Allgemeiner Deutscher Automobil Club-Rücktritt: Auf Engel muss Verlass sein

Den Autofahrern das Autofahren vermiesen zu wollen, das kommt in Deutschland ungefähr so gut an wie das Ansinnen, den Bauern in Frankreich an die Subventionen gehen zu wollen – womöglich mit dem Unterschied, dass die Franzosen rascher mal Straßen blockieren, Gemüse auf die Gasse kippen oder eine Führungskraft festsetzen. In Deutschland werden gelbe Westen bislang nur getragen, wenn das Kraftfahrzeug mit einer Panne liegenbleibt. Die mit Starthilfe und Schraubenzieher ausgerüsteten Engel, auch gelbe, schickt dann zumeist der ADAC.
Den Autofahrern das Autofahren vermiesen zu wollen, dafür gibt es andere Hilfen, sogenannte zumeist, sie kämpfen mal mit lauteren, oft mit ideologischen Mitteln, die aufgeklärte Kundschaft weiß, woran sie ist. Vom größten Automobilclub erwartet sie derweil Fairness, Verlässlichkeit, vor allem Rückendeckung.
Denn dass es an des Autofahrers Kragen, um nicht zu sagen Konto geht, und zwar immer mehr, daran kann kein Zweifel bestehen. Nun kann auch ein ADAC nicht an den Fakten vorbei, dass nämlich der Umweltschutz eine steigende Bedeutung erfährt. Freilich sollte dieser bezahlbar bleiben, was zu einem gewissen Dilemma führt.
Die Logik ist verquer
Der Preis gilt dem an Wirtschaft orientierten Marktbeobachter als recht gutes Steuerungsinstrument. Insofern ist es nicht abwegig, dass der Verkehrspräsident des ADAC, Gerhard Hillebrand, in einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vor Weihnachten sagte: „Der ADAC hält die CO₂-Bepreisung für ein richtiges Instrument, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Leute brauchen den Anreiz, um auf klimaschonende Alternativen zum Diesel und Benziner umzusteigen.“
Die Logik freilich ist verquer, denn sie geht so, oder kommt jedenfalls so an: Der Strompreis ist zu hoch, als dass die Leute mit dem Elektroauto glücklich würden. Also subventionieren wir nicht nur in der Anschaffung, sondern erhöhen zudem den Preis für Diesel und Benzin so lange, bis der Strom relativ günstig wirkt.
Leider haben dann alle weniger in der Tasche, aber das muss es uns wert sein. Muss es offenbar nicht, wie die Reaktionen von rund 60.000 Clubmitgliedern zeigen, die erbost gekündigt haben, wie die „Bild“-Zeitung zuerst meldete. Was den ADAC beunruhigt, weshalb der 60 Jahre alte Hillebrand von seinem Posten zurücktrete.
Wenn Planwirtschaft immer hemmungsloser in ihr Leben eindringt
Womöglich liegt auch im folgenden Gedanken ein Fehlschluss, denn der nunmehr bisherige Verkehrspräsident sagte auch etwas zu der, in Wahrheit nur seichten, Aufweichung des De-facto-Verbrennerverbots in der EU vom Jahr 2035 an. Vor einer Lockerung der Klimaschutzziele „kann ich nur warnen. Europa muss an ehrgeizigen CO₂-Minderungszielen festhalten, wir müssen die Erderwärmung begrenzen.“
Das mag wiederum im Kern richtig sein, aber die Menschen haben ein Gespür dafür und eine zunehmende Abneigung dagegen, wenn Planwirtschaft immer hemmungsloser in ihr Leben eindringt. Und dann auch noch unter ihre Motorhaube.
Es könnte sich als schlau erweisen, wenn die ein wenig in ihrer Berliner Käseglocke gefangene Politik vor allem in Person von CDU-Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche diese Personalie nicht als eine Autopanne verstünde. Sondern als Warnsignal, was im Land so los ist. Nämlich wirtschaftlich leider nicht viel, im ungebrochenen Wunsch nach individueller, bezahlbarer Mobilität dafür umso mehr.
Der ADAC bemüht sich derweil um Schadenbegrenzung, beteuert, er wolle seine Rolle als Anwalt der Autofahrer nicht verlassen. In die schlüpft zunächst zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Technikpräsident Karsten Schulze. Auch der ist nicht in der Freiburger Schule aufgewachsen, aber doch mit beiden Beinen in Berlin, und zwar dort, wo Kraftfahrzeugmeister noch was zählen.
Der besonnene Mann mit einem abseits der Bühne zutage tretenden spitzbübischen Hang zum Galgenhumor hat sein Handwerk als Busunternehmer gelernt. Ihm braucht man mit ideologisch gefärbten Floskeln nicht zu kommen. Für Umweltschutz hat er ein offenes Ohr, auch für Belange der Radfahrer und Fußgänger. Aber die Verteufelung des Autos, die Aufgabe von Technologieoffenheit, so etwas ist mit ihm nicht zu machen.
Seit dem Jahr 2019 ist Schulze Technikpräsident, also einer jener spartenverantwortlichen Ehrenamtler, wie sie jeder Fußball- und Tennisverein um die Ecke auch kennt. Nur in etwas größerer Dimension. Und auch ein bisschen mehr im Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit stehend. Der ADAC hat rund 22 Millionen Mitglieder, darunter offenbar einige unzufriedene. Der Kraftfahrzeugbestand in Deutschland ist so alt wie nie. Es gibt Zusammenhänge. Man muss sie nur erkennen. In München. Und in Berlin.