Aktivist in Rojava: „Demokratischen Wandel kann man nicht mit Waffen erzwingen“
Herr Omar, Sie sind in Deutschland aufgewachsen und leben seit 2020 als Internationalist in Rojava, im Nordosten Syriens. Erleben wir aktuell das Ende der autonomen Selbstverwaltung von Rojava, wie wir sie bisher kannten?
Karim Omar: Von einem Ende von Rojava würde ich nicht sprechen. Ein Ende der Selbstverwaltung, nein, ein Ende der Selbstverwaltung, wie wir sie bisher kannten, ja. Seit ihrem Beginn 2012 hat die Revolution von Rojava immer verschiedene Phasen erlebt. Was wir nun erleben, ist ein Prozess, der uns in eine neue Phase führen wird – eine, die sich die Selbstverwaltung allerdings nicht selbst ausgesucht hat.
Seit dem Machtantritt der islamistischen Übergangsregierung unter Ahmad al-Scharaa wird über die Integration der kurdischen Selbstverwaltung in den syrischen Staat verhandelt. Inwiefern versuchen die neuen Herrscher aus Damaskus in Rojava die Kontrolle zu übernehmen?
Anfang Februar ist hier in Qamishlo – die zweitgrößte Stadt Nordostsyriens – ein Konvoi von etwa 90 Regierungsbeamten eingetroffen. Sie wohnen in einem stark überwachten Gebäude, das sie nie verlassen. Das Stadtleben hier geht so weiter wie bisher.
Militärisch gibt es einen Waffenstillstand, der Kampf wird in der politischen Dimension weitergeführt. Ein wichtiger Punkt ist die Eingliederung der Streitkräfte Rojavas: Das Militärbündnis SDF, und die darin enthaltenen Einheiten YPG und YPJ – die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten. Die Kämpfer der SDF sollen vier Brigaden bilden. Ob diese dann unter der Führung ihrer bisherigen Kommandanten bleiben, ist aber noch unklar. Ein weiterer Diskussionspunkt ist, ob die YPJ als autonome Fraueneinheit im Rahmen der Armee fortexistieren darf. Die syrische Regierung sieht nicht vor, dass Frauen einen Dienst an der Waffe leisten. Für die Vertreter Rojavas ist der Fortbestand der Fraueneinheiten aber eine rote Linie. Es ist alles ein riesiges Tauziehen.
Die Selbstverwaltung von Rojava genießt weltweites Ansehen, nicht nur wegen des Sieges über den IS, sondern auch aufgrund der Fortschritte in Sachen Feminismus und ethnischer Pluralität: Politische Ämter werden nach dem Modell des demokratischen Konföderalismus von Mann und Frau gemeinsam besetzt, und der Gesellschaftsvertrag sieht vier Amtssprachen vor. Inwiefern stehen diese Errungenschaften unter Druck?
Naja, ein Grundgedanke des demokratischen Konföderalismus ist ja, ein System außerhalb des Nationalstaates aufzubauen. Zu diesen Institutionen, die auch mit einer Doppelspitze besetzt sind, gehören die Räte oder auch die Stadtverwaltung. Diese Institutionen laufen so weiter wie bisher – parallel zu den Institutionen des syrischen Staats, die implementiert wurden, etwa die Grenzbehörden oder in Damaskus ernannte Gouverneure. Daher sind im Alltag noch keine großen Veränderungen zu spüren. Auch die Nachbarschafts-Kommunen laufen so weiter wie bisher. Und die sind ja die Basiszellen der Gesellschaft, wie es immer so schön heißt.
Das müssen Sie erklären.
Man kann sich das vorstellen wie Nachbarschafts-Zentren: Ein Ort im Viertel, an dem die Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels ihre Probleme aushandeln. Außerdem werden dort Lebensmittel und Gas zum Kochen verteilt. Im schlechtesten Fall ist die Materialausgabe der einzige Zweck der Kommune. Der Hintergedanke ist aber ein gemeinschaftliches Zusammenleben, die Arbeit in der Kommune ist freiwillig und unentgeltlich. So entstehen Orte, an denen sich die Gesellschaft selbst organisiert. Die Idee ist, dass diese Institutionen die Bedürfnisse der Menschen besser und gerechter erfüllen als der Staat – und ihn so langfristig überflüssig machen. Seit den Geschehnissen der letzten Wochen sind wir plötzlich mitten in diesem Prozess.
Würden Sie etwa angesichts der aktuellen Ereignisse von einem Fortschritt sprechen?
Nein, auf keinen Fall. Wie gesagt, dieses Szenario wurde sich nicht ausgesucht. Und vieles wurde in den letzten Monaten verloren. Zuallererst natürlich die menschlichen Tragödien, die vielen Menschenleben, die vernichtet oder ruiniert wurden, die hunderttausenden Vertriebenen. Das kann man sich nicht schönreden. Auch dass die islamistischen Kämpfer Friedhöfe für Gefallene verwüstet haben, kommt mir direkt in den Kopf. Neben all dem gibt es natürlich auch wirtschaftliche Verluste, besonders was den Zugang zu Erdöl angeht.
Das Gebiet der Selbstverwaltung umfasste bis vor Kurzem auch mehrheitlich arabische Städte, wie Raqqa, Tabqa und Deir al-Zor. Teile der dortigen Bevölkerung beklagten anti-arabische Diskriminierung. Als die Armee der neuen Übergangsregierung vor den Toren dieser Städte stand, wechselten einige arabische SDF-Einheiten die Seiten und die Gebiete wurden sehr schnell eingenommen. Würden Sie sagen, das Ende von Rojava in seiner bisherigen Form liegt auch an innenpolitischen Fehlern gegenüber der arabischen Bevölkerung?
Ich würde es nicht einfach als anti-arabische Diskriminierung darstellen. Die mehrheitlich arabischen Gebiete, von denen Sie sprechen, sind ja erst ab 2015 durch die Befreiung vom IS unter die Souveränität der Selbstverwaltung gekommen. Damals hatte die Bevölkerung ein großes Interesse daran, dass die YPG diese Städte befreit. Doch für das demokratisch-konföderalistische Gesellschaftsmodell gab es in diesen vom Krieg komplett zerstörten Städten viel weniger Rückhalt.
Zudem ist wichtig zu verstehen, dass die arabische Bevölkerung Ostsyriens sehr stark nach einem Stammessystem organisiert ist. Als der Krieg vor einigen Monaten ausgebrochen ist, haben viele Stämme gesagt: Wir halten uns raus – wir werden nicht gegen die SDF, aber auch nicht gegen Angehörige unseres Stammes auf der Gegenseite kämpfen. Deswegen haben viele Stammesangehörige die Waffen niedergelegt. Das Narrativ, die arabische Bevölkerung sei gegen die SDF aufgestanden, ist daher ein bisschen verkürzt. Einige arabische Einheiten sind den SDF auch treu geblieben. Im Endeffekt geht es nicht darum, wer Araber und wer Kurde ist. Es geht darum, ob man an der Seite des menschlichen Miteinanders steht, oder an der Seite von Staat, Macht und Gewalt.
Die andere Seite steht für die Gewalt, sagen Sie – nun ist es ja so, dass Sie auch in der Armee, in den Syrian Democratic Forces aktiv waren. Wie kam es dazu?
Ich hatte nie militärische Ambitionen. In Deutschland bin ich damals ausgemustert worden. Nachdem ich 2020 in Rojava angekommen bin, hat sich irgendwann die Möglichkeit ergeben, einen Militärdienst zu leisten. Dass irgendwann Krieg kommen wird, war mir klar. In bestimmten Situationen muss man sich verteidigen, ob man will oder nicht. Ich denke an Massaker wie die an den Alawiten im vergangenen Jahr oder jene des IS. Daher habe ich mich 2024 den SDF angeschlossen.
Meine Zeit in der Armee war allerdings alles andere als spektakulär. Nach einer kurzen Ausbildung an der Waffe habe ich täglich anfallende Arbeiten in der Militärbasis verrichtet. Beim Aufräumen habe ich mir dann eine Sehne gezerrt. Als Assad im Dezember 2024 gestürzt wurde, war ich schon längst wieder raus aus der Armee.
Während Sie aus gesundheitlichen Gründen vom militärischen in den zivilen Bereich gewechselt sind, hat die kurdische Bewegung aus politischen Gründen ähnliche Prozesse der Demilitarisierung durchgemacht: Von der Niederlegung der Waffen durch die PKK über die Friedensgespräche in der Türkei bis hin zu diplomatischen Gesprächen auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Kann die kurdische Frage beantwortet werden, indem zivilgesellschaftliche Stimmen sprechen und die Waffen schweigen?
Das ist natürlich zu hoffen. Leider liegt das nicht nur in den Händen der kurdischen Bewegung. Doch der Prozess ist natürlich angestoßen. Man hat jetzt jahrzehntelang versucht, den Feind mit Waffengewalt zu brechen, und der Feind hat das umgekehrt ebenso versucht. Keine Seite hat ihr Ziel so wirklich erreicht. Den demokratischen Wandel wird man nicht mit Waffengewalt erzwingen können. Der bewaffnete Kampf ist daher nicht mehr die Strategie der kurdischen Bewegung – doch er wird notwendig bleiben. Die Waffen niederzulegen, darunter verstehe ich, sie nicht als erstes Mittel der Wahl zu sehen.
Wenn Rojava ein riesiges Gewaltmonopol innehätte, und sich Gebiete unter den Nagel reißen könnte, würde sich zwar niemand mehr trauen, Rojava anzugreifen. Aber das wäre kein Leben in Freiheit! Wir Menschen in Rojava wollen mehr als das. Wir möchten mit den Völkern hier in Einklang leben. Rojava steht ja auch für die Frauenrevolution. Nicht alle Araber in Raqqa sympathisieren mit den SDF, ja, aber was ist denn mit all den Frauen in diesen Gebieten? Das ist die Hälfte der Gesellschaft, die aktuell der islamistischen Übergangsregierung ausgeliefert ist. Ein Leben in Freiheit ist nur durch ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft möglich; durch ein System, das allen gesellschaftlichen Gruppen ihre Rechte zugesteht.
Wieso sind Sie aus Deutschland nach Rojava gegangen?
Es war ein Bauchgefühl, keine politische Motivation. Ich war kein linker Aktivist in Deutschland. Aber mir war schon immer klar: Dieses Leben als unbescholtener Bürger, der sich jeden Tag wie in einer Legebatterie zur Arbeit schleppt und fleißig in die Rentenkasse einzahlt, nur um irgendwann die Augen zuzumachen – das kann es doch nicht sein. Ich wollte ein Leben in Gemeinschaft, nach einem ganz anderen System. Das hat Rojava für mich symbolisiert. Also dachte ich, ich versuche es einfach mal. Zudem stammen meine Vorfahren aus Kurdistan, daher lag das nicht ganz so fern.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie sich Ihr Alltag in Rojava von dem in Deutschland unterscheidet?
Das Leben hier wird einfach anders angepackt. Das ist jetzt vielleicht nicht so konkret, wie Sie es gerne hätten. Aber das Erste, was mir einfällt, ist: Ich stehe morgens gerne auf, denn ich weiß, dass ich etwas Gutes tue. Klar gibt es auch manchmal Stress in meinem Leben hier. Aber es gibt keinen Existenzstress.
Ich finde, das ist sehr konkret. Was tun Sie, seitdem Sie nicht mehr im Militär sind?
Ich arbeite ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe, und beteilige mich an der Hilfsgüterverteilung oder höre den Menschen einfach zu. Seit den Angriffen der letzten Monate sind sehr viele Flüchtlinge in Qamishli. Manche wurden in den letzten Jahren vier oder fünf Mal hintereinander vertrieben, und mussten immer wieder alles zurücklassen. Das sind Traumata, die noch über Generationen fortwirken werden.