Aktie im Tief: Nestlé und die Krise im Regal

Der Nestlé -Konzern versucht seit vielen Jahren, das Wachstum anzukurbeln. Die Inflation der vergangenen Jahre hatte in dieser Hinsicht für ein wenig Erleichterung gesorgt. Höhere Preise schoben die Umsätze an. Schließlich waren Verbraucher eher bereit, höhere Preise für bekannte und beliebte Marken des Schweizer Nahrungsmittelriesen zu bezahlen.
Diese Zahlungsbereitschaft nimmt jedoch immer mehr ab, während sich die Konkurrenzsituation verschärft. Gleichzeitig wird das Verbraucherumfeld durch geopolitische Krisen und die schwierige Konjunktur weiter belastet. Alles in allem also keine einfache Aufgabe für den neuen Vorstandschef Philipp Navratil.
Rückrufaktion sorgt für Fehlstart
Dieser durfte das Jahr 2026 zudem mit einem Entschuldigungsvideo einläuten. Hintergrund ist eine groß angelegte Rückrufaktion von Babynahrung. Verantwortlich sei ein Qualitätsproblem bei einer Zutat eines führenden Lieferanten. Dieses hatte nicht weniger als die größte Rückrufaktion der Firmengeschichte zur Folge.
Betroffen sind in Deutschland verschiedene Beba- und Alfamino-Produkte. Laut Unternehmensangaben sind bislang keine Erkrankungen oder Symptome im Zusammenhang mit dem Verzehr der betroffenen Produkte bestätigt worden. Der Imageschaden dürfte jedoch enorm sein. Und dies in einer Zeit, in der die Stimmung rund um Nestlé ohnehin nicht die beste ist.
Schrumpfkur und Sparkurs
Navratil nutzt den Neuanfang zu einem Rundumschlag. Nestlé soll schlanker aufgestellt werden. Im Zuge des Kosteneinsparungsprogramms „Fuel for Growth“ sollen in den kommenden zwei Jahren 16.000 Stellen abgebaut werden. Betroffen sind etwa 12.000 Büroangestellte, mit jährlichen Einsparungen von geschätzt einer Milliarde Franken bis Ende 2027.
Die einmaligen Restrukturierungskosten dafür werden wiederum voraussichtlich mit dem Zweifachen der jährlichen Einsparungen veranschlagt. Weitere etwa 4000 Stellen sollen als Teil der laufenden Produktivitätsinitiativen in der Produktion und der Lieferkette wegfallen. Insgesamt sollen bis Ende 2027 rund 3,0 Milliarden Schweizer Franken eingespart werden.
Wachstum durch Innovation?
Neben den geplanten Einsparungen hat man bei Nestlé aber auch eine stärkere Priorisierung von Wachstumschancen angedacht. In den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025 lag das organische Umsatzwachstum bei 3,3 Prozent. Zumindest konnte dieser Wert gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum um 1,3 Prozentpunkte verbessert werden.
Am Ziel ist man damit aber noch lange nicht. Für deutlich mehr Wachstum sollen vor allem Innovationen, mehr Effizienz und Veräußerungen sorgen. An der Börse scheint sich bisher jedoch die Erkenntnis zu halten, dass es Nestlé nicht leicht haben wird, zu alter Stärke zurückzufinden – zumal sich der Gesamtmarkt im Bereich Konsumgüter weiterhin schwierig zeigt.
Analysten bleiben skeptisch
Deutsche-Bank-Analyst Tom Sykes hat das Kursziel für die Aktie von 88,00 auf 82,00 Schweizer Franken gesenkt, die „Hold“-Einstufung jedoch beibehalten. Die Aussichten für Europas Konsumgüter- und Nahrungsmittelkonzerne bleiben laut Sykes „durchwachsen“. Die meisten negativen Aspekte schienen jedoch eingepreist zu sein. Die größten Chancen sieht er bei Werten, bei denen aus seiner Sicht zu große Enttäuschungsrisiken im Vergleich zum Marktkonsens eingepreist sind, sowie bei jenen in einem umfassenden Turnaround.
UBS geht davon aus, dass das Jahr 2026 für die europäischen Konsumgüterkonzerne aufgrund der anhaltenden Konsumschwäche in Amerika (insbesondere in den Vereinigten Staaten und Brasilien), des sich rasch normalisierenden Preisanstiegs und des verschärften Wettbewerbs bei gleichzeitig sinkender Markentreue der Verbraucher wahrscheinlich kein Zuckerschlecken sein werde. Abwärtsrisiken für die Konsensprognosen sieht die Bank bei Beiersdorf, Unilever, Henkel und auch Nestlé. Celine Pannuti, Analystin bei JP Morgan, sieht darüber hinaus im Rückruf von Babynahrungsprodukten von Nestlé zusätzliche Risiken für die diesjährige Umsatzentwicklung; Barclays-Analyst Warren Ackerman geht ebenfalls davon aus, dass dies dem Umsatz schade und der Konkurrenz nutze.
Die Rückrufaktion kommt zur Unzeit. Gerade erst hatte sich die Lage bei Nestlé beruhigt, und die neue Führung hätte in Ruhe arbeiten können. Nun kommt es anders. Für den Kurs der Aktie wiederum ist die aktuelle Nachrichtenlage nichts Besonderes. Die Nestlé-Aktie blickt auf eine insgesamt verhaltene Dekadenbilanz zurück. Mit 2,2 Prozent jährlicher Kurssteigerung wäre eine Anlage von 10.000 Euro auf knapp 13.000 Euro gewachsen. Seit Ende November 2025 befindet sich die Aktie wiederum in einem klaren Abwärtstrend. Der Kurs liegt unter allen relevanten gleitenden Durchschnitten, was auf eine Schwächephase in allen Zeithorizonten hindeutet.
Source: faz.net