Adipositas in Deutschland: Wie Zucker dasjenige Gehirn umprogrammiert

Kräftige Personen stehen vor einer Wand zur Selbstbedienug von Süssigkeiten.

Stand: 04.03.2026 • 08:51 Uhr

Etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung ist adipös. Warum Fett und Zucker das Gehirn verändern, Diäten oft scheitern – und welche neuen Therapien Hoffnung geben.

Von Stefan Zanev, BR

In Deutschland sind 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen ist stark übergewichtig wie die Deutsche Adipositas-Gesellschaft berichtet. Auch bei Kindern und Jugendlichen sind die Zahlen alarmierend: Das Robert Koch-Institut gibt an, dass bereits 5,9 Prozent an chronischer Fettleibigkeit leiden.

Viele Betroffene werden noch immer vorschnell als undiszipliniert oder willensschwach abgestempelt – ein belastendes Stigma, das sie oft davon abhält, Hilfe zu suchen. Der Welt-Adipositas-Tag will das Bewusstsein für diese komplexe, chronische Erkrankung stärken, die weltweit über 800 Millionen Menschen betrifft.

Starkes Übergewicht erhöht Risiko für schwere Infektionen

Menschen mit starkem Übergewicht haben ein deutlich höheres Risiko für schwere Infektionsverläufe bis hin zum Tod. Das geht aus einer Analyse der Gesundheitsdaten von mehr als 540.000 Patienten in Großbritannien und Finnland hervor.

Die aktuelle Studie zeigt: Während leichtes Übergewicht kaum Einfluss hat, ist das Risiko bei Adipositas der Kategorie 3 rund dreimal so hoch wie bei Normalgewichtigen.

Bereits während der Covid-19-Pandemie war klar geworden, dass übergewichtige Menschen häufiger schwere Verläufe erlebten, häufiger ins Krankenhaus mussten und eine höhere Sterblichkeit hatten. Ob dies auch für andere Infektionskrankheiten gilt, war bisher unklar.

Um das Risiko zu senken, seien Maßnahmen nötig, die Übergewicht verhindern und Betroffene beim gesunden Leben unterstützen, so die Forschenden.

Zuckersteuer als Lösung?

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther zum Beispiel plant eine Bundesratsinitiative zur Einführung einer Zuckersteuer im ersten Quartal 2026. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin (DEGAM) begrüßt die Initiative: „Es ist höchste Zeit, dass Deutschland in der Verhältnisprävention endlich aufholt“, sagt DEGAM-Präsidentin Eva Hummers.

Wie Zucker das Gehirn umprogrammiert und Essverhalten beeinflusst

Ruth Hanßen, Endokrinologin an der Uniklinik Köln und Forscherin am Max-Planck-Institut für Stoffwechselforschung, erklärt im BR, warum krankhaftes Übergewicht so schwer zu behandeln ist: „Wir haben eine Studie gemacht, in der wir uns angeschaut haben, was im Gehirn passiert, wenn wir jeden Tag Lebensmittel mit viel Fett und Zucker zu uns nehmen.“

Das Ergebnis: Bereits nach acht Wochen mit täglich einem fett- und zuckerreichen Joghurt veränderte sich das Belohnungssystem im Gehirn messbar. „Die Präferenz für ungesunde Lebensmittel hat sich verändert. Die Leute mochten dann die hochkalorischen ungesunden Lebensmittel lieber“, sagt Hanßen.

Insulinresistenz im Gehirn erschwert Gewichtsabnahme

Besonders kritisch ist die Rolle des Insulins. Das Hormon reguliert nicht nur den Blutzuckerspiegel im Blut, sondern wirkt auch als zentraler Botenstoff direkt im Gehirn. Hier übernimmt es weit mehr als nur eine Nebenrolle: Es steuert das Hunger- und Sättigungsgefühl und beeinflusst, wie sehr wir Belohnungen als angenehm empfinden.

Eine Studie der Universität Tübingen zeigt nun, wie schnell dieser Mechanismus aus den Fugen geraten kann. Schon wenige Tage mit fettreicher Ernährung reichen aus, um die Insulinempfindlichkeit im Gehirn massiv zu stören: „Wenn das Insulin im Gehirn nicht mehr richtig wirken kann, verliert der Körper die Fähigkeit, sein Essverhalten an die tatsächlichen Bedürfnisse anzupassen“, so Hanßen.

Die Tübinger Forscher beobachteten, dass dieser Effekt – eine sogenannte Insulinresistenz im Gehirn – auch dann noch anhielt, nachdem die Testpersonen bereits wieder zu ihrer normalen Ernährung zurückgekehrt waren. Diese „Gedächtnisfunktion“ des Gehirns erklärt, warum es Betroffenen so schwerfällt, einmal etablierte Essgewohnheiten zu durchbrechen: Das Hirn signalisiert weiterhin Hunger oder Appetit, obwohl der Körper bereits ausreichend Energie erhalten hat. Adipositas sei damit auch eine Hirnerkrankung, sagt Hanßen. „Es ist nicht nur das Gehirn, was betroffen ist, aber es ist ein wesentliches Organ. Ich muss ja kontinuierlich weiter viel essen, um mein Gewicht aufrechtzuerhalten, und das Essverhalten wird durch das Gehirn gesteuert.“

Warum Diäten oft scheitern

Es gibt ein typisches Muster, warum Diäten oft scheitern: Tagsüber gelingt es vielen, sich beim Essen zu beherrschen, doch abends sind die Vorsätze häufig dahin, erklärt Hanßen. Der Grund liegt in bestimmten Nervenzellen im Belohnungszentrum, die abends aktiver sind – der Drang nach Belohnung steigt, wenn die Ruhezeit beginnt.

Deshalb ist es hilfreich, Chips, Schokolade und Co. gar nicht erst zu Hause zu haben. Besonders verarbeitetes Essen mit der Kombination aus Fett und Zucker löst starke Belohnungssignale aus, die über verschiedene Signalwege vom Darm ins Gehirn gelangen. „Deshalb schmecken all die ungesunden Sachen so gut“, sagt Hanßen.

Therapie gegen Adipositas

Hoffnung gibt es durch neue Medikamente wie GLP-1-Analoga – die sogenannten Abnehmspritzen. „GLP-1 wirkt auch im Gehirn und steuert dort das Sättigungsgefühl mit. Man hat weniger Hunger, auch weniger Appetit, und dadurch kann man all die Vorhaben, die man sich vorgenommen hat, dann auch umsetzen“, erklärt Hanßen.

Allerdings: „Statistisch gesehen schaffen nach verschiedenen Therapien etwa 20 Prozent der Leute, ein medizinisch relevantes niedrigeres Gewicht dauerhaft zu halten.“ Warum genau manche Menschen langfristig erfolgreich sind und andere nicht, ist noch nicht vollständig verstanden. „Das ist die zentrale Frage, an der derzeit viele Forschende arbeiten.“ Langanhaltende Gewichtsreduktion erfordert weiterhin individuelle Strategien, Motivation und eine ausgewogene Ernährung.

Source: tagesschau.de