Amerika Via Habermas: Eine schlechte Zeit zu Händen diesen Abschied

„Sogar seine Berühmtheit ist berühmt,“ schrieb der Rechtsphilosoph Ronald Dworkin zu Jürgen Habermas’ achtzigstem Geburtstag. Jetzt unterstrich die „New York Times“ mit dem Zitat die Bedeutung, die er auch für Amerika hatte. Habermas, der unter anderem an der New School in New York gelehrt hatte, prägte auch hier Debatten in vielen Disziplinen. Das lässt sich an der Forschung über Verschiebungen der politischen Öffentlichkeit durch soziale Medien sehen. Dabei nutzen Wissenschaftler das Konzept des Öffentlichen als Ort demokratischer Kommunikation, der „public sphere“.

Und auch in den politisch-philosophischen Richtungskämpfen sind Habermas‘ Theorien präsent, wenn auch häufig verkürzt. Einer der wichtigsten Kritiker des Liberalismus, der Rechtshistoriker Samuel Moyn, schrieb zu Habermas’ Tod bei X: „Er war ein Held. Doch sein weltweites philosophisches Vermächtnis besteht darin, dass er sich auf verschiedene Weise mit der Vorstellung vom ‚Ende der Geschichte‘ arrangierte. Die Folgen davon hat die Kritische Theorie bis heute nicht überwunden. Zugleich prägte und spiegelte diese Haltung das liberale politische und verfassungsrechtliche Denken – nicht zu dessen Vorteil.“

Was Habermas 2010 schrieb

Gemeint war, dass Habermas die liberale Demokratie als historischen Endpunkt akzeptiert habe, während die Kritische Theorie weiterhin Kapitalismus und liberale Ordnung hinterfragen müsse. Andere, wie etwa Craig Calhoun, würdigten Habermas‘ Konzept der demokratischen Öffentlichkeit als Voraussetzung für Teilhabe und auch für Opposition. Die Welt verliere einen der größten Denker, so der Soziologe, der als einer der wichtigsten Vermittler des Werkes von Habermas in den USA gilt.

Dessen Warnung vor der Gefahr des Autoritarismus erschien Gal Beckerman in der „Times“ besonders aktuell: Demokratie sei davon abhängig, dass eine ausreichende Zahl von Menschen daran glaube, gemeinsam die Zukunft gestalten zu können, hatte Habermas dort 2010 geschrieben. Diese Zuversicht wird für viele Amerikaner unter Donald Trump immer schwieriger. An Habermas‘ Todestag teilte der Präsident bei Truth Social zufällig eine Art Collage: „Präsident Trump baut die Medien um“ stand oben, darunter eine Parade der „Siege“, eine Mischung aus Kino- und Fahndungsplakat.

Losgeworden sei man Moderatorinnen wie Joy Reid (mit Foto), NPR und PBS seien „defunded“. Trump gewinne den „Krieg gegen die Medien“. Manche teilten das Bild mit Verweis auf den Tod von Habermas. Von ihm müsse man sich ausgerechnet verabschieden, während die kritische Öffentlichkeit „unter dem Angriff von neuen Technologien und Oligarchen zusammenbricht“, schrieb der Historiker Paul Cohen. Doch gerade das Denken von Habermas besteht darauf, dass solche Entwicklungen auch umkehrbar sind.

Source: faz.net