Soll die Rente in Zukunft allenfalls noch eine „Basisabsicherung“ sein? Der Kanzler löst mit einer Prognose zur Alterssicherung eine Welle der Entrüstung aus. Was könnte auf die Menschen zukommen?
Mit Äußerungen zur Zukunft der Rente hat Bundeskanzler Friedrich Merz empörte Reaktionen und Streit mit dem Koalitionspartner ausgelöst. „Die gesetzliche Rentenversicherung allein wird allenfalls noch die Basisabsicherung sein für das Alter“, sagte der CDU-Vorsitzende beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken in Berlin.
SPD-Generalsekretär Tim Klüssendorf kündigte im „Spiegel“ daraufhin an: „Wenn der Bundeskanzler die gesetzliche Rente auf eine ›Basisrente‹ herunter rasieren will, wird er auf den erbitterten Widerstand der Sozialdemokratie treffen.“ In zweieinhalb Monaten will die Koalition gemeinsam eine große Rentenreform auf den Weg bringen.
Umstrittene Position des Kanzlers
Vor festlich gekleideten Finanzmanagern sagte der Kanzler, die gesetzliche Rentenversicherung werde nicht mehr ausreichen zur Sicherung des Lebensstandards. „Es müssen kapitalgedeckte Elemente einer betrieblichen und privaten Altersvorsorge hinzutreten, und zwar in weit größerem Umfang, als wir sie gegenwärtig weitgehend auf der Basis von Freiwilligkeit haben.“ Merz sprach die Banker direkt an: „Hier kommen Sie ins Spiel, die Banken. Wir brauchen dabei Ihre Unterstützung, nicht nur materiell, sondern auch ideell und gesellschaftspolitisch.“
Bereits im November hatte der Kanzler die Ankündigung eines „Gesamtversorgungsniveaus“ aus dem Koalitionsvertrag zitiert. Vor den Bankern unterstrich er nun, dies sei für seinen Koalitionspartner SPD ein „großer Schritt“. „Aber wir müssen ihn jetzt auch gemeinsam gehen.“ Merz kündigte an, die Regierung werde den Empfehlungen der Rentenreformkommission folgen. Bereits seit Januar verhandeln Koalitionspolitiker und Wissenschaftler hinter verschlossenen Türen über die Pläne. Zum 1. Januar 2027 – so Merz – solle die Reform in Kraft treten.
Heftiger Widerspruch
SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt entgegnete Merz: „Auf die gesetzliche Rente muss Verlass sein.“ Wer jetzt Verunsicherung und Ängste schüre, „handelt verantwortungslos“. Heftiger Widerspruch kam auch aus der Opposition, von Sozialverbänden und Gewerkschaften. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel sagte: „Die gesetzliche Rente zum Basisanspruch kleinzureden, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten.“ VdK-Präsidentin Verena Bentele warf Merz einen „gefährlichen Paradigmenwechsel“ vor.
Nach Ansicht von Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch wäre es die Aufgabe des Kanzlers, „für grundlegende Reformen zu werben, nicht für einen Abriss des ganzen Rentensystems“. Das Missmanagement des Kanzlers erschwere eine dringend gebrauchte Rentenreform. Grünen-Rentenexperte Armin Grau warnte: „Friedrich Merz will die gesetzliche Rente zu einem Billigprodukt degradieren, auf das sich die Menschen nicht mehr verlassen können.“
Renditenstärkere Vorsorge
Doch was steckt überhaupt hinter der Aufregung? Schon vor Jahren ging es bei Rentenreformen um ein „Gesamtversorgungsniveau“. So betonte das Bundesarbeitsministerium etwa 2012: „Die Berechnungen zum Gesamtversorgungsniveau (…) zeigen deutlich, dass ergänzende Alterssicherung unerlässlich ist.“
Doch die Erwartungen der Politik daran hatten sich nicht erfüllt, beim Riester-System zum Beispiel schmälern hohe Abschluss- und Verwaltungskosten die Rendite. Ab Januar soll es nun neue Möglichkeiten geben, privat und staatlich gefördert für das Alter vorzusorgen. Beim schwarz-roten Riester-Nachfolger sollen die Produkte günstiger und renditestärker sein.
Infolge des bereits begonnenen und weiter zunehmenden Übertritts der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge in die Rente werden die Renten künftig niedriger ausfallen. Erhöhungen der Bezüge für die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner wie im kommenden Juli um 4,24 Prozent dürften nach den offiziellen Prognosen dann nicht mehr üblich sein. Bereits heute hilft der Staat nach, um das Absicherungsniveau der Rente nicht unter den vorgeschriebenen Wert von 48 Prozent rutschen zu lassen. Doch ist das laut der ersten Rentenreform der Regierung nur bis 2031 der Fall.
Wie es mit der Rente weitergeht
Diese Größe, das Rentenniveau, zeigt an, inwieweit die Renten mit den Einkommen Schritt halten. „Ab dem Jahr 2032 sinkt es dauerhaft unter 48 Prozent“, sagte der Vorsitzende des Bundesvorstands der Deutschen Rentenversicherung, Alexander Gunkel, im Herbst vorher. Klar ist: Die Renten werden den Löhnen im Land hinterherhinken.
„Jüngere Altersgruppen werden die Babyboomer zahlenmäßig nicht ersetzen können“, stellt das Statistische Bundesamt fest. Doch wie groß diese Lücke wird und was das genau für die Einzelnen bedeutet, ist noch nicht exakt vorherzusagen. Der jüngste Rentenversicherungsbericht sagt bei schlechter wirtschaftlicher Entwicklung ein Absinken des Sicherungsniveaus auf bis zu 46,1 Prozent voraus.
Offen ist, wie stark private und betriebliche Vorsorge – wie gewünscht – stärker als heute an Fahrt aufnehmen. Laut jüngstem Alterssicherungsbericht machte die gesetzliche Rentenversicherung zuletzt 69 Prozent aller Alterssicherungsleistungen aus, die an 65-Jährige und Ältere gezahlt werden. Betriebsrenten erreichen 7, andere Alterssicherungsleistungen 17 Prozent. Frauen haben tendenziell weniger Jahre eingezahlt, wenn sie in Rente gehen, vielfach treffen geringe Erwerbszeiten mit niedrigen Erwerbseinkommen, Teilzeitarbeit oder sozialversicherungsfreier Arbeit zusammen, was die Rente schmälert. Es hängt also von politischen, aber auch von wirtschaftlichen und persönlichen Entwicklungen ab, wie die Rente in Zukunft ausfällt.
Presseseminare Deutsche Rentenversicherung
Statistisches Bundesamt zu Rentner 2024
GDV-Tool zur individuellen Rentenberechnung
Merz beim Jahresempfang des Bundesverbands deutscher Banken (youtube)
dpa
Source: stern.de