Aktivistin | Vom Jurastudium hinaus die Anklagebank: Carla Hinrichs schreibt oben die Letzte Generation

„Meine verletzte Generation“ erzählt vom rechtlichen und emotionalen Kampf der Klimabewegung. Dabei ordnet Hinrichs die Repressionen gegen sie als zunehmenden Autoritarismus ein, der längst über die Letzte Generation hinausreicht


„Wir sind nicht mehr die Letzte Generation vor der Klimakrise. Wenn es schlecht läuft, werden wir die Letzte Generation sein, die die Demokratie in Deutschland noch so erlebt hat, wie sie das Grundgesetz eigentlich garantiert.“

Foto: Marlene Charlotte Limburg Fotografie


Für einen Moment scheint ihre Vision greifbar: Die A 100, Abfahrt Spandauer Damm, ist wie leergefegt. Keine Autos hupen mehr, Bepflanzung und Cafés kann sie sich bildlich vorstellen, genauso wie eine Fahrradstrecke. Dann wird Carla Hinrichs von der Straße getragen und in eine Gefangenensammelstelle gefahren, wo sie stundenlang in einer Zelle sitzen wird, die Farbe der Wandfliesen erinnert sie an Kotze. Diese erste Erfahrung mit dem Straßenprotest der Letzten Generation ist noch harmlos gegenüber allem, was kommen wird.

Denn Hinrichs, geboren 1997, hat staatliche Repressionen erlebt, die sie in Meine verletzte Generation bildhaft beschreibt: Schmerzgriffe von Polizisten und Demütigung vor Gericht, bis hin zum traumatischen Morgen, an dem ein Einsatzkommando mit gezückter Waffe ihre WG stürmt. Seit dem Jahr 2022, als sie sich zum ersten Mal einer Blockade anschloss, ist viel passiert. Geschickt hangelt sich die Autorin an der Geschichte ihres Aktivismus entlang, ruft Erinnerungen an die sich überschlagenden politischen Ereignisse der postpandemischen Zeit hervor.

Zwischen geplatzten Regierungen, einem faschistoiden US-Präsidenten und Autokratisierungstendenzen war die Generierung von öffentlicher Aufmerksamkeit für die Letzte Generation ein wichtiges Ziel. „Wir sind nicht mehr die letzte Generation vor der Klimakrise. Wenn es schlecht läuft, werden wir die letzte Generation sein, die die Demokratie in Deutschland noch so erlebt hat, wie sie das Grundgesetz eigentlich garantiert.“

Ziviler Ungehorsam wird kriminalisiert

Es geht um mehr als den Kampf gegen die Klimakatastrophe, das wird schnell klar. Dabei fordert die Gruppe, die sich jetzt Neue Generation nennt, eigentlich nichts Radikales: Tempolimit, Fortführung des Neun-Euro-Tickets, Öl-Förderungsstopp in der Nordsee. Nein, wovon das Buch mehr erzählt, ist eine absurde Umkehr: Die Regierung(en) scheren sich nicht, so Hinrichs’ Vorwurf, um die Zukunft der jungen Generationen und brechen damit die Staatsverpflichtung, ihre Bürger zu schützen.

Gleichzeitig wird ziviler Ungehorsam kriminalisiert: Straßenblockaden und Farbwerfereien der Letzten Generation wurden nach Paragraf 129 des Strafgesetzbuchs als kriminell deklariert. Hinrichs ist als Rädelsführerin angeklagt. Das regt wichtige Fragen an: Ist es ein krimineller Akt, sich als Gruppe die Handflächen an den Asphalt zu kleben? Oder ist es schlimmer, wenn ein Autofahrer davon so aggressiv wird, dass er einem jungen Menschen in den Rücken tritt?

Das Buch ist aus aktivistischer Perspektive geschrieben, bewusst emotionalisierend, manchmal plakativ. Interessant ist die biografische Entwicklung Hinrichs’, mit der sich nicht eine ganze Generation, aber viele Junge identifizieren dürften. In den Nullerjahren wächst sie mit einem Grundvertrauen in den Rechtsstaat auf: Zu Regierung, Gerichten, Presse, Polizei pflegt sie keine pauschal skeptische Haltung. Sie kommt aus einer behüteten Familie, ihre Eltern helfen bei den Hausaufgaben und gehen ins Museum – aus derlei Privilegien macht sie kein Geheimnis.

Von Springer befeuerte Begriffe wie „Klima-RAF“ seien unangebracht, so Hinrichs

Der Glaube an die Demokratie bewegt sie zum Jurastudium, das sie später auf Eis legen wird. Heute wirkt das ironisch: „Wie bin ich, angetreten mit dem Ziel, Richterin zu werden, nun auf der anderen Seite des Richterpults, der Anklagebank, gelandet?“

Zunächst war sie nur als Pressesprecherin aktiv, jetzt kennt man ihr Gesicht aus Talkshows. Durch den Einblick in ihre Gefühlswelt wirken die Gesichter der miteingeladenen Politiker bei Anne Will fast etwas fratzenhaft. Der Aktivismus war schließlich kein besonders unartiger. Von Springer befeuerte Begriffe wie „Klima-RAF“ seien daher unangebracht, schreibt sie.

Hinrichs’ Blick auf die Dynamiken der sogenannten vierten Gewalt ist lesenswert. Aber sie beschreibt auch die Solidarität, die sie von der Familie oder einem Professor erfährt. So entsteht ein „Generationendialog“, zusammengehalten von der Überzeugung, die Welt nicht weiter zu zerstören. Die Autorin nutzt dieses Wort kaum, letztlich macht aber genau dieser Dialog das Buch stark.

Meine verletzte Generation Carla Hinrichs Klett-Cotta 2026, 272 S., 18 €

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der Freitag auf der Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse diskutiert die „Freitag“-Redaktion die großen Herausforderungen unserer Zeit mit ihren Gästen. Kommen Sie gerne vorbei.

Am Donnerstag, den 19. März, spricht Carla Hinrichs mit der Freitag-Redakteurin Alina Saha über ihr aktuelles Buch (Forum Sachbuch: Kontexte Halle 5 E604)

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