AfD: Zeigt Kärnten unter welcher FPÖ, worauf sich Ostdeutschland vorbereiten muss?
Die rechtspopulistische FPÖ hat unter Jörg Haider jahrelang das österreichische Bundesland Kärnten dominiert – mit Folgen für Oppositionelle, Künstler, Minderheiten. Vom Beispiel Kärnten lässt sich allerhand für Ostdeutschland lernen
EIn Glück, dass der AfD wenigstens ein Jörg Haider noch fehlt
Foto: Keystone Risch/dpa/picture-alliance
Die gute Nachricht zuerst: „Ostdeutschland ist und wird kein Katalonien 2.0“, so Steffen Mau, Soziologieprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bei allem Zorn auf die Westdeutschen, die Ossis sind keine Separatisten! Die DDR bleibt Geschichte, wenngleich die deutsch-deutsche Trennlinie fortbesteht. Eine Phantomgrenze, wie sie nach der jüngsten Bundestagswahl im Fernsehen eingeblendet wurde: für jedermann sichtbar in der Grafik mit den AfD-Hochburgen.
Umfragen deuten jetzt darauf hin, dass die Höcke-Partei in diesem Jahr in Magdeburg und Schwerin die Regierung übernehmen könnte. Auch weil Grüne und FDP womöglich an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, womit ein Stimmenanteil um die 40 Prozent ausreicht für die Mehrheit der Mandate im Landtag. Aber wie gesagt: Ostdeutschland ist ganz sicher nicht Katalonien.
Lässt sich der Osten Deutschlands aber vielleicht mit dem Süden Österreichs vergleichen, „wo man mit Blut die Grenze schrieb“, wie es im Kärntner Heimatlied heißt: Ostdeutschland als Kärnten 2.0? Auch viele Kärntner fühlen sich minderwertig und zurückgestellt, nur eben gegenüber Wien. Und auch Kärnten – oder wie die letzten dort lebenden Slowenen sagen: „Koroška“ – ist, ähnlich wie Steffen Mau Ostdeutschland definiert, ein „eigenständiger Kultur- und Deutungsraum“. Mehr noch als die Ostdeutschen haben die Kärntner eine eigene Identität. Und der einzige Antifaschist dort ist eine Linkskurve in Lambichl.
Worin Haider ganz groß war: im Kampf um die kulturelle Hegemonie
Kärnten war das erste FPÖ-regierte Bundesland. Daher für alle, denen hierzulande die Fantasie fehlt: Die Blaupause für die AfD im Osten sind die Freiheitlichen in Kärnten, vor allem ihr primärer Kampf um die kulturelle Hegemonie. Jörg Haider (der eigentlich aus Niederösterreich stammt, aber Björn Höcke ist ja auch ein Wessi) lobte die „ordentliche Beschäftigungspolitik“ der Nazis und versuchte vom ersten Tag an, die widerspenstige Freie Szene auszuhungern, während er die (Nieder-)Trachtenkultur hoch subventionierte.
Als Oppositionspolitiker hatte er mit nur einer Kampagne an den Stammtischen die Lufthoheit übernommen: Im Frühjahr 1998 hatte der Kärntner Landtag den Maler und Bildhauer Cornelius Kolig beauftragt, im Landhaus Klagenfurt den „Kolig-Saal“ neu zu gestalten; nach 1938 hatten die Nazis dort die Fresken seines Großvaters abgeschlagen. Daraufhin hatte Jörg Haider eine Unterschriftenaktion gestartet, gegen den „Fäkalkünstler“ – eine bis dahin beispiellose Hetze gegen einen einzelnen Menschen. Mit Verweis auf Werke Koligs, die menschliche Ausscheidungen zeigten, hatte die FPÖ dem Künstler vorgeworfen, „religiöse und menschliche Gefühle zu verletzen“ – und damit die Landtagswahl gewonnen.
Später als Landeshauptmann war Haider dauernd unterwegs. Egal in welcher Ecke, in welchem Tal er zu Besuch weilte: Jörg Haider brachte immer zwei Schecks mit, einen für die Feuerwehr und einen für den Chor. Allerdings sollte es ihm nie wirklich gelingen, den Kulturbetrieb in Kärnten gleichzuschalten, auch dank der Kunstförderung aus Wien. Und wie schon der Klagenfurter Dichter Gert Jonke schrieb: „In der Wüste werden die buntesten Teppiche geknüpft.“
Als dann 2006 eine Fachjury Cornelius Kolig den fünfstellig dotierten Kärntner Landeskulturpreis zusprach und die Verleihung anstand, betrat der zuvor Geächtete die Bühne mit einem Greifzangenapparat. Eine Art Handschüttelmaschine – um dem Landeshauptmann Jörg Haider nicht die Hand reichen zu müssen. Was für ein Spaß! Cornelius Kolig, der 2022 verstarb, wäre ein Vorbild für jeden ostdeutschen Künstler.