„Sobald Gigolo lostrabte, dachte ich: Hier bist du zu Hause“

Keine Sportlerin hat für Deutschland mehr Olympia-Medaillen gewonnen als Isabell Werth – eine Weltkarriere auf dem Pferd. Dabei musste sie immer wieder Rückschläge verkraften. Einmal stand sie sogar als Doping-Sünderin da.

Audioplayer wird geladen

Der entscheidende Moment im Sportlerleben von Dressurreiterin Isabell Werth (56) passierte am Silvesterabend 1986. Der damals 17-Jährigen wurde von Pferde-Besitzer und Trainer Uwe Schulten-Baumer senior († 88) ein Angebot gemacht. „Er fragte mich, ob ich seine Pferde reiten wolle“, erzählt Werth. „Das war eine Riesengelegenheit und einer dieser Momente, in denen du zur rechten Zeit den richtigen Menschen triffst. Ich wurde mit der Zeit quasi seine Musterschülerin. Das prägt mich bis heute und gab mir das Rüstzeug, um das Reiten zu meinem Beruf zu machen. Das war wegweisend.“

Es war das Sprungbrett zur erfolgreichsten Karriere nicht nur im Reitsport, sondern im olympischen Sport in Deutschland. Aktuell steht Werth bei acht Goldmedaillen und sechs Silbermedaillen bei Olympia, und die Rheinbergerin hat noch nicht aufgehört.

Durch Schulten-Baumer durfte Werth ab 1989 den sechsjährigen Wallach Gigolo reiten. „Als ich das erste Mal auf ihm saß, wusste ich sofort: Das ist mein Pferd“, sagt Werth. „Er hat wahnsinnig schnell gelernt und mir das Leben sehr leicht gemacht. Es war ein Traum, ihn zu bekommen.“ Zu Beginn sei Gigolo noch ein „Schlaks“ gewesen, auf dem das Sitzen zunächst wie eine „Rutschbahn ohne Halt“ gewesen sei. „Doch sobald er lostrabte, dachte ich: Hier bist du zu Hause“, erinnert sich Werth.

Lesen Sie auch

Das Duo trainierte gemeinsam und schaffte dann 1991 bei der EM in Donaueschingen den Durchbruch: Im Grand Prix Special schlugen Werth und Gigolo die haushoch favorisierte Nicole Uphoff auf Rem­brandt, die Doppel-Olympiasiegerin von 1988. „Wir waren die Newcomer, der Sieg war vollkommen unerwartet“, sagt Werth. „Damit war der Bann gebrochen.“

Insgesamt sammelte sie mit Gigolo acht EM-Titel, dreimal WM-Gold und brillierte bei Olympia: 1992 in Barcelona holten sie Team-Gold und Einzel-Silber, 1996 in Atlanta dann Doppel-Gold. „Das war das absolute Highlight und eine emotionale Achterbahnfahrt“, erzählt Werth. „Erst lag ich vorn, dann hinten. Die Kür war eigentlich die Stärke von Anky van Grunsven, doch ich drehte es zu meinen Gunsten.“ 2000 in Sydney folgten dann noch einmal Gold und Silber.

Schlaflose Nächte wegen Wallach Satchmo

In den folgenden Jahren stand Werth vor einem Neuanfang: Gigolo ging 2000 als erfolgreichstes Dressurpferd der Nachkriegsgeschichte in den Ruhestand. Sie verließ den Stall von Schulten-Baumer und baute sich mithilfe ihrer neuen Mäzene, Dietrich Schulze und Madeleine Winter-Schulze, selbst etwas auf. Erst auf dem Hof von Winter-Schulze, dann ab 2004 im eigenen Stall in Rheinberg.

Werth stand vor einer großen Herausforderung: dem Wallach Satchmo. „Er war das Gegenteil von Gigolo und lehrte mich große Demut und nicht aufzugeben“, sagt Werth. „Ich war zwischenzeitlich verzweifelt: Du hast einen Ferrari unter dem Po, aber du findest nicht den Schlüssel. Da hatte ich schlaflose Nächte.“

Lesen Sie auch

Schließlich wurde entdeckt, dass Satchmo ein Augenpro­blem hatte: „Fischchen“ im Blickfeld irritierten ihn. Als das gelöst werden konnte, startete der Wallach mit Werth durch. 2006 gewann das Duo Doppel-WM-Gold und Bronze in Aachen, 2008 gab es in Hongkong Gold und Silber bei Olympia.

Die folgenden Jahre waren die schwersten für Werth. Im September 2009 wurde bekannt: Bei einem ihrer anderen Pferde, Whisper, war im Juni beim Turnier in Wiesbaden das verbotene Psychopharmakon Fluphenazin festgestellt worden. Die Strafe: eine sechsmonatige Sperre bis zum 22. Dezember 2009 und 3500 Schweizer Franken Geldbuße. „Der Dopingfall war wirklich das Schlimmste, was ich je erlebt habe und was ich auch niemandem wünsche“, sagt Werth. „Ich bin damals nicht bewusst mit einem gedopten Pferd zum Turnier gefahren.“

Abonnieren Sie WELTMeister bei Spotify, Apple Podcasts oder direkt per RSS-Feed.

Der Hintergrund: In Absprache mit Werths Tierarzt bekam Whisper das Medikament. „Ich sagte auch sofort, dass das Tier behandelt worden war“, erzählt die Reiterin. „Der Arzt hatte mir versichert, dass ich das Pferd nach sechs Tagen wieder beim Turnier einsetzen dürfe, weil das Mittel nicht mehr im Tier sein würde. Doch es kam anders, und ich war die verantwortliche Person.“

Die Stimmung im deutschen Sport war in Bezug auf Doping im Reiten aufgeheizt. Christian Ahlmann war damals ebenfalls gesperrt gewesen. „Die Doping-Diskussion war auf dem absoluten Höhepunkt“, sagt Werth. „Keiner wollte meine Erklärungen hören. Man hatte das Gefühl, man wäre der schlimmste Mensch auf Erden, wie ein Schwerverbrecher. Es gab nie eine Doping-­Intention.“

Leidenszeit für Werth und Bella Rose

Auch sportlich hatte Werth zu kämpfen, weil ihr mehrere Top-Pferde nicht zur Verfügung standen. Durch eine Verletzung von Wallach Don Johnson verpasste sie die Olympischen Spiele 2012 in London. Danach war die Stute Bella Rose während der WM 2014 in der Normandie verletzt ausgefallen, nachdem sie Deutschland noch mit zum Team-Gold verholfen hatte. Nach einem Kurz-Comeback in Stuttgart begann eine jahrelange und rätselhafte Leidenszeit für Bella Rose und Werth.

So musste sich die Reiterin 2016 in kürzester Zeit an eine neue Stute gewöhnen: Auf Weihegold bestritt sie am 29. Januar in Amsterdam ihren ersten gemeinsamen Dressur-Wettkampf. Mit nur neun Prüfungen Erfahrung als Paar starteten sie in Rio de Janeiro bei den Olympischen Spielen, gewannen Team-Gold und Einzel-Silber. „Es war sehr unerwartet, dass es so schnell funktionierte“, sagt Werth. „Sie holte in Rio die Kohlen aus dem Feuer.“

Doch in dieser Zeit bangte Werth stets noch um Bella Rose, denn sie ist das Pferd ihres Lebens. „Als ich sie bei der Züchterfamilie Strunk in Bochum gesehen habe, war ich von der ersten Sekunde an elektrisiert“, sagt die Olympiasiegerin. „Sie ist eine Erscheinung und mein Traumpferd, weil sie alles vereint, was Gigolo, Satchmo und Weihegold zu großen Teilen mitbringen.“

Doch eine rätselhafte Blessur zwang die Stute zu einer Zwangspause. „Erst das dritte MRT brachte dann endlich Klarheit“, erzählt Werth. „Das Pferd kann dir nicht sagen, wo es genau wehtut. Am Vorderbein wurde ein subchondraler Defekt entdeckt, wie eine Art Knochenödem am Gelenk. Das wurde mit einer Schraube befestigt. Dann wuchs es richtig zusammen, und die Schraube konnte wieder entfernt werden.“

Das Comeback war endlich im Juni 2018 beim Dressurturnier auf dem Schindlhof in Fritzens (Österreich) möglich. Beim folgenden CHIO in Aachen gewannen die beiden. Sie wurden für die WM 2018 in Tryon (USA) nominiert. Zu Recht: Doppel-Gold für Werth und Bella Rose! 2019 folgten dann drei EM-Titel in Rotterdam.

Danach galt es, sich mit Bella Rose auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio vorzubereiten, wonach sie in den Ruhestand gehen sollte. „Durch Corona gab es aber die Verschiebung um ein Jahr“, sagt Werth. „Da wurde es knapp. Sie hat das zusätzliche Jahr durchgehalten.“ Doch auf der dann 17 Jahre alten Bella Rose holte Werth erneut Gold und Silber.

Nächster Neuanfang mit Wendy de Fontaine

2022 musste sich Werth wieder neu erfinden: Bella Rose ging in Rente, Weihegold stand nicht mehr zur Verfügung. Mit Quantaz holte sie 2022 WM-Bronze und 2023 EM-Silber, doch dann ergab sich im Olympia-­Jahr 2024 ein glücklicher Zufall: Werth bekam durch die Hilfe von Mäzenin Winter-Schulze mit Wendy de Fontaine ein fertiges Spitzenpferd aus Dänemark. „Ich habe sie geritten und dachte gleich: Das ist mega, eine Ausnahme“, sagt Werth. Am 9. Februar traten die beiden erstmals in Le Mans an. Ähnlich wie 2016 mit Weihegold, schaffte es Werth im Schnelldurchgang, die Abstimmung mit Wendy zu finden.

Zusammen brillierte das Duo dann bei den Sommerspielen in Paris. Mit der Mannschaft gewann sie zum achten Mal Olympia-Gold, im Einzel die sechste Silbermedaille. Mit dieser Sammlung von 14 Medaillen übertraf sie Kanutin Birgit Fischer, die zwölfmal Edelmetall (acht Gold, vier Silber) bei Olympia holte. „Danach stießen wir bei mir auf dem Hof in Rheinberg mit einem Bier an“, sagt Werth.

Die Medaillen sind daheim in einer Vitrine im Büro. „Ich muss aber sagen, dass ich nie mitgezählt habe“, sagt Werth. „Auch wenn mir das vielleicht keiner glaubt. Ich gehe nicht nach der Statistik, sondern jede neue Prüfung ist eine Herausforderung, in der ich das Pferd präsentieren möchte. Natürlich freue ich mich über gute Noten und Siege.“

Die Karriere ist noch nicht vorbei: 2026 steht die Heim-WM in Aachen (11. bis 23. August) an. „Die Vorfreude ist riesengroß“, sagt Werth. „Ich habe immer noch viel Spaß ­daran, mit den Pferden auf der Suche nach dem perfekten Ritt zu arbeiten.“ 2028 steht in Los Angeles das nächste Mal Olympia an.

Der Text wurde für das Sport-Kompetenzcenter (WELT, SPORT BILD, BILD) erstellt und zuerst in SPORT BILD veröffentlicht.

Source: welt.de

DressurDressurreiten (ks)IsabellParkraum-InboxPferdePferdesportReitsport (ks)Werth