Am Tropf von Trump: Der Dax und die Nähe zum Abgrund

Jeder Analyst findet eine ungeschriebene Regel vor: 180-Grad-Kehrtwenden binnen kurzer Zeit sind verboten. Der Grund dafür ist simpel: Wer heute „Rein in die Kartoffeln“ schreibt, morgen das Gegenteil behauptet und übermorgen wieder zur Ausgangsmeinung zurückkehrt, macht sich in den Augen vieler Anleger unglaubwürdig. Ein Touch von Beliebigkeit hält Einzug, in schlimmeren Fällen wird Desinteresse oder gar Inkompetenz unterstellt. Wenn ich heute, nur zwei Wochen nach meiner freundlichen Dax-Prognose, zumindest anfange, an ebendieser Prognose zu zweifeln, muss und werde ich mir dies deshalb gut überlegt haben.
Was ist passiert? Wenn ich mein Instrumentarium sprechen lasse, zunächst nicht gar so viel. Mittelfristig orientierte Indikatoren befinden sich unverändert im „Steigt“-Modus, die Stimmung ist gemessen an meinen Indikatoren weiterhin sehr schlecht, und der europäische Leitindex hat sich so weit von seinem Allzeithoch aus dem Jahr 2000 bei 5500 Punkten nach oben abgesetzt, dass eine Bullenfalle, die schnelle Rückkehr unter dieses Niveau, momentan nicht zu befürchteten ist. Und dennoch sind zwei Dinge passiert, die in diesem Umfeld extrem ungewöhnlich und – beschönigende Formulierungen wären fehl am Platz – gefährlich sind.
CAC 40 sendet gefährliche Signale
Zum einen hat der französische Index, der CAC 40, der mich hier schon ein paarmal in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, in der vergangenen Woche neue Allzeithochs bei knapp 8400 Punkten erzielt und damit die bisherige Bestmarke um rund 100 Punkte überboten. Das war vorbehaltlos gut und ließ begründete Hoffnungen auf deutlich mehr keimen. Doch das glatte Gegenteil geschah: Nachdem der US-Präsident mal wieder seine Meinung kundgetan hatte, rauschte der Index unter seine frühere Bestmarke zurück. So sehen klassische Bullenfallen aus. Die Optimisten wähnen sich in der Vorhand und werden auf dem schnellstmöglichen Weg rasiert. Das war und ist für den Dax schon deshalb alles andere als gut, weil er sich kaum anders verhalten kann als der französische Index.
Auch der Dax sieht angeschlagen aus
Der zweite Punkt: Auch dem Dax bekamen die Texte aus dem Weißen Haus nicht, und auch er fiel nach seinem Ausbruch über die massive Widerstandszone bei 24.500 Punkten unter widrigen technischen Rahmenbedingungen wieder auf dieses Ausbruchsniveau zurück. Er hat sich damit bislang zwar noch nicht so klar gegen die Optimisten gestellt wie der CAC 40. Aber auch seine Entwicklung wird kein technischer Analyst als vergnügungssteuerpflichtiges Verhalten ansehen wollen. Dies gilt selbst dann, wenn man die Idee eines „Backtests“, eines vorübergehenden, nicht ganz untypischen Rückfalls auf das Ausbruchsniveau, dehnt und bereit ist, den jüngsten Kursrutsch von rund 25.500 Punkten auf ebenso rund 24.500 Punkte in dieser Rubrik einordnet.
Ein weiteres, im abgebildeten Chart nicht darstellbares Ereignis sei erwähnt: Zwischen dem Tief am Freitag der vergangenen Woche bei 25.199 Punkten und dem Hoch vom Montag bei 25.071 Punkten liegt ein sogenanntes Gap, eine Kurslücke von bemerkenswerten 128 Punkten. In diesem Bereich kam kein Handel zustande. Zu viele wollten am Montagmorgen das Gleiche: verkaufen. Gaps dieser Preisklasse können richtig üble Gesellen sein. Sie sind oft ein Hinweis darauf, dass die Mehrheit der Marktteilnehmer es in Erwägung zieht, mit der Vergangenheit zu brechen und dem Markt eine neue Richtung zu geben. Sollte deshalb das in Rede stehende bis zum Freitagabend nicht geschlossen werden, der Dax sich also bis dahin nicht wieder auf Niveaus darüber aufgemacht haben, könnte sein Schicksal fast als besiegelt gelten. Aber immerhin: Die am Mittwochabend und Donnerstagmorgen nach dem trumpschen Rückzieher einsetzende Erholung von der kritischen Unterstützung bei 24.500 Punkten aus könnte den Aufwärtstrend und damit die guten Aussichten doch noch retten.
Aber Vorsicht bleibt geboten. Mein verbliebener Restoptimismus kommt auf tönernen Füßen daher. So nah am Abgrund stand der Dax seit der Verkündung des „Liberation Day“ Anfang April des vergangenen Jahres nicht mehr. Charts, die in einem guten technischen Umfeld, wie dem noch vor Kurzem gegebenen, so schnell und so dynamisch die Richtung ändern, führen nicht unbedingt Gutes im Schilde. Sollte der Dax also gar das am vergangenen Mittwoch im Tagesverlauf erzielte Tief von 24.350 Punkten unterbieten oder, schlimmer noch, unter rund 24.000 Punkte fallen, dürfte er am Ende einer langen Reise angekommen sein.
Habe ich mit dieser Beinahekehrtwende den eingangs erwähnten Analystenfauxpas vermieden? Ein gedehntes „Jeiiin“ wäre wohl die beste Antwort. Auf jeden Fall will ich lieber meine Unvollkommenheit eingestehen und die Dinge so beschreiben, wie sie sind, als mich mit irgendwelchen Regeln aufhalten. Ehrlichkeit währt schließlich am längsten.
Der Autor ist Geschäftsführer der Staud Research GmbH.
Source: faz.net