Alain Corbin 90: Wie riecht die Vergangenheit?
Der Name der kleinen Stadt Lonlay-l’Abbaye in der Normandie erinnert daran, dass sie aus einer Abtei herausgewachsen ist. 1944 wurde der Ort abwechselnd von den Amerikanern und von den Deutschen besetzt. Die Deutschen steckten ihn in Brand. Eine Folge des Brandes war, dass die Glocken nicht mehr geläutet werden konnten. Auf dem Dach des Rathauses wurde eine Sirene installiert, um die Glocken zu ersetzen, die den Bauern bislang den Beginn der Mittagspause verkündet hatten. 1958 war der Wiederaufbau der Kirche abgeschlossen, und die Glocken funktionierten wieder. Die Bürger der Altstadt baten den Bürgermeister, den hässlichen Sirenenklang abzuschalten. Diese Petition stieß auf den entschiedenen Widerspruch der Landbewohner, und der Kleinkrieg von „Sirenisten“ und „Antisirenisten“ spaltete die Gemeinde.
Als ein versöhnlicher Appell des Pfarrers nichts fruchtete und schon Radio und Nachrichtenmagazine auf die Sache aufmerksam wurden, heckten ein paar junge Leute einen Plan aus, um die zivile Zwietracht auf die Spitze zu treiben. Sie wollten ins Rathaus einbrechen, um mitten in der Nacht die Sirene auszulösen, schreckten dann aber vor der Ausführung der Tat zurück. Der Rädelsführer, ein Student der Geschichte, Sohn des Landstadtarztes, der zugleich das Amt des Apothekers versah und seine Praxis unterhalb des Glockenturms betrieb, gegenüber vom Rathaus, ging nicht als Störenfried in die Lokalgeschichte ein. Stattdessen schrieb Alain Corbin 36 Jahre später die Geschichte der Ruhestörungen, die im Jahrhundert nach der Französischen Revolution vielerorts durch den Raub oder die Heimführung des Kirchengeläuts ausgelöst wurden.
Überraschungen für Ortskundige
Die deutsche Übersetzung des Buches erschien 1995 unter dem Titel „Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts“ bei Fischer. Ein Leitmotiv der nationalen politischen Geschichte hört man aus der Kakophonie klar heraus: den republikanischen Antiklerikalismus. Aber Corbins Neugier galt eigentlich den lokalen Besonderheiten und Abtönungen, die überraschen müssen, wenn man mit der Schulbuchvorstellung an das Thema herantritt, hier hätten die Zeitordnungen des tiefen und des fortschrittlichen Frankreich zwangsläufig in Konflikt kommen müssen. In Corbins Heimatstadt waren es die Bauern, die für den Erhalt der modernen Beschallungsanlage stimmten, während die Honoratioren wie Corbins Vater für ihr Plädoyer zugunsten des alten Brauches ästhetische Gründe hatten.

Nach der Veröffentlichung des Buches erfuhr Corbin aus der Zuschrift eines Lesers, der ebenfalls Geschichtsprofessor war, etwas, das er nicht wusste, solange er in Lonlay-l’Abbaye gelebt hatte: Die von den Deutschen zerstörten Altstadthäuser waren mit staatlichen Subventionen wieder aufgebaut worden – und ihre Eigentümer galten den Bauern deshalb als Profiteure des Krieges.
Wie literarische und wissenschaftliche Ideen in die Befreiung und Kultivierung der sinnlichen Wahrnehmung eingehen, hat Corbin in den beiden Büchern gezeigt, die ihn auch in Deutschland berühmt machten, am Geruchssinn („Pesthauch und Blütenduft“) und am Seeblick („Meereslust. Das Abendland und die Entdeckung der Küste“, beide beim Wagenbach Verlag). Corbin ist der Historiker der Freizeit, der „loisirs“, die er während seines Militärdienstes in Algerien für seine Kameraden organisierte. Er ist bis ins hohe Alter ungeheuer fleißig geblieben, schrieb nach der Geschichte des Schattens, des Schweigens und der „Frische des Grases“ zuletzt auch noch die des Windes, kokettiert aber damit, dass frühere Epochen nicht von geistiger Arbeit gesprochen hätten. Im bürgerlichen Zeitalter hätten die Wächter der fortschrittlichen Kultur, Ärzte und Apotheker, Anwälte und Notare, wenigstens in der Provinz dazu einfach zu viel freie Zeit gehabt.
Die Disziplin der Schmerzensmänner
Mit einem Quellenproblem erklärte Corbin in seiner Polemik gegen den „Dolorismus“ seiner Kollegen, dass die Perioden des Glücks in den Kompendien der Sozialgeschichte leere Blätter sind: In amtlichen Akten schlagen sich vor allem Devianz, Elend und Komplotte nieder. Zeitvertreibsgeschichte, mit dem Doppelsinn von Thema und Absicht, ist notgedrungen ein Luxusprodukt. Leicht unterschätzt man aber, wie viel systematisch erhobenes Datenmaterial aus den kolossalen Qualifikationsschriften des französischen Universitätswesens Corbin in seinen raffinierten Essays verarbeitet.

„Das Netz war bewundernswert entworfen, aber es ließ die Mehrzahl der Fische entwischen.“ So spottete Corbin in dem werkbiographischen Interviewbuch, das Gilles Heuré im Jahr 2000 über den „Historien du Sensible“ herausbrachte, über die Regulierung der Prostitution im 19. Jahrhundert – und zugleich über die vom staatlichen Regulierungseifer inspirierte Sozialwissenschaft. Seine eleganten Bücher über die imposanten Themen der historischen Anthropologie sind indes der schönste Beleg für den Ertrag der Vernetzung von Sozial-, Politik und Kulturgeschichte im Großbetrieb der historischen Forschung.
„Ich bin nicht sicher, dass die methodische Geschichte ein großer Fortschritt gewesen ist.“ Eine solche hingeworfene Bemerkung sollte man als literarische Provokation nehmen, mit der Corbin die Haltung eines Dandys markiert. Sein Buch über die Geruchsrevolution gab Patrick Süskind die Idee zu dem Roman über den Mörder ein, dem man durch Schnüffeln nicht auf die Spur kommen kann, wie es selbst auf Corbins Lektüre des Romans „Gegen den Strich“ von Joris-Karl Huysmans zurückgeht, dessen Held Jean des Esseintes Parfüms sammelt und kreiert.
Der unbekannte Holzschuhmacher
Gegen den Strich bürstet Corbin die patriotische Tradition seines Faches, wenn er erklärt, dass für ihn die Tätigkeit des Historikers keine staatsbürgerliche Pflichterfüllung sei. Das ist wohl gegen die politische Kulturgeschichte von Pierre Nora gerichtet, dessen monumentales Sammelwerk „Les lieux de mémoire“ die Ideologiekritik des kollektiven Gedenkens in ein Unternehmen zum höheren Ruhm der aufgeklärten Nation verwandelte.
Corbins radikalstes Buch ist allerdings dem berühmtesten aller Gedächtnisorte nachgebildet. „Le monde retrouvé de Louis-François Pinagot. Sur la trace d’un inconnu (1798–1876)“ (deutsch beim Campus Verlag) ist die Biographie eines Menschen, der nichts Individuelles hinterlassen hat, eines Holzschuhmachers, der nicht lesen und schreiben (wahrscheinlich wohl aber zählen) konnte. Pinagot ist nach demselben Zufallsprinzip zu seinem literarischen Denkmal gekommen wie der unbekannte Soldat zu seiner Grabstätte unter dem Triumphbogen, nur dass Pinagots Name bekannt ist. Eine Petition für den Erhalt eines Waldweges unterzeichnete er mit einem Kreuz.

Die Glocken verbürgten die Konstanz der Rhythmen des Alltags, wenn sie nicht zu unvertrauter Stunde geschlagen wurden, um eine Katastrophe bekannt zu machen, ein Feuer oder eine Invasion oder beides. Ein immaterielles Kommunikationsmittel des Alarmismus untersuchte Corbin in seinem Buch „Das Dorf der Kannibalen“ (deutsch beim Klett-Cotta Verlag): das Gerücht. In der Dordogne wurde am 16. August 1870 ein junger adliger Grundbesitzer ergriffen, zwei Stunden lang gefoltert und am Ende totgeschlagen, weil man alle Adligen für geborene Verbündete der Preußen hielt.
Migration in die Heckenlandschaft
Corbins Vater erwarb das Vertrauen seiner Patienten in Lonlay-l’Abbaye auch dadurch, dass er jeden Sonntag in die Kirche ging und so das Klischee vom klerikerfeindlichen Doktor durchkreuzte. Er stammte von den Französischen Antillen und war 1920 mit neunzehn Jahren zum Studium ins Mutterland gekommen. In der Kolonie gehörte die väterliche Familie gemäß einer Klassifizierung des Sohnes „zum mittleren Bürgertum, das weder weiß noch schwarz war und quasi ein Monopol auf die freien Berufe besaß“.
Alain Corbin erlebte als Kind in der Kleinstadt keinen Rassismus, im Unterschied zu seinem Vater während des Studiums in Paris. Seine Mutter war eine Bauerntochter, „ein Kind des Bocage“, der Heckenlandschaft, die bewirkt, dass Besucher der Normandie erst einmal die Übersicht verlieren. Dass der Historiker auf jedem provinziellen Boden mit solchem Heckenwuchs rechnen muss, ist die nationalgeographische Prämisse des Werkes von Alain Corbin.
Wie „Les Filles de noce: Misère sexuelle et prostitution au XIXe siècle“ gleichzeitig mit Michel Foucaults „Geschichte der Sexualität“ entstand, so ist „Pesthauch und Blütenduft“ eine Gegengeschichte zur Theorie des Zivilisationsprozesses von Norbert Elias, die der Soziologe mit der französischen Hofgesellschaft illustriert hatte. Der Stolz der besseren Kreise auf die der Natur abgerungene Sauberkeit manifestierte sich auch darin, dass Menschen mit dunkler schattierter Hautfarbe ebenso wie den Bauern ein schlechter Geruch angedichtet wurde.
Ein Ergebnis des Glockenbuches, das den Verfasser überraschte, war, wie lange sich der Brauch des Ehrengeläuts für verdiente Mitbürger gehalten hat. Es wäre ein Versprechen des Leseglücks, würden am heutigen Montag, dem neunzigsten Geburtstag von Alain Corbin, nicht nur in Lonlay-l’Abbaye die Glocken läuten.
Source: faz.net