Das mysteriöse Duo Angine de Poitrine aus Québec erobert die Welt mit weirden Auftritten und mikrotonalem Post-Rock. Handelt es sich um die Rettung vor der immer größer werdenden Frustration durch KI-Slops?
Angine de Poitrine brechen gekonnt alle Regeln der Kunst
Foto: Constantin Monfilliette
Ein kalter Frühlingsabend im Jahr 2026. Der Daumen wischt stumpf auf glatter Oberfläche über den Weltuntergangsstrom, der von Krieg, digitaler Gewalt und geldgierigen KI-Magnaten erzählt. Der Daumen verharrt. Es landet ein monochromes Ufo im Feed, und nicht nur der eigene wunde Daumen, nein, überall auf dem Globus halten verkrampfte Smartphone-Krallen inne. Seltsame Sounds erklingen, zwei Aliens mit den Namen Khn (Gitarre/Bass) und Klek (Schlagzeug) erscheinen in schwarz-weiß gepunkteten Pappmaché-Masken und Kostümen.
Angine de Poitrine (französisch für Angina Pectoris, ein Engegefühl in der Brust) ziehen ihr virtuelles Publikum sofort in ihren Bann. Zugegeben, es ist schon etwas müßig und anachronistisch, einen viralen Internettrend derart sperrig auf gedrucktem Papier zu beschreiben, aber wenn Sie dieses anonyme Duo aus Québec erleben, dann ergibt das alles Sinn – oder vielleicht auch keinen. „Orchestre Rock Microtonal Dada-pythago-cubiste“, so lautet Khns und Kleks selbstgewähltes Genre.
„Wer sind diese Clowns?“
Die Mikrotonalität, also Tonintervalle, die kleiner als ein Halbtonabstand sind und damit außerhalb (oder besser: zwischen) der westlichen Tonskala liegen, bespielt Khn mit einer maßgefertigten doppelhalsigen Gitarre: oben mikrotonale Bündchen, unten Bassgitarre, ebenfalls modifiziert. Khn und Klek kommunizieren in ihrer Geheimsprache; bei Songansagen und Interviews wird gegrunzt, gepfiffen und gebrabbelt. Mit ihren Händen formen sie ein mystisches Dreieck zur Begrüßung.
Es wirkt alles derart bizarr und seltsam, dass es zunächst verwirrt, dann aber begeistert zurücklässt. „Zuerst dachte ich ‚Wer sind diese Clowns?‘, aber jetzt merke ich, dass ich selbst der Clown war“, kommentiert ein Nutzer unter dem Video ihrer Performance für den Radiosender KEXP, das mittlerweile bald zehn Millionen Aufrufe erreicht.
Auf Instagram gibt es zahlreiche Videos, in denen Menschen festhalten, wie gebannt und verzaubert sie sind: Ein Vater und sein Kleinkind tanzen mit Kochtöpfen auf dem Kopf vor dem Fernseher, ein tätowierter Mann erstarrt mit Staubsauger in der Hand vor besagtem Video, bis er schließlich mit Bildschirm in den Händen auf dem Rücken liegend, kopfwippend in die Pixel hineinkriechen möchte. In was für einem groovigen Math-Rock-Kult sind wir hier gelandet und wie wurde es so ein Hype, der ihre Konzerte binnen Minuten ausverkauft?
Anonymität, schräge Kostüme und Masken, Mikrotonalität und Polyrhythmik (man fühlt sich an King Gizzard und auch Meshuggah erinnert, auch wenn diese in ihren eigenen Universen herrschen) sind nichts Neues. Zugegeben, am Anfang war da Skepsis. Es gibt ja Musik, die vor allem Musikauskenner toll finden. Mucke, die kompliziert und unhörbar sein muss und deren streng limitierter Indie-Kassettenrelease nur von einem ausgewählten Publikum verstanden werden darf. So eine Sperrigkeit ist nicht unbedingt ein Qualitätsmerkmal.
Ein Hoffnungsschimmer mit Polka Dots
Angine werden sicher auch von Nerds brillant gefunden, aber sie grooven halt auch in ganz eigenen Sphären und es liegt ein polygonförmiger Bann in den mikrotonalen Räumen, der einen wie sediert die Eins suchen lässt. Schon beim Opener Fabienk auf dem Album Vol. II wandern Khns Gitarrenriffs so virtuos gestaltwandelnd, dass man nicht mehr weiß, in welches Kaninchen-Loophole man am Anfang gefallen ist.
Utzp ist eine verkleidete Polka und Sarniezz das einzige der sechs Stücke auf der Platte, das nicht die Sechs-Minuten-Marke knackt. Hypnose versteht das Musikduo. Nach den sechs Songs steigt man mit wackligen Beinen aus dem psychedelischen Ufo und fragt sich als Tochter von Eltern, die keine Lust auf Musikschule hatten, warum man selbst kein Instrument gelernt hat. Wie gern möchte mein geplagter Daumen, anstatt zu wischen und zu tippen, lieber einen Drumstick schwingen oder eine Saite zupfen.
Darum also der Hype? In Zeiten von KI-Slop und -Fatigue ist Angine de Poitrine eine Antithese. Ein schwarz-weißer Hoffnungsschimmer und ein Versprechen, dass Handgemachtes noch immer mitreißend sein kann. Die Absurdität, die humorvolle Spielfreudeder weirden Aliens ist wohltuend – und es scheint, als würden wir alle kollektiv diese Therapie oder diesen Kult, wie auch immer man es nennen mag, dieser Tage mehr denn je brauchen.