Advent | Jahresendfiguren: Die heimlichen Stars jener Festtagssaison

A

wie Aschenbrödel

Junge, agile Frau muss nach Tod des Gutshofbesitzer-Papas die urweiblichste aller misogynen Tätigkeiten übernehmen: das Hinterherputzen. Trotz massiver Diskriminierung durch Stiefmutter und Stiefschwester reitet und jagt sie heimlich weiter, unterstützt andere Entrechtete und wickelt einen Prinzen mit Playmobil-Frisur um den Finger. Aber erst als er sie als gleichberechtigt anerkennt, galoppiert sie auf ihrem eigenen weißen Pferd zum Schloss. Verliebt folgt er ihr. Václav Vorlíček legte seine topmoderne Filmadaption eines Grimm’schen Märchens (→ Holle), dessen Motive sich schon in der Antike fanden, vor 52 Jahren vor, seitdem gehört die Schneelandschaft-mit-Schloss fest zum Weihnachts-TV. Der Film setzt auf Emanzipation und pfeift auf die psychologische Deutung als „egozentrische Kindsperspektive“ oder eine ödipale Lesung. Gegen das tschechische Aschenbrödel ist Disneys Cinderella null selbstermächtigt – der musste eine Fee stecken, wie das mit dem Kürbis und den weißen Mäusen geht. Jenni Zylka

B

wie Bethmännchen

Außen ein wenig fest, innen schön weich und saftig. Die unten abgeflachten Kugeln, mit drei halben Mandeln verziert, passen – ohne Abbeißen – in jeden Kindermund. Die Bethmännchen sind eine Frankfurter Spezialität aus Marzipan, Mandeln, Eiweiß, Puderzucker und einem Hauch Rosenwasser. Man bekommt sie in feinen Konditoreien das ganze Jahr über, doch in der Adventszeit entkommt man ihnen nicht. Schuld daran ist eine Bankiersfamilie: Simon Moritz von Bethmanns Küchenchef, der Pariser Konditor Jean Jacques Gautenier, soll sie 1838 erfunden haben. Ausnahmsweise kann man hier nicht mit den kulinarischen Vorlieben des berühmtesten Sohnes der Stadt werben – Goethe war da längst tot. Die wahren Frankfurter Klassiker stammen ohnehin fast immer aus der Bankiersküche – und Hauptsache, sie schmecken profitabel. Philipp Haibach

E

wie Erdmöbel

Ja, es gibt auch die Band Jahresendfiguren, sie kommt aus Reutlingen, ist ausschließlich zur Vorweihnachtszeit aktiv und spielt live auf regionalen Weihnachtsmärkten, in Clubs oder auch bei Weihnachtspartys. Klassiker wie Leise rieselt der Schnee verwandeln die Jahresendfiguren in groovende Reggae- oder Latin-Hymnen und treten dabei als Nikolaus, Engel, Lebkuchenmann, Knecht (→ Ruprecht) und Tannenbaum auf. Auch Erdmöbel aus Köln sind nach einem angeblichen DDR-Wort benannt, nämlich dem für „Sarg“. Seit 1995 faszinieren sie mit ihrem ganz eigenen Sound: tiefgründig und wie auf Sand gebaut, schwer und leicht, komplex und einfach. Und diese Band macht seit vielen Jahren ihre traditionellen, bittersüßen „Jahresendlieder“, in denen das Fest seziert wird – inklusive Staus, Weihnachtsstress und emotionaler Schieflagen unterm Tannenbaum. Man kann Weihnachten zwar nicht entkommen, aber man kann es zumindest musikalisch gründlich auf den Kopf stellen. Marc Peschke

F

wie Flügelwesen

Ich stamme aus dem Erzgebirge, und um diese Zeit im Jahr ist meine Mutter früher dekorationstechnisch schon völlig eskaliert: Ihr reichhaltiges Sortiment an weihnachtlicher Saisonware wie Hirten, Schwibbögen, Krippen, Räuchermänner und hölzerne Engel war überall in der Wohnung verteilt. Das Kunsthandwerk hat in meiner Heimat eine lange Tradition (→ Nussknacker). Als die Eisenerzvorkommen versiegten, mussten die Erzgebirgler auf andere Berufe ausweichen: Das Schnitzen wurde beliebt. Der Weihnachtsengel hat seinen Ursprung also im Bergbau. Zudem hatten Bergleute, die unter Tage arbeiteten, ein emotionales Verhältnis zum Licht. Geschnitzte Leuchterfiguren – meist ein Bergmann und sein Schutzengel – wurden populär. Diese, mittlerweile gedrechselt und handbemalt, sichern heute in der Gegend viele Existenzen. Elke Allenstein

G

wie Grinch

Der Grinch, erfunden 1957 von Dr. Seuss, ist die größte Weihnachtsspaßbremse des Planeten. Hier wurde er 2000 durch Jim Carreys große Darstellung in Ron Howards Hollywood-Adaption bekannt. Weil dem Grinch die Kinder in Whoville zur Adventszeit zu fröhlich sind, verdirbt der grüne Miesepeter allen die Party und klaut nicht nur die Geschenke, sondern alles, was nur irgendwie mit Weihnachten zu tun haben könnte. Denn der Grinch ist einsam und hasst Weihnachten umso mehr. Bevor bei uns eigene Kinder da waren, konnte ich damit gut relaten: Die Feiertage, ein völlerischer Konsumrausch, bei dem alle vorgaukeln, sich gernzuhaben, und heile Welt spielen – oder sich richtig in die Haare kriegen. Auch deshalb ist die Scheidungsrate zur Weihnachtszeit am höchsten. In Deutschland verbringen sieben Prozent Weihnachten ohne Familie und Freunde. Das sind 2,4 Millionen. Bei den über 65-Jährigen sind es sogar elf Prozent. Weihnachten ist nicht bei allen schön. Daran erinnert der Grinch. Ji-Hun Kim

H

wie Holle

Frau Holle ist kein Hirngespinst der Brüder Grimm. Der Legende nach tobt sie durch die Raunächte zwischen den Jahren. Zwölf Nächte lang – von Weihnachtenbis zu den Drei Heiligen Königen – ist sie mit einem fliegenden Heer unterwegs und straft die Ausruhenden: Haben die Mägde ihre Spinnrocken abgesponnen, wird sie böse und verdirbt das ganze, erst frisch angebrochene Jahr. Der 6. Januar heißt daher „Hullenacht“. Hilft man der Holle bei einer Begegnung, etwa indem man ihren Pflug oder Wagen repariert, winkt Edelmetall zum Lohn: Dann verwandeln sich die angefallenen Späne zu Gold. Hat man Glück, erhält man von ihr das Geschenk einer nie versiegenden Bierkanne. Dennoch wurde sie zum Inbegriff schwarzer Pädagogik: „Wenn du nicht hörst, dann holt dich Frau Holle!“ Denn meistens verkloppt sie (→ Ruprecht) die Leute. Tobias Prüwer

K

wie Krippe

Das Original hatte es mal wieder am dollsten drauf: Franz von Assisi feierte 1223 Weihnachten erstmals an einer Krippe – und zwar mit lebenden Tieren (→ Zunder). Das hat ihm so schnell keiner nachgemacht, erst die Jesuiten sorgten ab dem 16. Jahrhundert dafür, dass sich der Brauch, an Weihnachten eine Krippeaufzustellen, verbreitete. 19 Punkte hat die Wikipedia-Liste zu „Krippenfiguren“, sodass in Bethlehem ein Gedränge geherrscht haben muss wie am Glühweinstand kurz vor Heiligabend. Die Hauptfiguren kennt man: Maria, Joseph und das Baby, dazu ein paar Hirten, die drei Weisen oder Könige und Ochs und Esel. In Ländern, in denen schicke Nordmanntannen nicht so gut wachsen, ist die Krippe oft sogar wichtiger als das Grünzeug. Kein Wunder, dass man dort noch kreativer wurde. Den Boden schlägt der Krippe allerdings ein katalanischer Brauch aus: Die Krippe wird dort nämlich von „Caganer“ und „Pixaner“ heimgesucht, die, der Klang ihrer Namen lässt es erahnen, nun ja, kacken und pissen. Die Reise war wohl lang. Leander F. Badura

N

wie Nussknacker

Eine entsprechende Zange knackt die Nuss einfacher, als wenn man sie dieser Holzfigur in den „Mund“ steckt. Aber die bunten Nussknacker gehören nun mal zur Weihnachtsdekoration. Dass sie so grimmig dreinschauen, hat seinen Sinn, sollten sie das Haus doch vor bösen Geistern und Gefahren schützen. Schon im 17., 18. Jahrhundert wurden solche „Förster“, „Husaren“ oder „Könige“ in Bayern und Thüringen gefertigt. Populär bis heute ist die Erzgebirgische Volkskunst aus Seiffen (→ Flügelwesen). Wobei E. T. A. Hoffmann 1816 durch einen Nürnberger Nussknacker zu seiner berühmten Erzählung inspiriert wurde, ohne die Pjotr Tschaikowskis berühmtes Ballett 1892 nicht entstanden wäre. Das ging dann um die Welt, und überdimensionale Nussknackerfiguren zieren bald wieder deutsche Weihnachtsmärkte. Irmtraud Gutschke

R

wie Ruprecht

Mögen sich die Wahrer christlichen Brauchtums auch grämen: Schon lange hat der stets freundliche Weihnachtsmann den strengen St. Nikolaus in der Publikumsgunst weit hinter sich gelassen. Was vielleicht auch an dessen finsterem (→ Grinch) Begleiter liegt. Schließlich hält Knecht Ruprecht in seinem Sack nicht nur Geschenke für brave Mädchen und Jungen bereit, sondern hat auch Ruten für die unartigen Kinder im Gepäck. Und solch schwarze Pädagogik ist nicht erst seit gestern verpönt. Selbst Theodor Storms berühmtes Gedicht vom Knecht Ruprecht („Von drauß’ vom Walde komm ich her …“) wird gerne um jene Strophe gekürzt, in der „schlechten“ Kindern Schläge („auf den Teil, den rechten“) angedroht werden. Nicht viel besser als dem seit dem Spätmittelalter aktiven Kinderschreck geht es seinen Vettern. Der niederländische Zwarte Piet steht seit langem unter Rassismusverdacht, während der vor allem in Süddeutschland und Österreich beheimatete, gehörnte Krampus angeblich junge Männer zu exzessivem Alkoholkonsum verleitet. Joachim Feldmann

Z

wie Zunder

In Gävle, gut zwei Stunden nördlich von Stockholm, wird seit 1966 am 1. Advent auf einem zentralen Platz der Julbock errichtet. In klein gibt es diese Strohziegen in ganz Schweden, oft baumeln sie an Weihnachtsbäumen. Der Gävlebock ist ein anderes Kaliber: 13 Meter hoch, sieben Meter lang und drei Tonnen schwer. In der Nacht zu Neujahr wurde er damals (illegal) abgebrannt, daraus hat sich ein seltsamer Sport entwickelt, und wer Geld darauf setzen will, ob der Gävlebock die Weihnachtszeit heil übersteht, kann sogar bei britischen Buchmachern für oder gegen ihn wetten. Seither wurde er – mehr oder weniger erfolgreich – eingezäunt, mit Brandschutzmitteln übergossen und schließlich mit Kameras überwacht. Auch 2024 ging er seltsam mit der Zeit: Erstmals kursierte im Internet ein Fake-Video des angeblich brennenden Bocks. Christine Käppeler