Und sie treibt die Angst, er könnte nicht sehen, wie viele Entscheidungen sie für ihn getroffen hat. Könnte nicht sehen, dass all ihre Planungen, all ihr Träumen, all ihre Worte und Sätze mit ihm zu tun haben. Dass sie die Dinge, die sie macht, vor allem deshalb macht, damit sie zusammen sein können. Dass sie die Texte, die sie schreibt, so schreibt, dass er von ihnen bewegt werden könnte. Dass sie die Orte, die sie besucht, vor allem deshalb besucht, um zu schauen, ob das Orte für sie beide werden könnten. Dass sie die Menschen, die sie trifft, vor allem deshalb trifft, weil sie feststellen will, was sie ihr im Verhältnis zu ihm bedeuten. Dass sie ihr Schreiben, das Wichtigste, was sie besitzt, ganz auf ihn ausgerichtet hat.
Sie hat Angst, dass er nicht sieht, wie sehr sie ihr Leben in seine Richtung gewendet hat. Sie hat Angst, dass er nicht sieht, was sie alles bereit ist, an Gefühlen und Gedanken für andere preiszugeben, damit ihr Herz genug Platz für die übergroße Sehnsucht hat, die sie für ihn empfindet. Sie hat Angst, nicht nur, weil er mit einer anderen in den Urlaub fährt. Angst vor allem, weil er sie mit Vernunft tröstet. Weil er argumentiert, erklärt, richtigstellt. Weil er ihr mit seinen Sätzen sagt: Nimm dich zusammen. Sei klug. Halt ein.
Immer etwas Dunkles mit sich
Aber sie kann sich nicht zusammenhalten, sie ist ganz schlaff vor Kummer. Sieht überall nur noch die Farbe Blau. Jene Tönung, von der Goethe gesagt hat, dass sie „immer etwas Dunkles mit sich führe“. In ihrem Bauch hat sich ein Gefühl von Verlust eingenistet, so als ob etwas für immer fehlen könnte.
In Wahrheit ist es die bohrende Angst vor der Einsamkeit. Die Angst davor, wie allein sie sich fühlen wird, wenn er mit der anderen, wenn er mit den anderen ist. Und nicht mit ihr. Nicht in ihrer Welt. Nicht in ihrem Sinn.
In ihrem 2009 erschienenen Buch „Bluets“ untersucht die amerikanische Autorin Maggie Nelson, was es bedeutet, Angst vor dem Alleinsein zu haben. Aus unterschiedlichen Richtungen, mit verschiedenen Tonlagen, aus unbequemen, zum Teil unangemessenen Haltungen heraus schreibt sie über ihre Angst davor, keine „Würde in der Einsamkeit“ mehr zu finden, sondern nur noch grausam gewalttätige Verlorenheit. Die Angst vor der Einsamkeit findet bei ihr immer neue Nahrung. Es ist nicht nur der Mann, der sie vernünftig tröstet, es ist auch eine Freundin, die bei einem Autounfall schwer verunglückt und fortan in einem völlig versehrten Körper lebt, die sich von ihr entfernt, weil sie die nun für alle offensichtliche Differenz nicht erträgt.
Vor allem die blauen Dinge braucht sie
Es ist auch das Gefühl, die Dinge nicht mehr richtig in den Griff und in den Blick zu bekommen, ihrer Ausstrahlung nicht mehr zu erliegen, anders gesagt: die Furcht davor, dass die Dinge das Interesse an ihr verlieren könnten. Dass sie an ihr vorbeischauen, sich umorientieren könnten. Dabei ist sie so abhängig davon, dass die Dinge ihr gewogen bleiben. Vor allem die blauen. Zu ihnen fühlt sie eine besondere Beziehung. Sie sammelt alles, was blau ist: Murmeln, Ginflaschen, Streichholzpackungen, Postkarten. Von blauen Augen fühlt sie sich besser gesehen als von grünen. Denn aus blauen Augen schaut man blauer auf die Welt. Und ihre Welt ist tiefblau, so wie es in dem tieftraurigen Song von Joni Mitchell heißt: „Blue / I love you / Blue / You gotta keep thinking / You can make it through these waves“.
Aber manchmal sind die Wellen so hoch, dass sie sich fragt, ob sie „in die falsche Spezies hineingeboren“ sei. Vielleicht eher in das blaue Tief des Meeres gehört, dort, wo es ganz still ist und jeder Herzschlag sofort gehört wird. „Ich will aufhören, Dich zu vermissen“, fleht die namenlose Erzählerin und behauptet: „Ich versuche, nicht an Dich zu denken.“ Aber sie fleht und behauptet das nur, damit der andere, der zu anderen Aufbrechende, ihr sagt, wie sehr er sie vermisst, und ihr beweist, wie sehr er trotzdem an sie denkt. Und wenn gar nichts mehr hilft, nicht die melancholischen Suchanzeigen und auch nicht die pornographischen Entblößungen ihrer Zweisamkeit, die sie aus eifersüchtigem Lustverschluss öffentlich macht, wenn all das nicht zu Linderung führt – dann zitiert sie Van Gogh mit seinem Sterbenssatz „La tristesse durera toujours“ – „Die Traurigkeit wird für immer bleiben“.
Audiovisuelle Potentialität
Katie Mitchell, die britische Theaterregisseurin mit dem sechsten Sinn für die audiovisuelle Potentialität von Texten, hat sich Nelsons still stöhnende Collage vorgenommen und sie an der Berliner Schaubühne in der ihr eigenen, mittlerweile etwas eingeübten Art als Livevideohörspiel in Szene gesetzt. Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler bilden die verschiedenen Charaktere nach und halten ihre Gesichter immer wieder ausdrucksvoll in konzentriert ausgerichtete Kameras. Dazu reicht ihnen eine perfekt getimte Requisite (die dafür Verantwortlichen Dina Dukule und Soraya Shili sollten beim kommenden Theatertreffen für ihre Leistung einen Sonderpreis bekommen!) unterschiedliche Gerätschaften, um den jeweiligen Stimmungszustand zu illustrieren.
So eindrucksvoll reibungslos das alles abläuft, so gut es mit der Darstellung und dem Einsprechen klappt – theatralisch ist dieser Abend eher unauffällig. Aber von der Stimmung her, durch die zahlreichen Schattierungen der Gefühlsfarbe Blau, die hier szenisch angedeutet werden, bekommt er eine sinnliche Prägnanz. „Das Vergessen einer Liebe fühlt sich an wie das Schlachten eines schönen Vogels“, heißt es an einer Stelle. Es ist, als ob an dieser Stelle ein schamhafter Schauer durchs Berliner Publikum liefe. Wie viel Liebe man doch wie schnell vergessen hat . . . Deshalb sagt der Abend neben aller ironischen Emphase für die Blauäugigkeit auch etwas sehr Ernstes: streiten, verletzen, verkennen: ja, aber vergessen, was wir uns gesagt haben und woran wir glauben: nie.
Source: faz.net