Im Frühjahr 2002 bezog ein neu gegründetes Unternehmen seine ersten Geschäftsräume in einem Lagerhaus in der kalifornischen Küstenstadt El Segundo. Ein Foto aus den Anfangstagen zeigt eine fensterlose, von Neonlicht beleuchtete, gähnend leere Halle. So karg die Räumlichkeiten, so grandios waren die Ziele: Das Start-up wollte neuartige Raketen entwickeln, um die Kosten für die Weltraumfahrt drastisch zu senken. Der Gründer und Chef des Unternehmens, ein gewisser Elon Musk, war fest davon überzeugt, dass die Menschheit den Mars besiedeln müsse.
Musk, der damals Anfang dreißig war, hatte Geld zur Verfügung. Er war gerade dabei, seine Beteiligung an dem von ihm mit aufgebauten Bezahldienstleister Paypal zu veräußern. Einen dreistelligen Millionenbetrag brachte ihm der Verkauf ein. Den Löwenanteil davon investierte er in sein neues Raumfahrtprojekt: in SpaceX. Für Elektroautos dagegen interessierte sich Musk damals noch nicht, bei Tesla stieg er erst später ein.
24 Jahre nach den Anfängen im Lagerhaus in El Segundo ist SpaceX zum dominierenden Raumfahrtunternehmen der Welt geworden. Niemand sonst bringt vergleichbar viel Fracht zu so niedrigen Kosten ins All. Wenn die US-Raumfahrtbehörde NASA Astronauten zur Raumstation ISS befördern will, nutzt sie dafür Musks Raumkapsel Crew Dragon. Und auch bei der Artemis-Mission der NASA, die erstmals seit mehr als einem halben Jahrhundert wieder Menschen auf den Mond bringen soll, spielt SpaceX eine wichtige Rolle.
Mehr als 80 Prozent der weltweit ins All gebrachten Nutzlasten entfallen auf SpaceX, schätzt das auf die Raumfahrtindustrie spezialisierte Analysehaus Brycetech. Die SpaceX-Sparte Starlink wiederum ist Weltmarktführer bei satellitengestützten Internetdiensten und wächst schnell. Unter anderem stützt sich das ukrainische Militär im Abwehrkrieg gegen Russland auf die Kommunikation via Starlink.
Will Musk eine Million Satelliten ins All schicken?
Doch der Superstar-Unternehmer Musk wäre nicht er selbst, wenn er nicht noch sehr viel größere Ambitionen hätte. Im Januar reichte SpaceX bei der amerikanischen Telekommunikationsaufsicht FCC einen Antrag ein, in dem Pläne für den Aufbau von KI-Rechenzentren im Weltraum umrissen werden. Bis zu eine Million miteinander vernetzte Satelliten sollen dafür ins All geschossen werden. Wann genau, blieb in den Dokumenten offen. Musk selbst sagte, dies sei binnen weniger Jahre machbar. Im Weltall erzeugter Solarstrom könne die extraterrestrischen Rechenzentren wirtschaftlich lohnend machen, glaubt er. Auf der Erde dagegen gibt es Engpässe in der Stromversorgung der Datenfarmen.
Andere Techvisionäre wie Amazon-Gründer Jeff Bezos und Sam Altman vom ChatGPT-Entwickler Open AI haben sich zwar ebenfalls bereits mit möglichen Weltall-Rechenzentren befasst. Sie äußerten sich dazu aber viel zurückhaltender als Musk.
Ein Katapult auf dem Mond zum Satelliten-Start
Noch wilder mutet ein anderes Vorhaben von SpaceX an. Einem Bericht der „New York Times“ zufolge sagte Musk im Februar auf einer Mitarbeiterversammlung, er wolle eine Fabrik zum Bau von KI-Satelliten auf dem Mond errichten. Die Satelliten wolle er mit einem riesigen „Katapult“ ins All schicken.
Ist das alles ernst gemeint? Schwer zu sagen. Klar ist allerdings, dass diese Weltraumprojekte extrem teuer wären – und damit ist die Brücke geschlagen zum derzeit wichtigsten Vorhaben von Elon Musk. Es ist ebenfalls spektakulär groß, aber anders als die Pläne im All sehr irdisch. Möglicherweise bereits im Juni soll SpaceX an die New Yorker Technologiebörse Nasdaq gehen. Ein Hauptgrund dafür sei es, an der Börse Kapital zu beschaffen für die KI-Rechenzentren im All, schrieb SpaceX-Finanzvorstand Bret Johnsen in einer Mitteilung an die Mitarbeiter, über die das „Wall Street Journal“ berichtet hat.
Der Börsengang von SpaceX soll alle bisherigen Dimensionen am Finanzmarkt sprengen. Offiziell nannte das Unternehmen bislang keine Zahlen, doch die bereits durchgesickerten Kennziffern sind astronomisch. Wall Street Journal, Bloomberg und andere US-Medien berichten, SpaceX rechne beim Verkauf von Aktien an der New Yorker Technologiebörse mit einem Erlös von 40 bis 80 Milliarden Dollar. Selbst am unteren Ende der Spanne wäre dies mit Abstand der größte Börsengang der Finanzgeschichte.
„Glaubt nicht alles, was ihr lest“
Angeblich soll Musk für SpaceX insgesamt eine Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar anstreben, wodurch der Raumfahrt-Marktführer zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt würde. Sogar Musk selbst wurden die Spekulationen zuletzt offenbar zu wild: „Glaubt nicht alles, was ihr lest,“ schrieb er an seine fast 240 Millionen Follower auf dem Kurznachrichtendienst X.
Doch die Erwartungen sind schwer zu zügeln, zu faszinierend ist der Hype um den Unternehmer. Musk gehören Schätzungen zufolge derzeit rund 40 Prozent der Anteile an SpaceX. Wenn alles nach Plan geht, könnte er bei der Aktienplatzierung zum ersten Billionär der Welt werden – so eine weitere Spekulation. Schon heute gilt er mit einem geschätzten Vermögen von rund 620 Milliarden Dollar als reichster Mensch.
Musk hofft beim Börsengang auf seine Fans
Musk zieht alle Register, um den SpaceX-Börsengang zum Erfolg zu machen. Angeblich sollen rund 30 Prozent der SpaceX-Aktien, die auf den Markt kommen, für private Kleinanleger reserviert werden, das wäre etwa dreimal so viel wie bei vergleichbaren Transaktionen üblich. Musk-Fans aus aller Welt, die ein unerschütterliches Vertrauen in die unternehmerischen Fähigkeiten ihres Idols haben, sollen den Emissionspreis nach oben treiben, so ist offenbar das Kalkül. Die vielen Banken, die den Börsengang begleiten, darunter auch die Deutsche Bank, stellen sich angeblich auf einen beispiellosen Run von Kleinanlegern auf die SpaceX-Aktie ein.
Der „Musk-Faktor“ gilt als entscheidend beim Börsengang: die sagenhafte Begabung des Unternehmers, Anleger von seinen Visionen zu überzeugen, auch wenn sie noch so illusorisch klingen. Hat Musk nicht auch die Autoindustrie mit seinen von der Konkurrenz lange sträflich unterschätzten Tesla-Elektroautos revolutioniert – und mutigen Aktionären, die früh an ihn glaubten, Tausende Prozent Rendite beschert?
Offiziell bestätigt hat SpaceX bislang noch keine einzige der vielen schwindelerregend großen Zahlen, die zum Börsengang kursieren. Noch nicht einmal seine Bilanzen hat das Unternehmen veröffentlicht. Vergleichbare Offenlegungspflichten wie im deutschen Handelsregister gibt es für private US-Unternehmen wie SpaceX nicht.
SpaceX ist selbst sein bester Kunde
Einstweilen ist man bei der Beurteilung des geplanten Börsencoups auf Schätzungen angewiesen. Die Finanzanalyse-Plattform Pitchbook taxiert den Umsatz von SpaceX im vergangenen Jahr auf rund 16 Milliarden Dollar und den operativen Gewinn auf 7,5 Milliarden Dollar. Gut zwei Drittel des Geschäfts entfallen den Schätzungen zufolge auf die Satelliteninternet-Sparte Starlink, die als größter Gewinnbringer von SpaceX gilt.
Zugleich sorgt Starlink bislang für eine gute Auslastung der Raketenstarts des Mutterunternehmens. Denn ein Großteil der ins All transportierten Nutzlast von SpaceX entfällt Analystenschätzungen zufolge auf die Starlink-Satelliten. Im Raumfahrtgeschäft ist SpaceX also quasi selbst sein bester Kunde. Externe Investoren, die beim Börsengang die Aktie kaufen sollen, könnten das kritisch sehen.
Auch ungeachtet dessen gilt: Wenn die Schätzungen für Umsatz und Gewinn ungefähr stimmen sollten, dann wäre SpaceX zwar ziemlich profitabel und auch sehr wachstumsstark, aber bisher winzig klein – jedenfalls gemessen am angestrebten Billionen-Börsenwert, der SpaceX zugeschrieben wird. Um diesen zu rechtfertigen, müsste SpaceX mit mehr als dem Hundertfachen seines operativen Jahresgewinns bewertet werden, was extrem viel wäre. Zum Vergleich: Das derzeit wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt, der amerikanische KI-Chipentwickler Nvidia, wird an der Börse etwa mit dem vierzigfachen Jahresgewinn bewertet.
Zusätzlich erschwert wird eine realistische Einschätzung von SpaceX durch einen anderen Schachzug Musks. Im Februar schluckte das Raumfahrtunternehmen das ebenfalls von ihm kontrollierte verlustreiche KI-Unternehmen X.AI. Auch diese Transaktion ist ein neuer Superlativ, sie gilt als bislang größter Deal im Technologiesektor.
KI-Sparte verliert angeblich eine Milliarde Dollar im Monat
„SpaceX hat X.AI übernommen, um den ehrgeizigsten, vertikal-integrierten Innovationsmotor auf (und außerhalb) der Erde zu schaffen“, kommentierte Musk. Und er verwies erneut darauf, dass der Plan zum Bau von Rechenzentren im All ein wichtiger Grund für die Übernahme sei.
Musks Erzählung vor dem Rekordbörsengang von SpaceX lautet: Alles gehört zusammen und ergänzt sich bestens. X.AI treibt die Künstliche Intelligenz voran, und SpaceX schafft dafür ein riesiges Netz von Rechenzentren im Weltraum. Dazu passt dann auch, dass das Raumfahrtunternehmen mit dem Projekt Starship ein leistungsfähiges neues Raketensystem zum Transport großer Lasten ins All entwickelt.
Aber ist das Narrativ Musks glaubwürdig? Man kann auch zum Schluss kommen, dass SpaceX durch die Übernahme des KI-Unternehmens zu einem Konglomerat wird, also einer Kombination unterschiedlicher Geschäftsfelder, die wenig miteinander zu tun haben und die deshalb kaum Verbundvorteile schaffen. An der Börse werden solche Unternehmensgebilde häufig mit einem Bewertungsabschlag bestraft.
Funktioniert der „Musk-Faktor“ noch?
Kritiker argwöhnen, dass Musk den Schulterschluss von SpaceX und X.AI vor allem eingefädelt hat, um mit dem Erlös des nachfolgenden Börsengangs die enormen Verluste der KI-Sparte zu finanzieren. X.AI „verbrenne“ aktuell Monat für Monat eine Milliarde Dollar wegen hoher Kosten für Rechenkapazitäten und das Training seiner KI-Modelle, berichtete kürzlich die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Unternehmensinsider. X.AI konkurriert im Wettrennen der KI-Riesen mit Unternehmen wie Open AI und Anthropic, die ebenfalls als Kandidaten für einen baldigen Börsengang gehandelt werden.
Wie man es auch dreht und wendet: Am Ende wird der Kauf der SpaceX-Aktie wohl eine kühne Wette sein auf das unternehmerische Genie von Elon Musk. Und so wird der bevorstehende Börsengang auch ein Gradmesser dafür werden, wie gut der „Musk-Faktor“ am Finanzmarkt noch funktioniert.