Alpen-Tourismus: Und ewig büßt dies Murmeltier
Kaum hat man die Gondel verlassen, geht der Blick zum schneebedeckten Gipfel des Piz Tambo. Dahinter liegt Italien. Obwohl die Sonne vom Himmel lacht, fläzt fast niemand in den einladenden Liegestühlen am „Tambostrand“, wie das Bergrestaurant „Tanatzhöhi“ seine Freiluftbar getauft hat. Drinnen ist etwas mehr los. Skifahrer und Snowboarder ordern Bündner Gerstensuppe und „Ghackets mit Hörnli“ (Hackfleisch mit Hörnchennudeln), um sich zu stärken.
Christian Simmen bestellt sich eine Art Schinken-Burger. Es dauert lange, bis das Ungetüm verdrückt ist. Denn der bullige Mann hat nicht nur viel zu kauen, sondern auch viel zu erzählen. Simmen ist der Gemeindepräsident von Rheinwald, wozu die Dörfer Splügen, Hinterrhein und Nufenen gehören. 580 Menschen leben dort. Simmen hat noch einen anderen Hut auf: Er leitet die lokale Käsereigenossenschaft Sennerei Nufenen und hat es in dieser Rolle geschafft, selbst im preissensitiven Deutschland etliche treue Abnehmer für seinen (teuren) Bio-Bergkäse zu finden. Zum Glück ist auch seine Frau unter Volldampf mit von der Käsepartie. Das erlaubt es Simmen, sich noch mehr um die Entwicklung seiner Gemeinde im Kanton Graubünden zu kümmern. Und die hängt stark von der Bergbahn Splügen ab.
In den Alpen mangelt es an Schnee
Von deren Nöten handelt diese Geschichte, vom Vorwärtsdrang des lokalen Käsekönigs und vom millionenschweren Einsatz eines tschechischen Bierliebhabers. Zum Schluss geht es auch noch um Murmeltiere, die im Kochtopf landen.
Das Skigebiet, das die Bergbahn bedient, reicht bis in eine Höhe von 2200 Metern. Das ist eine ansehnliche, aber keineswegs beruhigende Höhe für einen Ort, der maßgeblich vom Wintertourismus lebt – zumal in einem Winter wie diesem, in dem bis in den Februar hinein fast überall in den Alpen akuter Schneemangel herrschte. „Tessiner Skigebiete kämpfen ums Überleben“, titelten Schweizer Zeitungen im Januar.
Auch in Graubünden, dem größten Ferienkanton der Schweiz, ächzten die Bergbahnbetreiber unter dem fehlenden Schnee. Im nur 15 Autominuten talaufwärts von Splügen entfernten San Bernardino mussten die Lifte an den Hängen der Alp de Confin ausgerechnet in der Hochsaison über Weihnachten und Silvester geschlossen bleiben, was Hotelgäste, Ferienwohnungsbesitzer und Saisonkarteninhaber sehr frustrierte.
Dieses Schicksal blieb den Gästen in Splügen zwar wie durch ein Wunder erspart. Die dortige Bergbahn ist nach mehreren schneearmen Wintern hintereinander aber auch nicht auf Rosen gebettet, wie Simmen beim Gespräch im „Tanatzhöhi“ zugibt. Er sitzt im Verwaltungsrat der Bergbahnen Splügen-Tambo AG, die angesichts schlechter Zahlen gerade erst ihren Geschäftsführer vor die Tür gesetzt hat. Er war nicht einmal ein Jahr im Amt.

Die Klimaerwärmung lässt nicht nur Bergflanken bröckeln, die – wie im vergangenen Jahr im Walliser Lötschental geschehen – ganze Dörfer unter sich begraben können. Er stellt auch die Zukunft vieler Bergorte infrage, deren Existenz maßgeblich vom Wintertourismus abhängt. Hochalpine Skigebiete wie Zermatt, Saas-Fee und Verbier, wo viele Pisten deutlich oberhalb von 2000 Metern liegen, müssen sich weniger Sorgen machen. Gekniffen sind Gebiete in tieferen und mittleren Lagen, die keine Schneekanonen haben oder in denen es inzwischen oft zu warm ist, um ausreichend Kunstschnee zu produzieren.
„Die Bergbahn ist systemrelevant“
Bisher haben sich nur wenige Skigebiete geschlagen gegeben und den Liftbetrieb eingestellt. Christian Simmen will daran nicht einmal denken. „Unsere Bergbahn ist systemrelevant“, sagt er mit Blick auf all jene Betriebe, die in seiner Gemeinde indirekt vom Skizirkus profitieren: Sportgeschäfte, Restaurants, Hotels, Lebensmittelläden, Bäcker, Handwerksbetriebe und viele mehr. „Ohne Bergbahn können wir Splügen auch nicht touristisch weiterentwickeln, um Arbeitsplätze zu schaffen und so der Abwanderung entgegenzuwirken.“
Tatsächlich hat das Dorf schon bessere Zeiten erlebt. Vom späten Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert hatte sich Splügen zu einem wichtigen Knotenpunkt für Transport und Handel entwickelt – dank der günstigen Lage an den beiden wichtigsten Transitrouten im Nord-Süd-Verkehr durch die Alpen. Diese führten über den Splügen-Pass und den San-Bernardino-Pass nach Italien. Die Einheimischen erhoben einen Wege- und Brückenzoll und kümmerten sich um den Transport aller möglichen Waren wie Getreide, Reis, Salz, Gewürze, Früchte, Käse, Wein, Werkzeuge, Textilien und Waffen. In der Blütezeit hat es in Splügen angeblich so viele (Transport-)Pferde wie Einwohner gegeben, je 500 an der Zahl.
Goethe und Einstein waren schon hier
Den Reisenden aus aller Welt bot man Unterkünfte wie das 1722 errichtete Bodenhaus an, das bis heute als Hotel dient. Berühmte Leute machten dort einst auf ihrer beschwerlichen Reise über die Alpen Rast: Königin Viktoria, Napoleon III., Goethe, Einstein, Tolstoi, Nietzsche und andere. Dieses und etliche andere architekturhistorisch bedeutende Gebäude, die dank preisgekrönter Heimatschutzprojekte bis heute zu bestaunen sind, zeugen vom Wohlstand der Einwohner in der damaligen Zeit. In den engen steilen Gassen des Oberdorfs reihen sich herrschaftliche Bürgerhäuser an sonnengeschwärzte Holzhäuser aus der Zeit der alemannischen Volksgruppe der Walser, die das Tal einst besiedelt hatten.
Mit den sprudelnden Einnahmen aus dem Transitgeschäft war es vorbei, als 1882 die Gotthardbahn eröffnet wurde. Schlagartig stieg der Splügenpass zur kaum noch genutzten Nebenroute ab. Der einträglichen Arbeit verlustig gegangen, wanderte binnen weniger Jahre ein Viertel der Einwohner ab. Zu einem gewissen Aufschwung kam es Ende der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts, als der San-Bernardino-Straßentunnel eröffnet wurde. Fortan war das Rheintal im Winter keine Sackgasse mehr, sondern auch vom Süden her erreichbar. Das lockte Wintersportler aus Italien an. Doch je stärker der Schweizer Franken und je unsicherer die Schneelage wurde, umso weniger Gäste kamen nach Splügen, wo auch mit ausreichend Schnee nur vier Lifte und bescheidene 30 Pistenkilometer zur Verfügung stehen.
Zum Aufbruch blasen
Doch der umtriebige Christian Simmen wollte nach seiner Wahl zum Gemeindepräsidenten 2019 nicht nur den Niedergang verwalten, sondern zum Aufbruch blasen. Als Durchgangsregion mit einer Autobahn im Talboden ist Splügen stark von Tagesgästen abhängig, die nur bei gutem Wetter kommen. Das lässt die Einnahmen schwanken und sorgt für eine vergleichsweise geringe Wertschöpfung. Damit die Leute länger bleiben und mehr Geld in der Region ausgeben, bedarf es eines besseren und breiteren Angebots: So lautete Simmens Erkenntnis.
Doch für die dafür notwendigen Investitionen fehlten der finanzklammen Gemeinde die Mittel. Also machte sich Simmen auf die Suche nach einem Investor. Einem großen Käsekunden aus Dresden erzählte er von seiner Mission. Und dieser gab ihm die Telefonnummer von Jan Michal. Der 50 Jahre alte Tscheche, ein früherer Finanzberater, leitet in Prag ein Family Office namens Altstaedter Investments. Darüber verwaltet er das Vermögen, das sein Vater Jiří Michal einst eingebracht hatte. Dieser wiederum war Chef und Teilhaber des tschechischen Pharmaunternehmens Zentiva, das 2008 an den Sanofi-Konzern veräußert wurde. Im Zuge dessen verkaufte auch Jiří Michal seine Aktien.
Jan Michal hatte bis dato vor allem in Immobilien in Tschechien, Deutschland und Argentinien investiert. Doch dann klingelte plötzlich Christian Simmen bei ihm durch. Michal legte nicht etwa auf, sondern spitzte sogleich die Ohren. Denn wie es der Zufall wollte, war ihm das kleine Schweizer Dorf schon ein Begriff: „Ich kannte Splügen von Motorradfahrten mit meiner Frau“, erzählt der Tscheche in fließendem Deutsch. „Der Ort ist ein Juwel.“ Allerdings fiel ihm auf, dass es anders als an schönen Passstraßen und Bergorten in Österreich in und rund um Splügen wenige Einkehr- und Übernachtungsmöglichkeiten gab. Das weckte seine Neugierde – und seine Investitionslust.
Craft-Biere mit lokalem Quellwasser
2021 kaufte Michal das leerstehende und heruntergekommene Gasthaus „Pratigiana“. Er entkernte das Gebäude und eröffnete im Sommer 2025 in den alten Mauern ein neues Hotel namens „Speluca“. So lautete einst die lateinische Bezeichnung für Splügen. Dass der Name an „Spelunke“ erinnert, ist durchaus passend: Aus einem Land mit großer Bierkultur stammend, ließ der Tscheche Michal im Keller seines Hotels neben einer Bar und einem Restaurant auch eine veritable Brauerei einbauen.
Seit vergangenem Sommer produziert dort ein Braumeister aus dem Allgäu mit lokalem Quellwasser süffige Craft-Biere, die zunehmend auch an andere Gasthäuser in der Region verkauft werden. Rund 30 Millionen Franken hat Michal nach eigenen Angaben in das gesamte Speluca-Projekt investiert. Der Tscheche griff zudem der darbenden Bergbahn unter die Arme: Er schoss frisches Kapital ein und ist nun mit 28 Prozent an dem defizitären Betrieb beteiligt. Der Anteil der Gemeinde ist genauso hoch.
Ist das für Splügen nicht riskant? Ein anderer tschechischer Investor in der Schweiz, der Milliardär Radovan Vitek, hatte einst die Aktienmehrheit der Bergbahn von Crans-Montana übernommen und die Gemeinde danach regelrecht erpresst: Um sie zu einem Finanzbeitrag zu zwingen, stellte er 2018 mitten in der Hauptsaison für zwei Tage die Lifte ab. Der Aufschrei war groß. Inzwischen hat Vitek seine Bergbahnanteile an den amerikanischen Skigebietsbetreiber Vail Resorts verkauft.
Für den Investor geht es um mehr
Michal betont indes, langfristig in Splügen investiert bleiben zu wollen. Für ihn ist der Einsatz in dem kleinen Bergdorf, wo er für sich und seine Familie auch ein Haus gekauft hat, mehr als eine Geldanlage. Es ist es ein Herzensprojekt, für das er auch weitere Mittel zur Verfügung stellen würde: „Wir sind bereit, der Bergbahn zu helfen und sie am Leben zu halten.“ Zugleich ist ihm klar: Wenn die Lifte im Winter stehen, kommen viel weniger Gäste – und dann geht auch sein wirtschaftliches Kalkül für das „Speluca“ nicht auf.
Zudem ist Michal auf eine gedeihliche Zusammenarbeit mit der öffentlichen Hand angewiesen. Diese tut jetzt einen entscheidenden Schritt, um die Zukunft des Skigebiets zu sichern: Sieben Gemeinden aus der Viamala – wie man die Verwaltungsregion zwischen Thusis und San Bernadino gleichlautend mit dem noch aus der Römerzeit stammenden Schluchtenweg benannt hat – haben die Tambo Finanz Infra AG gegründet. Diese stattet nun schrittweise alle Pisten mit Beschneiungsanlagen aus.
Der Gemeindepräsident Simmen beziffert die nötigen Investitionen in Schneekanonen, Wasserleitungen, Pumpstationen und den Speichersee auf sechs Millionen Franken. Den Einwohnern der Gemeinden wird das kostspielige Subventionsmanöver, das auch in anderen Schweizer Berggebieten gerade Schule macht, mit einem Schmankerl versüßt: Sie bekommen die Saisonkarte für die Bergbahn fortan zur Hälfte des regulären Preises.
„Warme Betten“ statt „kalte Betten“
Die öffentlich finanzierte Aufrüstung des Skigebiets bildet die Grundlage für noch viel weitergehende und ambitioniertere Investitionspläne in Splügen. Unterhalb der Talstation der Seilbahn, die außerhalb des Ortskerns auf der anderen Seite des Flusses Hinterrhein liegt, soll das „Rheinwald Resort“ entstehen. Es soll aus zwei Teilen zusammengesetzt sein: einem Campingplatz und einem von den Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron entworfenen Häuserensemble mit 190 Wohnungen. Die Investitionen hierfür veranschlagt Michal auf 120 Millionen Franken, wobei er diese Summe nicht allein aufbringen will: „Es ist absolut klar, dass wir im Ort neue Investoren brauchen werden.“ Sein „Speluca“ soll dabei als Referenz dienen. „Wir können damit zeigen, dass es geht.“
Langfristig und unter Einschluss der Investitionen der Gemeinde in Zufahrtsstraßen, die Bergbahn und weitere Maßnahmen zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur könnte in Splügen so viel Geld aufgebracht werden wie in San Bernardino, meint Michal. Dort sollen unter Federführung des Tessiner Immobilienentwicklers Stefano Artioli 300 Millionen Franken in neue Hotels, Ferienwohnungen, Restaurants und das Skigebiet investiert werden. In beiden Orten geht es im Kern darum, den vielen „kalten Betten“ der oft leerstehenden Ferienwohnungen ein größeres Angebot an „warmen Betten“ in Hotels und bewirtschafteten Apartmenthäusern gegenüberzustellen.
„Dieses Projekt ist einfach zu groß“
Dass Michal im Schulterschluss mit dem Gemeinderat insgesamt rund 500 neue Betten in Splügen plant, kommt nicht überall im Dorf gut an. „Dieses Projekt ist einfach zu groß für unseren kleinen Ort“, sagt Sabina Simmen-Wanner, die trotz Namensgleichheit nicht mit dem Gemeindepräsidenten verwandt ist.
Die Landwirtin ist die Tochter des ehemaligen Dorfchronisten und arbeitet nebenbei als Gästeführerin. Eine große Zahl neuer Touristen würde Splügen aus ihrer Sicht überfordern. Sie fände es besser, wie im Fall des Speluca-Projekts, auf den bestehenden Strukturen aufzubauen. Angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung hält es Simmen-Wanner nicht für nachhaltig, mit noch mehr Geld auf die Karte Skitourismus zu setzen. Stattdessen sollte man breiter denken und versuchen, Gäste mit attraktiven Angeboten jenseits des klassischen Alpinskifahrens anzulocken.
Bei Reto Thörig läuft sie damit offene Türen ein. Der Direktor von Viamala Tourismus findet es zwar richtig, das vergleichsweise wenig beachtete Skigebiet aufzuwerten. Aber darüber hinaus tüftelt er an einer Fülle weiterer Angebote. Seit Kurzem können Schneeschuh- und Skitourengänger über den Splügenpass ins italienische Montespluga gelangen und dort auf einem Bauernhof – einem Agriturismo – übernachten. Im Sommer sollen noch mehr Wanderer über den Weitwanderweg Via Spluga in die Region gelockt und zur Übernachtung in Splügen gebracht werden. Als ehemaliger Hotelier setzt Thörig aber auch auf die Kulinarik, die gerade für betuchte ältere Gäste immer wichtiger wird. Er ist davon überzeugt: Wo man gut essen kann, verweilen die Leute länger.

Um die Viamala zur „Genussregion der Schweiz“ zu machen, setzt Thörig auf Gastgeber wie Carelia Joos. In ihrem Lokal „Bachhuus“ in Splügens Nachbardorf Hinterrhein serviert sie ausschließlich Bio-Gerichte aus der Region. Zum Beispiel Gerstensuppe mit Speck vom hauseigenen Alpschwein und „Pizokels da cualm“, eine lokale Teigwarenspezialität mit Bündnerfleisch, Mangold und Alpkäse. Die emsige Wirtin passt ihr Angebot auch an die Jagdsaison an.
Vielleicht steht also im Frühherbst sogar auch einmal „Murmelipfeffer“ auf der Tageskarte, ein Ragout aus in Rotwein mit Wurzelgemüse geschmortem Murmeltierfleisch. In den jeweils drei letzten Septemberwochen dürfen die pelzigen Nager in Graubünden geschossen werden. Viele Touristen sind zwar oft entsetzt, dass die scheuen Tierchen so für einen fatalen Moment der Unaufmerksamkeit büßen müssen. Doch Einheimische wissen die Wildspezialität zu schätzen. Die Zubereitung ist langwierig. Murmeltierfleisch habe einen hohen Fettgehalt, erzählt Joos. „Deshalb muss man es lange kochen“ – und penibel entfetten.
Die Bergbauern haben ohnehin keine Freude an den allzu fleißigen Grabern. Deren Löcher im Grund erschweren nicht nur das Mähen der Alpwiesen, sie sind auch gefährliche Stolperfallen für die grasenden Kühe. Im Marketing der Tourismusverantwortlichen spielen die pelzigen Erdhöhlenbewohner dennoch schon länger eine große Rolle: In vielen der Bündner Täler ist ein „Murmeltierweg“ ausgeflaggt. Am Splügenpass kriechen die Tiere spätestens im Mai aus ihrem Wintergemach.