„Der größte strategische Partner in Europa ist ganz sicher Deutschland“, sagt Selenskyj

„Verspricht Merz der Ukraine zu viel?“, fragt Illner in ihrer Sendung am Donnerstag den Vorsitzenden der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC), Wolfgang Ischinger, die Publizistin und Grünen-Politikerin Marina Weisband sowie den Experten für Sicherheitspolitik an der Universität der Bundeswehr in München, Frank Sauer.

Illner fragt gleich zu Beginn der Sendung den Sicherheitsexperten, welchen Grund es für Deutschland gebe, eine strategische Partnerschaft mit der Ukraine abzuschließen.

„Es ist in unserem Interesse“, sagt Sauer, da die NATO und Deutschland viel von der Ukraine lernen könnten, vor allem bei Drohnen und Taktik, und prognostiziert: „Wir werden bald Dinge von der Ukraine kaufen können.“ Die Ukraine sei aus der Bittstellerrolle zunehmend heraus und sei „eigentlich weniger Sicherheitsimporteur, sondern immer mehr Sicherheitsexporteur“.

Eine strategische Partnerschaft soll heißen, dass Deutschland auch etwas von der Ukraine bekomme, fragt die Moderatorin.

Ja – „das Drohnen-Know-how“, und das bedeute „Produktion von Drohnen und die Iteration der Technologie“, aber auch die Daten: „Niemand sammelt mehr Daten auf dem Gefechtsfeld im Kampf gegen Russland als die Ukraine. Das ist natürlich alles sehr schrecklich, weil diese Daten ja mit Blut bezahlt sind.“ In diesem Kriegszustand sei dieses Land in der Lage, neue Waffensysteme wirklich aus dem Nichts zu schaffen, die dann dazu dienen, über große Strecken russische Ziele zu bekämpfen, erläutert Sauer. „Es ist schon erstaunlich, was da passiert.“

„Das ist nicht so, dass Deutschland die Ukraine irgendwie am Tropf hält, sondern es ist eine Zusammenarbeit, die beiden Staaten guttut, weil beide Staaten etwas haben, das der jeweils andere braucht“, meint die deutsch-ukrainische Publizistin Marina Weisband.

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, gibt der Grünen-Politikerin recht und verweist zudem auf die militärische Fähigkeit. Deutschland profitiere von der Zusammenarbeit: „Wir haben weniger als 200.000 Mann. Die Ukraine hat das Vierfache davon. Wir machen eine Partnerschaft mit der mit Abstand jetzt schon kampferprobtesten, modernsten und leistungsfähigsten Armee Europas.“

Selenskyj lobt Deutschland als wichtigsten Partner

Im Fokus der Sendung stand das Interview mit Selenskyj, das zwei Tage zuvor in Berlin geführt wurde. Dabei lobte der ukrainische Präsident den Bundeskanzler Friedrich Merz und Deutschland: „Der größte strategische Partner in Europa ist ganz sicher Deutschland“, sagte er und erklärte zudem, dass Deutschland seinem Land derzeit mehr helfe als die USA.

Selenskyj stimmte der Einschätzung zu, dass Donald Trump der einzige sei, vor dem Wladimir Putin Angst habe: „Wenn die USA keinen Druck auf Russland ausüben, dann werden sie keine Angst mehr haben.“

Auf die Frage nach Trumps Haltung zur Ukraine antwortete er: „Ich habe das Gefühl, er hat schon von Anfang an gesagt, er bleibt in der Mitte. Das zeigt, dass er weder auf meiner noch auf Russlands Seite steht.“ Trumps Signale gegenüber Russland seien allerdings „positiver“ als die gegenüber der Ukraine.

Grundsätzlich bemühten sich die USA stärker darum, „Aufmerksamkeit“ von Wladimir Putin zu bekommen, da die US-Unterhändler Jared Kushner und Steve Witkoff der Meinung seien, dass Russland den Krieg gewinnen werde.

Perspektivisch sieht Selenskyj sein Land auf dem Weg zum EU-Beitritt: „Für die Ukraine ist es wichtig, in der EU Mitglied zu sein.“ Gleichzeitig vertritt Selenskyj die Meinung: „Das sollte auch der Wunsch der EU sein. Unsere Armee und unsere Technologie werden die EU nur stärken.“ Die Wahrscheinlichkeit eines NATO-Beitritts sei hingegen geringer, da die USA diesen blockieren würden.

Militärexperte Sauer: „Ich komme an die Grenze meiner Expertise“

Selenskyj nahm auch Stellung zu der Forderung von Friedrich Merz, wonach die Ukraine dafür sorgen solle, wehrfähige Männer im Land zu halten, statt sie etwa nach Deutschland ausreisen zu lassen. „Ich kann den Menschen nicht verbieten, sich freiwillig zu bewegen“, sagte der ukrainische Präsident. 1,3 Millionen Ukrainer leben mittlerweile in Deutschland. „Natürlich möchte ich, dass sie in die Ukraine zurückkehren“, sagte Selenskyj und verwies zugleich auf die Belastung für Deutschland: „Ich höre, was Friedrich sagt. Ich verstehe, dass das eine Belastung für den deutschen Haushalt ist.“

Was aber tun, wenn sich wehrpflichtige Ukrainer in Deutschland aufhalten, will Illner von Militärexperte Sauer wissen.

„Ich komme an die Grenze meiner Expertise“, sagt Sauer. Er will nicht über ukrainische Soldaten oder Geflüchtete urteilen und hält sich bewusst zurück: „Ich bin extrem vorsichtig, hier im warmen Studio Urteile zu fällen über Männer, die entweder kämpfen oder sich diesem Krieg entziehen.“

Marina Weisband schaltet sich in diese Diskussion ein. Niemand solle gezwungen oder verurteilt werden, in den Krieg zu ziehen: „Ich habe große Verehrung für jeden, der freiwillig an die Front geht und kämpft. Aber wie können wir einem einzigen Menschen sagen: Du musst an die Front, du musst dich zerfleischen lassen?“

Maybrit Illner will von Wolfgang Ischinger wissen, wie man die Unterstützung der deutschen Bevölkerung für die Ukraine trotz eigener Probleme aufrechterhalten kann.

Der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz bezieht sich auf den Bosnienkrieg, der vor rund 30 Jahren in Europa stattfand. Viele Geflüchtete kamen damals nach Deutschland, und viele sind nach Kriegsende wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. „Warum sind sie zurückgekehrt? Weil es gelungen ist, diesen Krieg zu beenden“, erklärt Ischinger. „Wir müssen deshalb die Ukraine noch stärker unterstützen und unseren Einfluss in Washington geltend machen, damit die USA – anders als Donald Trump und J. D. Vance es sehen – ihre Unterstützung für die Ukraine wieder fortsetzen.“

Source: welt.de

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