Adolf Winkelmann: Der Glöckner vom Dortmunder U
Vor sechzehn Jahren hat sich der Filmemacher Adolf Winkelmann für ein neues Medium entschieden, um seine Bilder abzuspielen: Er hat die Kinoleinwand und den Fernsehbildschirm gegen ein Haus getauscht. Seitdem kann jeder, der mit dem Zug durch Dortmund fährt, einen Blick auf die Installation werfen, die von sechs Uhr bis Mitternacht in der Krone des Gebäudes läuft, das alle hier nur das „U“ nennen: auf bunte Fische oder fliegende Schweine, auf Kickerfiguren oder Chanukkia-Kerzen. Und wer hier wohnt, kann längst seine Uhr nach den Tauben stellen, die zu jeder vollen Stunde erscheinen, verlässlich wie das Läuten einer Kirchturmuhr.
Winkelmanns „Fliegende Bilder“ sind heute eines der populärsten Wahrzeichen Dortmunds, eine moderne Version des Münchner Glockenspiels auf dem Dach jenes Hauses, das einmal eine Kathedrale des Biers war. Oder besser: ein riesiger Kühlschrank. Zwar war das ehemalige Lagerhaus der Dortmunder Union-Brauerei schon vorher sehr bekannt, spätestens seit auf dem Dach 1968 zu Werbezwecken das fast elf Meter hohe „U“ angebracht wurde. Aber seit die Brauerei 1994 ihren Betrieb verlegte, stand das Gebäude ziemlich nutzlos in der Gegend herum und wurde Stück für Stück abgerissen, bis nur noch der denkmalgeschützte Turm übrig war. Als 2007 die Idee entstand, das Haus zu einem Kulturzentrum zu machen, bekam Winkelmann einen Anruf des damaligen Kulturstaatssekretärs: ob ihm nicht etwas dazu einfalle.
Filme für „die Mädels vom Land“
Nach ein paar Tagen Überlegung wusste er zwar auch noch nicht genau, was er als Filmemacher mit so einem Turm anfangen sollte, aber er träumte davon, dass man mit dem Ding Bilder zeigen konnte, die man im Fernsehen oder Kino nicht zeigen kann: Eine Art Graffiti, das sich bewegt, schwebte ihm vor, ein „Mosaik aus Licht und Bewegung“, wie es in seinem Buch „Winkelmanns Reise ins U“ heißt, in dem er seine abenteuerlichen Erfahrungen mit dem Projekt beschreibt. „Du bist hier in Dortmund, das ist Provinz, das ist nicht einmal Essen“, warnte ihn damals seine Produzentin vor allzu großen Ambitionen, „das ist ein Shoppingparadies für Landfrauen aus dem Sauerland und Ostwestfalen“. Doch Winkelmann hatte damit überhaupt keine Probleme: „Dann mach ich meine Filme eben für die Mädels vom Land“, dachte er sich.
Für einen Filmemacher, der zu Beginn seiner Karriere als Gesicht einer Bewegung galt, die sich programmatisch „Das Andere Kino“ nannte, mag das mindestens wie ein Widerspruch klingen, im schlimmsten Fall wie ein Verrat an politischen Idealen und künstlerischer Radikalität. Um zu verstehen, wie er sich und seinem Verständnis von Film bis heute doch sehr treu geblieben ist, muss man also ein bisschen weiter ausholen. Was Winkelmann, wenn man ihn in seinem Turm besucht, auch gerne tut. Wie kam das also, mit dem U, warum machen Sie keine „normalen“ Filme mehr? „Das ist eine lange Geschichte“, beginnt Winkelmann. Und erzählt erst einmal, wie er als Kind eine Kamera geschenkt bekam.
Das erste Selfie-Video aus der Kasseler Fußgängerzone
Sein Weg, um es ein wenig abzukürzen, begann Ende der Sechzigerjahre als Grafikstudent in Kassel, wo er im Seminar des Filmemachers Gerhard Büttenbender landete, Keimzelle eines Kinos, dem sogar die Rebellen des Neuen Deutschen Films, die 1962 „Papas Kino“ für tot erklärt hatten, zu brav waren. Dort lernte Winkelmann experimentelle Filmemacher wie Werner Nekes und Harun Farocki kennen und gründete 1968 mit Büttenbender und den Zwillingsschwestern Jutta und Gisela Schmidt (genau, mit den It-Girls, die später in die Kommune von Rainer Langhans zogen, nachdem die eine, Jutta, kurze Zeit mit Winkelmann verheiratet war und die andere, Gisela, mit Büttenbender, bevor sie den Milliardärssohn John Paul Getty III. kennenlernte) das „Kasseler Filmkollektiv“. Das „Andere Kino“, das sie machen wollten, war billig, verspielt und voller Zumutungen, gedreht mit 16-Millimeter- oder Super-8-Kameras. Wobei Winkelmann schon damals skeptisch war, wenn es zu dogmatisch wurde: „Die Kamera darf sich nicht bewegen“, hieß beispielsweise damals eine der Maximen, erinnert er sich, denn: „Wer sich bewegt, hat keinen Standpunkt!“
Dass auch Bewegung eine Haltung sein kann, bewies er mit einer spektakulären Konstruktion: Er schnallte sich eine Bolex-Kamera mit Stativ vor den Bauch, das Objektiv auf ihn gerichtet, mit einem Autorückspiegel, um zu sehen, was er aufnimmt, im Hosenbund ein Frühstücksbrett, damit es nicht so wehtut. So lief er durch die Kasseler Fußgängerzone, mit einem selbst gebauten Selfiestick, womöglich dem ersten der Welt. „Kassel 9.12.67, 11.54h“ ist, wovon man sich zum Glück heute noch auf Youtube überzeugen kann, ein phantastisches Zeitdokument, das nicht nur das vorweihnachtliche Treiben in der Stadt einfängt, sondern auch die Reaktionen der erstaunten Passanten auf das seltsame Alien. Für Winkelmann hatte der Film, als er ihn auf einem Festival in Hamburg zeigte, einen praktischen aufmerksamkeitsökonomischen Nebeneffekt: „Als ich aus dem Kino kam, guckten mich alle Leute an und wussten, wie ich aussehe. Marketingmäßig war das ein super Schachzug.“
Doch irgendwann hatte Winkelmann genug von den Experimenten: „Ich weiß, wie das funktioniert“, dachte er, „aber ich würde so gerne mal einen Film machen, der vor zahlendem Publikum im Kino läuft.“ Und wenn er heute erzählt, wie ihm das gelang, dem „kleinen Kasseler Studenten“, wie er sich „rangewanzt“ hat über seine Arbeit beim längst vergessenen ARD-Jugendmagazin „Stifte & Co.“, das vermutlich auch damals kaum ein Jugendlicher gesehen hat, sonntags um Viertel nach elf vor dem „Internationalen Frühschoppen“ mit Werner Höfer, wie er erst kurze Beiträge drehte, fünf, sieben und irgendwann dann 45 Minuten, und dann zwei davon, bis er endlich die Spielfilmlänge zusammenhatte, ist es schwer, nicht nostalgisch zu werden angesichts der Freiheiten im Zeitalter vor der Messung der Einschaltquoten. „Die Abfahrer“ hieß dieser Film, ein Roadmovie, das das Lebensgefühl und den Sound des Ruhrgebiets ins Kino brachte: drei arbeitslose Jungs und eine Anhalterin im geklauten Möbelwagen mit kaputter Handbremse auf ihrem Weg von Dortmund immerhin bis nach Siegen und, das ist wichtig, wieder zurück, man kommt hier eben nicht so einfach raus, aber dazu gleich mehr.
1978 lief „Die Abfahrer“ dann tatsächlich im Kino, aufgeblasen auf 35 Millimeter, womit der Ruhm von Winkelmann als Stimme des Ruhrgebiets begann. 1981 folgte die Aussteigerkomödie „Jede Menge Kohle“ über den orientierungslosen Kumpel Katlewski, die unter anderem den Satz „Es kommt der Tag, da will die Säge sägen“ als festen Bestandteil des lokalen Wortschatzes etablierte. 1993 endet die „Ruhrpott-Trilogie“ mit der Milieustudie „Nordkurve“, die den ganz normalen Wahnsinn eines Bundesligaspieltags im Ruhrgebiet schildert. „Proleten-Hollywood“ hat einmal ein Kritiker einen seiner Filme genannt, das war als doppelte Beleidigung gemeint. Winkelmann hat den Ausdruck nie gehört. „Das weiß ich genau, weil, das hätte mir gefallen“, sagt er heute.
Dass es ihm in seiner Heimat nie zu eng geworden ist, liegt auch daran, dass er jedes Mal die Grenzen der Erzählmittel und -techniken neu auslotete: „Jede Menge Kohle“ war der erste deutsche Film in Dolby Stereo. Damit die Kettensäge im High-End-Sound ertönen konnte, musste Winkelmann seinen Film im fortschrittlichsten Studio mischen, das es damals in Deutschland gab: in dem von Beate Uhse in Hamburg. Für „Nordkurve“ fing er die Stadionstimmung mit Handkameras ein und montierte seine Parallelgeschichten wie eine Collage nebeneinander, nur zusammengehalten von einer gemeinsamen Stimmung, wie im gleichen Jahr Robert Altman in „Short Cuts“.
Ein Drama vor dem Bundesverfassungsgericht
Als ihm das Label „Ruhrgebietsfilmer“ doch irgendwann zu blöd wurde, probierte Winkelmann sich in immer neuen Genres aus, und man könnte wohl an jedem einzelnen Film zeigen, wie er dabei versuchte, seinen Weg weiterzugehen: vom düsteren TV-Thriller „Der letzte Kurier“ (1996) bis zum Aufreger „Eine einzige Tablette“ (2007) über den Skandal um das Beruhigungsmittel Contergan, der sich in der Frage, wie viel Drama und Emotionalisierung man sich bei der Fiktionalisierung der Wirklichkeit erlauben darf, so viele Freiheiten nahm, dass am Ende sogar das Bundesverfassungsgericht sie beantworten musste.
Und sicher käme man unterwegs auch an ein paar Filmen vorbei, bei denen sich Winkelmann ein wenig verirrt hat: bei „Waschen, Schneiden, Legen“ (1999) etwa, dem Comeback-Versuch des Eurovisions-Ironikers Guildo Horn als Ruhrpott-Friseur; oder beim Science-Fiction-Film „Super!“ (1984), einer Endzeit-Dystopie, die an einer Tankstelle am Ende der Welt spielt, „Mad Max“ in Recklinghausen, immerhin mit Udo Lindenberg und Inga Humpe. Winkelmann wusste schon beim Drehen, dass ihm der Film einmal peinlich sein würde, und ob das Urteil heute im Rückblick etwas milder ausfallen würde, ist schwer zu sagen: Man kann den Film nirgends streamen, auf Amazon gibt es ihn als DVD, gebraucht für 135,30 Euro.
Seit 16 Jahren also betreibt er nun diesen einzigartigen Apparat und versucht damit zu zeigen, dass Film mehr kann als im Kino Geschichten zu erzählen. Dass seine Bilder so lange fliegen würden, hätte anfangs niemand gedacht. Aber mittlerweile erreichen sie ein Publikum, das größer ist als das all der Filme von Winkelmann zusammen – so viel zum Widerspruch von Experiment und Popularität. So ein Erfolg verpflichtet: „Man kann das einfach nicht wieder wegmachen, wenn das einmal da ist“, sagt Winkelmann. Womit er nebenbei auch die Frage beantwortet, die ihm in jedem zweiten Interview gestellt wird: warum er immer noch in Dortmund lebt.
Nicht die Asche anbeten
„Kann mir mal einer sagen, warum ich überhaupt noch hier bin?“, fragten sich schon seine „Abfahrer“. Dass sich Winkelmann darüber heute nicht mehr ganz so oft den Kopf zerbricht, liegt daran, dass er bei aller Lust auf Neues dann doch gemerkt hat, dass er auf eine ganz bestimmte Weise hier verwurzelt ist: Es liegt ihm fern, betont er, „die Asche anzubeten“, wie es so viele tun, die die Vergangenheit romantisieren. Aber er kann nur dort arbeiten, wo er die Sprache „bis in die letzte Feinheit verstanden“ hat.

Wenn das für manche doch ein wenig provinziell wirkt, dann wohl auch deshalb, weil viele hier noch immer glauben, dass man den Niedergang der Region mit einem Jargon aufhalten kann, den man für modern hält: „Man müsste den Begriff ‚Kultur‘ verbieten, genauso wie ‚Kreativwirtschaft‘ oder ‚Metropole Ruhr‘“, hat Winkelmann einmal gesagt. „Wir sollten besser alle sagen, was wir wirklich sehen, denken, tun und erleben, ohne den Sprechblasenquatsch.“ Wenn aber so ein Sprechblasenmensch daherkäme, sagen wir mal aus Baden-Württemberg, und mitleidig auf die Gegend schaut, die seit Jahrzehnten mit dem Strukturwandel kämpft, dann würde er ihm zurufen: „Uns geht es besser als euch! Wir haben nämlich alles schon erlebt, was ihr noch vor euch habt. Ihr werdet schon noch sehen, wie eure Industrie untergeht. Wenn man alles verloren hat, merkt man, dass man sich nur noch auf die Zukunft konzentrieren kann.“
Den Einwand, dass sein Bildersturm nach sechzehn Jahren vielleicht keine Revolution mehr ist, sondern im besten Sinne fester Bestandteil des Stadtbilds, Touristenattraktion und, sorry, Teil der lokalen Kultur, bügelt Winkelmann souverän ab: „Ich muss nicht modern sein, das bin ich ganz von selbst.“ In all der Zeit hat er nie versucht, seine Rolle als „Glöckner“ für Provokationen zu benutzen. Wenn sich der Turm doch gelegentlich politisch äußert, dann tut er das eher dezent: Während der Pandemie forderte er zum Abstandhalten auf, nach dem Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ war auch er Charlie, und nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine wehten blau-gelbe Fahnen hinter den Friedenstauben.
„Ich, der Turm, fand schon damals Nazis voll uncool“ ist die wohl deutlichste Botschaft, die Winkelmann dem Haus in den Mund legt, wenn in der Stadt wieder einmal die Springerstiefel marschieren – auch wenn das nur stimmt, wenn man das Haus von seinen Besitzern trennt: Die Brauerei war vor dem Krieg ein nationalsozialistischer Vorzeigebetrieb. Zuletzt setzte Winkelmann mit beeindruckenden Aufnahmen von Walen und Eisschollen ein Zeichen für den Klimaschutz. Zehn Tage lang war er dafür im Oktober 2025 in Grönland unterwegs, weil es ihm wichtig ist, alle Bilder selbst zu drehen. Zur Zeit flattern in der Dachkrone Plastiktüten durch die Luft, passend zu einer Ausstellung über die globalen Wege des Mülls im Museum Ostwall, das sich ebenfalls im Gebäude des U befindet.
Am heutigen Freitag wird Adolf Winkelmann achtzig Jahre alt, vier Jahre läuft noch sein Vertrag. Weggehen wird er aus Dortmund wohl nicht mehr. Aber das heißt ja nicht, dass er sich nicht bewegte.
Source: faz.net