sind mehr als guter Wille und Ehrenamt nötig, dafür braucht man ein funktionierendes System. Und Waltner hat es entworfen.
Dass er das kann, verdankt der Pensionär seiner Berufskarriere, auch da konnte man Dinge nicht einfach laufen lassen. Jahrzehntelang hat er seine eigene Fleischwarenfabrik geführt, zuletzt mit fast 700 Mitarbeitern. Produktion, Kühlung, Lieferketten – alles musste stimmen. Und was ihn damals schon massiv gestört hat, treibt ihn bis heute an: dass Lebensmittel weggeworfen werden. Für Waltner ist das kein Randproblem. Es ist ein Missstand. „Wenn man nicht aus der Branche kommt, kann man sich das gar nicht vorstellen, wie viele Lebensmittel da vernichtet werden, weil man sie nicht loswird. Das war für mich schon immer schwer zu ertragen.“
Sein Engagement für die Tafel begann mit einem Freundeskreis. Unternehmer, Rechtsanwälte, Notare, Professoren aus Köln trafen sich einmal im Monat zu einem guten Essen. Dann starb ein Freund aus der Runde. Die Idee kam auf, ihm zu Ehren ein Benefiz-Golfturnier zu organisieren. Was die Freunde mit dem gesammelten Geld machen sollten, war zunächst offen. Verschiedene Projekte kamen in die engere Wahl. Schließlich fiel die Entscheidung für die Kölner Tafel.
Als Waltner mit der Organisation näher in Kontakt kam, traf er auf das Gegenteil dessen, was er gewohnt war. Ehrenamtliche fuhren mit privaten Autos, sammelten Lebensmittel ein und brachten sie zu den Ausgabestellen. Kühlung, Kontrolle, feste Abläufe – vieles fehlte. Für Waltner war klar: So kann das nicht funktionieren.
Doch bessere Abläufe allein reichten nicht. Es brauchte Geld. Fahrzeuge, Kühlzellen, Lagerflächen – all das musste finanziert werden. Also machte Waltner, was er am besten kann: Er sprach die an, die es sich leisten können. So blieb es nicht bei einem Golfturnier. 15 weitere folgten, genauso wie unzählige Abendessen mit dem immer größer werdenden Freundeskreis.
„… auch wenn ich irgendwann nicht mehr da bin“
Hans-Georg Waltner lässt die Finanzierung der Kölner Tafel seit dieser Zeit nicht mehr los. 2007 entstand die Kölner Tafel-Stiftung. „Die Stiftung hat nichts direkt mit den Lebensmitteln zu tun, die kommen im Regelfall von Supermärkten oder direkt von den Produzenten“, erklärt Waltner. „Die Stiftung ist dafür da, dass wir den Betrieb aufrechterhalten können.“ Mithilfe der wurde in Köln-Rodenkirchen eine eigene Lagerhalle gebaut. Hinzu kommen insgesamt 15 Transportfahrzeuge und ein Lkw. Wenn nicht genug Lebensmittelspenden hereinkommen, muss die Stiftung immer in der Lage sein, die Nachfrage finanziell zu überbrücken.
Das, was hier aus der Halle heraus verteilt wird, ist längst kein Symptom eines Randphänomens mehr. Armut hat sich in Deutschland verfestigt. Rund 17 Prozent der Bevölkerung gelten aktuell als armutsgefährdet – also jeder Sechste. Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat, fällt in diese Kategorie. 2025 lag die Schwelle für Alleinlebende bei 1446 Euro netto im Monat.
Die Tafeln in Deutschland versorgen inzwischen rund 1,5 Millionen Menschen. Jeder Fünfte von ihnen ist Rentner, knapp ein Drittel sind Kinder und Jugendliche. Fast die Hälfte der Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, bezieht Bürgergeld. 13 Prozent erhalten Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.
Auf den Hof fährt ein weiterer Wagen. Karin Fürhaupter steigt aus, die Vorsitzende der Kölner Tafel. Sie geht ein paar Schritte in die Halle, bleibt stehen, schaut sich um. Fürhaupter kennt die Abläufe. „Wir beliefern hier in Köln mehr als 100 Einrichtungen“, erzählt sie. „Darunter sind 48 klassische Ausgabestellen, aber auch Frauenhäuser, Einrichtungen für Obdachlose und Beratungsstellen für Suchterkrankte.“
Die Nachfrage nach Lebensmitteln sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. „Gerade ältere Menschen kommen immer mehr hinzu. Viele haben keine Chance mehr, aus der Situation herauszukommen“, sagt Fürhaupter. Sie schaut noch einmal zurück in die Halle. „Ohne die Stiftung und Herrn Waltner, der das alles erst ins Leben gerufen hat, würde das so nicht funktionieren.“
Neben dem Halleneingang liegt das Büro der Kölner-Tafel-Stiftung. Ein schlichter Raum. Ein Tisch, ein paar Stühle. Auf einer Ablage stehen noch Kartons mit Weihnachtspaketen, übrig geblieben von der letztjährigen Spendenaktion. Hans-Georg Waltner sitzt in seinem Bürostuhl, sein Geschäftsführer Harald Augustin neben ihm. Auch er war jahrzehntelang als Unternehmer tätig. Die Tür zur Halle steht einen Spalt offen. Man hört den Stapler, das Rufen, das Verladen.
Wenn die beiden über Politik sprechen, ändert sich ihr Ton. Sie erzählen von Gesprächen mit kommunalen Verantwortlichen, von Terminen im Rathaus, von Versuchen, politische Unterstützung zu organisieren. Es geht um Räume für die Tafel, bessere Strukturen zur Bekämpfung von Armut und Hilfe beim Aufbau weiterer Ausgabestellen. Beide wirken enttäuscht, wenn sie davon erzählen.
„Der Ablauf ist immer gleich. Schnell heißt es dann: In Deutschland braucht doch eigentlich niemand Hunger leiden, dafür haben wir doch das Bürgergeld“, sagt Waltner. Geschäftsführer Augustin sitzt daneben und nickt leicht. „Wir haben das wirklich oft versucht“, sagt er. „Aber irgendwann merkst du: Wenn wir es nicht machen, macht es keiner. Klar ist aber auch: Es ist nicht die Aufgabe der Tafeln, der Armut entgegenzuwirken.“
Das sei eigentlich die Aufgabe der Politik. Einen Moment bleibt es still im Raum. Waltner stützt die Hände auf den Tisch, richtet sich langsam auf. Er geht ein paar Schritte, bleibt an der Tür stehen. Das Thema geht ihm nah, immer noch. Er weiß, dass er nicht mehr ewig hier mitwirken kann. Die Halle vor ihm, die Abläufe, die er aufgebaut hat. „Das wird weitergehen“, sagt er. Er schaut auf die Ehrenamtlichen, das Kühlhaus, die Transporter. „Das alles ist in guten Händen, auch wenn ich irgendwann nicht mehr da bin.“
Denn dass die Armut in Deutschland weniger wird – daran glaubt er nicht.
Maximilian Heimerzheim ist Volontär im Innenpolitik-Ressort.
Source: welt.de