„AfD oder Wölfe, was auch immer andere wird schwierig“

Wie kein anderer Autor seiner Generation bietet Lukas Rietzschel literarische Qualität in einer jungen ostdeutschen Perspektive. Auch sein neuer Roman spielt an der polnischen Grenze. Wer Görlitz sagt, muss jetzt auch „Sanditz“ sagen.

Mit dem neuen Roman von Lukas Rietzschel ist wie mit einem Puzzle: Es braucht Geduld, bis nach und nach das größere Bild zum Vorschein kommt. Bis dahin hält man nur einzelne Teile in der Hand. Man dreht und wendet die Details im Kopf, legt manches sogar gedanklich schon zur Seite, nur um es viele Seiten später plötzlich wieder aufzugreifen. Den Rahmen des Erzählten bildet die titelgebende Kleinstadt Sanditz. Keine große Stadt (es gibt nur eine Kneipe), aber auch keine ganz kleine Stadt (immerhin gibt es auch eine Hochschule), gelegen im östlichen Sachsen nahe der Grenze zu Polen.

Sanditz lässt an Görlitz denken. Und das nicht nur, weil der 1994 geborene Autor selbst in der Stadt in der Oberlausitz lebt. Auch gibt es im Roman einen Bismarckturm, hoch oben auf einem Landesthron genannten Hügel mit Blick über Sanditz. In echt heißt der Görlitzer Hausberg Landeskrone, mit Bismarcksäule auf der Spitze. Und Rietzschel lässt seinen Roman mit einer eigentümlichen Begebenheit beginnen: Bismarck wird zu Fall gebracht. Wie genau, weiß niemand in Sanditz. Auch dem Leser ist unklar, wo dieses Puzzlestück hingehört. Selbst am Schluss, über 450 Seiten später, rätselt man noch.

In „Sanditz“ gibt es zwei Erzählstränge, von denen einer in den späten 1970er Jahren der DDR beginnt und der andere im Lockdown-Winter unseres Corona-Missvergnügens 2021. Einerseits folgt man den drei Freunden Roland, Achim und Marion auf Junge-Gemeinde-Wanderausflüge in die Sächsische Schweiz, zu konspirativen Diavorträgen im Gebetskreis und geheimnisvollen Dichterlesungen unter Polizeibeobachtung. In Pfarrwohnungen tippt man Samisdat-Literatur ab, darunter Wolf Biermann und Franz Kafka, während in Gottesdiensten über die Wehrdienstverweigerung informiert wird.

Rietzschel über den Osten

Rietzschel schildert das staatsferne bis staatsfeindliche protestantische Milieu der DDR, so ähnlich wie kürzlich bereits Karsten Krampitz in seinem Roman „Gesellschaft mit begrenzter Hoffnung“ über eine Thüringer „Krüppelkommune“ unter dem Dach der Kirche. Wendehelden? So fühlen sie sich jedenfalls, als in der Umbruchszeit die örtliche Stasidienststelle gestürmt wird. Doch es gibt auch Schattenseiten: Die schwule Liebe zwischen Roland und Achim verkümmert unterm Geheimhaltungszwang und der Vater von Marions Zwillingen, ein hoher Kirchenmann, muss ebenfalls im Dunkeln bleiben.

In dem aktuelleren Erzählstrang begegnet man andererseits den Zwillingsgeschwistern Tom und Maria, den Kindern von Marion. Tom hat seinen Job bei der Polizei gekündigt, aus Protest gegen die Corona-Maßnahmen. Ungeimpft und im Lockdown verwahrlost, ist auch seine Beziehung in die Brüche gegangen. Maria hat als „die ausm Osten“ – wie Rietzschel selbst – in Kassel studiert. Nun ist sie Lokaljournalistin, die sich von ihrem Chefredakteur anhören muss: „AfD oder Wölfe, alles andere wird schwierig.“ Weil sie keine Parolen aus dem Poesiealbum mag, wählt sie inzwischen konservativ statt links.

Wer die früheren Romane „Mit der Faust in die Welt schlagen“ und „Raumfahrer“ kennt, wird den nüchternen Ton von Rietzschels Prosa wiedererkennen. Selbst wenn Tom am Ende in der Ukraine landet, in den Schützengräben des Drohnenkriegs, lässt sich der Erzähler nicht über die psychologischen Motive seines Protagonisten aus. Wer zudem Rietzschels Theaterstücke wie „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ oder „Der Girschkarten“ kennt, wird auch den dramatischen Bogen von „Sanditz“ bemerken.

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Ist „Sanditz“ das lang erwartete Epos der Nachwendezeit? Ein Buch wie Christoph Heins „Das Narrenschiff“, das Epochen erklären will? Das Schöne ist, dass sich Rietzschels Buch nicht auf eine steile soziologische These in Essaylänge herunterbrechen lässt, was ihn wohltuend abhebt von anderer ostdeutschen Genreliteratur, wie Anne Rabe zum Beispiel. Am Ende dieses erstaunlich reifen, ausgeklügelten Romans denkt man, dass die Puzzleteile wohl auch ein ganz anderes Bild ergeben könnten als das, was man im Kopf hat. Und dieses raffinierte Spiel des Möglichen im Wirklichen nennt man Literatur.

Lukas Rietzschel: Sanditz. DTV, 480 Seiten, 26 Euro.

Source: welt.de