Chefmediziner von Youtube: „Wir wollen Kinder in jener digitalen Welt schützen und nicht vor ihr“

Eine Strafe über sechs Millionen Dollar reißt in die Bilanzen der Google-Muttergesellschaft Alphabet oder des Facebook-Konzerns Meta wahrlich kein Loch. Und doch haben sich die beide Konzerne in einem Gerichtsprozess in Los Angeles mit Händen und Füßen gegen diese Strafzahlung gewehrt – wegen ihres Grundsatzcharakters, der die Unternehmen perspektivisch zwingen könnte, ihre Plattformen grundlegend umzubauen.

Eine heute 20-jährige Klägerin hatte Metas Plattform Instagram und Googles Plattform Youtube vorgeworfen, sie als Minderjährige abhängig gemacht und ihr schwere psychische Schäden zugefügt zu haben. Die Geschworenen betonten in ihrem Grundsatzurteil, die Konzerne hätten gewusst oder wissen müssen, dass ihre Dienste eine Gefahr für Minderjährige darstellen, und hätten die Nutzer nicht ausreichend vor den Risiken gewarnt. Meta und Google wollen das Urteil anfechten.

„Wir lehnen diese Entscheidung ab“, sagt Youtubes globaler Leiter für Gesundheitswesen und öffentliche Gesundheit im Gespräch mit der F.A.Z.: „Gleichzeitig nehmen wir die geäußerten Bedenken sehr ernst.“ Garth Graham ist Kardiologe und arbeitete unter anderem für zwei US-Regierungen im Gesundheitsministerium, bevor er zu Google wechselte. „Wir wollen Kinder in der digitalen Welt schützen und nicht vor ihr“, sagt Graham. Youtube entwickele seit mehr als zehn Jahren die Kinderversion seiner Plattform weiter und investiere viel in die Erfahrung für Familien und Jugendliche auf der Plattform.

„Nicht das Medium, sondern die Art der Inhalte verursacht Probleme“

Zum Beispiel habe man den Empfehlungsalgorithmus für Kinder- und Teenager-Konten so angepasst, dass qualitativ hochwertige, pädagogisch wertvolle und leichtherzige Inhalte öfter empfohlen würden. Junge Kinder hätten nach der Umstellung 40 Prozent mehr solcher als hochwertig eingestuften Inhalte konsumiert. „Nicht das Medium, sondern die Art der Inhalte verursacht Probleme“, sagt Graham, der Youtube diesbezüglich freilich besser aufgestellt sieht als die Konkurrenz.

Garth Graham: Der Kardiologe arbeitet nun für Google.Google

Graham stellt Youtube auch als Bibliothek für Bildungsinhalte dar. 94 Prozent aller Lehrer auf der Welt nutzten Youtube in ihrem Unterricht, 74 Prozent aller Kinder in Europa würden Youtube zur Erledigung ihrer Hausaufgaben verwenden: „Ich glaube nicht, dass dieses Urteil die tatsächliche Streamingplattform widerspiegelt, die wir in den vergangenen Jahren aufgebaut haben.“ Aber man werde weiter auf Eltern hören und die Plattform weiterentwickeln.

Der politische und juristische Druck auf die Anbieter von Videoplattformen wie Instagram, Tiktok oder Youtube ist in den vergangenen Monaten erheblich gewachsen. In den Vereinigten Staaten stehen die Internetkonzerne aus Jugendschutzgründen vor Tausenden Klagen von Einzelpersonen, Schulbezirken oder Generalstaatsanwälten von Bundesstaaten. Zahlreiche Staaten erwägen ein Verbot sozialer Medien für Kinder und Jugendliche. In Australien gilt ein solches schon seit dem vergangenen Dezember.

Graham: Kontrollmöglichkeiten für Eltern statt Verbote

Dahinter steckt die Sorge, dass sich das stundenlange Scrollen durch meist schnell geschnittene Kurzvideos negativ auf die Entwicklung junger Menschen auswirkt. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO kommt zu dem Schluss, dass elf Prozent der Jugendlichen in Deutschland ein suchtartiges Nutzungsverhalten aufweisen.  Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass Jugendliche bei einer exzessiven Nutzung sozialer Medien signifikant öfter unter Depressionen, Stress, Schlafproblemen und schlechteren Schulnoten leiden. Einen Beleg für einen kausalen Zusammenhang liefern die Studien aber bisher nicht.

Von einem Verbot Youtubes und anderer Plattformen für Kinder und Jugendliche hält Garth Graham freilich wenig. Eltern könnten durch Verbote letzten Endes weniger Kontrolle haben als aktuell, argumentiert er. Die Plattformen versuchen seit geraumer Zeit, durch die Einführung von Kontrollmechaniken für Eltern ein komplettes Verbot zu vermeiden. Schon länger gibt es auf Youtube Kinder- und Teenager-Konten mit speziellen Einschränkungen der Nutzungsart und Inhalte.

Gerade diese Woche hat Youtube eine ganze Reihe an neuen Möglichkeiten für Eltern in Europa vorgestellt. So können sie die Zeit einstellen, in der ihre Kinder am Tag spezielle Kurzvideos schauen können. Diese „Youtube Shorts“ ähneln in Anmutung und Bedienung den Kurzvideos auf Instagram oder Tiktok und stehen besonders als suchterregend in der Kritik, weil Nutzer durch einen Algorithmus zum ewigen Weiterwischen animiert würden. Die Einstellung können Eltern auch auf null Minuten setzen. Zudem macht Youtube es für Eltern einfacher, ein Kinderkonto anzulegen. „Wir müssen den Eltern das Ruder in die Hand geben“, sagt Graham.

Debatte über Altersverifizierung

Maßnahmen wie die Zeitregulierung greifen allerdings nur, wenn sich Kinder und Jugendliche tatsächlich ein entsprechendes Konto anlegen und nicht einfach mit ihrem Geburtsdatum schwindeln. Youtube analysiert mit einer Künstlichen Intelligenz die Aktivitäten seiner Nutzer und will so Konten herausfiltern, deren Nutzer in der Altersangabe geschwindelt haben. Schlägt das System an, wird automatisch der Teenager- oder Kindermodus eingeschaltet.

In Australien mussten Jugendliche ihr Gesicht von einer KI analysieren lassen. Als komplett zuverlässig hat sich diese Methode nicht erwiesen. Die EU-Kommission hat gerade eine App vorgestellt, mit der Onlineplattformen das Alter von Nutzern verifizieren können, ohne dass diese den Plattformen gegenüber weitere Daten offenlegen müssen. Die Nutzung der App ist freiwillig, weder die EU-Staaten noch die Onlineplattformen müssen sie nutzen.

„Technische Werkzeuge sind nur ein Teil der Rechnung“, sagt Graham ohnehin und verweist auf die Rolle des Umfelds von Kindern. Zwar würden diese helfen, klare Regeln und Grenzen zur Nutzung aufzustellen, was wichtig sei. Erinnerungen zu Pausen würden Jugendlichen etwa dabei helfen, gesunde Konsumgewohnheiten zu entwickeln. Eltern rät er aber vor allem, mit ihren Kindern sehr offen und regelmäßig über deren Erfahrungen im Netz zu sprechen: „Das hilft Kindern erwiesenermaßen, konsumierte Inhalte kritisch zu hinterfragen.“

Idealerweise sollten Eltern auch Videos zusammen mit ihren Kindern anschauen. So wüssten Eltern, was ihre Kinder schauen, und könnten mit ihnen noch konkreter über die Inhalte reden. Wichtig sei zudem eine gesunde Balance aus digitalen Aktivitäten und Hobbies in der nicht-digitalen Welt. „Digitale Bildschirmzeit wird erst zum Problem, wenn sie gesunde Gewohnheiten wie Schlaf, Hobbys oder Treffen mit anderen Menschen vor Ort ersetzt“, sagt Graham.

Es gehe um eine altersgerechte Nutzung. Der vierfache Vater Graham vergleicht dies mit längst etablierten Erziehungstaktiken in anderen Bereichen. „Meine Siebenjährige darf nur so weit mit dem Fahrrad rausfahren, wie ich sie noch sehen kann“, erzählt er. „Mein Dreizehnjähriger darf viel weiter in der Nachbarschaft herumfahren. Nur so kann er schließlich Erfahrungen machen und auch lernen, eigenständig mit Gefahren umzugehen.“

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