Abtritt wie UNRWA-Chef: Was Philippe Lazzarini für jedes Gaza und dies Westjordanland befürchtet
Die United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East (UNRWA) wurde 1949 gegründet, um sich um die Bedürfnisse der über sechs Millionen Flüchtlinge im Gazastreifen, im Westjordanland und in den Flüchtlingslagern in den arabischen Nachbarstaaten zu kümmern – vor allem in den Bereichen der Bildung, Gesundheit und Nothilfe. Sie hat Zehntausende Mitarbeiter in der Region, im Gazastreifen sind es heute noch 11.500.
Immer wieder gerät UNRWA in den Fokus von Kritik und Repressalien seitens der israelischen Regierung, und so auch der Generalkommissar des Hilfswerks, Philippe Lazzarini. Dessen Amtszeit ist nach sechs Jahren gerade zu Ende gegangen. Wie blickt er auf sie zurück, und wie auf Gegenwart und Zukunft in Israel, Gaza und im Westjordanland?
der Freitag: Herr Lazzarini, Ihr Mandat als Generalkommissar des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) endete am 31. März. Mit welchen Gefühlen verlassen Sie Ihr Amt?
Philippe Lazzarini: Auf der einen Seite empfinde ich Bitterkeit und Traurigkeit angesichts der großen Zahl an Kollegen, die getötet, verletzt oder verhaftet wurden. Auf der anderen Seite ist da auch Stolz auf unsere Mitarbeiter, die selbst in der völligen Dunkelheit, die Gaza durchgemacht hat, versucht haben, Licht für die Menschen zu spenden, wo immer sie es konnten.
Ich musste bei UNRWA gerade noch die Gehälter um 20 Prozent kürzen und die Arbeitszeiten reduzieren
Sie haben das UN-Hilfswerk seit 2020 durch die größte Krise seiner Geschichte geführt. Ihre Amtszeit war geprägt vom 7. Oktober, dem Krieg in Gaza, massiven Vorwürfen Israels und dem Rückzug wichtiger Geldgeber. Wie ist die Lage jetzt?
Die Organisation durchlebt eine Finanzkrise, die mich vor einigen Wochen dazu gezwungen hat, zusätzliche Sparmaßnahmen zu ergreifen, die Gehälter um 20 Prozent zu kürzen und die Arbeitszeiten zu reduzieren. Dabei hätten die Mitarbeiter für ihren großen Einsatz eigentlich Anerkennung und Belohnung verdient.
Wenn Sie zurück blicken: Was hätten Sie anders machen sollen?
Vor 2023 stand der israelisch-palästinensische Konflikt nicht mehr weit oben auf der Agenda der Weltgemeinschaft, es herrschte eine Art Gleichgültigkeit. Ich habe schon damals versucht, Alarm zu schlagen und davor gewarnt, dass der Konflikt auch nach 100 Jahren weiter ungelöst bleiben könnte, wenn die Welt nicht handelt. Dann kam der 7. Oktober und das, was darauf folgte. Seitdem leben wir in einer völlig anderen Welt.
Was ist vom Vorwurf geblieben, UNRWA-Mitarbeiter seien in den Hamas-Terror des 7. Oktobers 2023 verwickelt gewesen? Neun Mitarbeiter hat die UN entlassen, weil sie „möglicherweise beteiligt“ gewesen seien.
Als die Vorwürfe im Januar 2024 aufkamen, haben eine Reihe von Ländern ihre Beiträge für die Dauer der Untersuchungen vorübergehend eingefroren. Wir hatten in weniger als zwei Jahren mehr als 20 externe Überprüfungen: Keine andere UN-Organisation ist so stark unter die Lupe genommen worden wie wir. Danach sind die meisten Geldgeber zurückgekommen, bis auf die USA und nun auch Polen, weil sie gesehen haben, wie ernsthaft wir mit den Bedenken umgegangen sind.
Wir brauchen eine Untersuchungskommission, um einige der schlimmsten Gräueltaten aufzuklären
Aber lassen Sie mich hinzufügen: Immer, wenn Israels Militär jemanden tötet, wird diese Person als Hamas-Mitglied oder Dschihadist abgestempelt. Das war bei allen Journalisten so, die im Gazastreifen getötet wurden, bei allen Ärzten und Sanitätern, und wir sehen, wie das auf den Libanon ausgeweitet wird. Das ist im Grunde ein Freibrief, schrankenlos zu töten.
Mehr als 390 UNRWA-Mitarbeiter wurden in diesem Krieg mutmaßlich vonseiten Israels getötet, 80 Prozent Ihrer Einrichtungen zerstört. Israel hat der Hamas vorgeworfen, sich in Schulen und UNRWA-Einrichtungen versteckt zu haben. Haben Sie Hoffnung, dass diese Verbrechen je aufgeklärt werden und jemand dafür bestraft wird?
Wir brauchen tatsächlich eine Untersuchungskommission, um einige der schlimmsten Gräueltaten aufzuklären: Wer war dafür verantwortlich? Wie sah die Befehlskette aus? Und danach müssen wir Rechenschaft einfordern. Dafür habe ich mich mehr als einmal eingesetzt. Aber wird das geschehen? Wenn man sieht, was in den letzten zwei Jahren vor unser aller Augen passiert ist, ohne jede Konsequenz, dann muss man daran zweifeln. Andererseits braucht Gerechtigkeit manchmal ihre Zeit. Wichtig ist es, nicht zu vergessen und weiter alle notwendigen Informationen zu sammeln, um an dem Tag Gerechtigkeit herzustellen, an dem es ein günstigeres Umfeld dafür gibt.
Wir müssen diesen traumatisierten Kindern, die in Gaza in Trümmern leben, ihre Bildung zurückgeben
Ende 2024 hat Israel die Arbeit der UNRWA auf seinem Staatsgebiet verboten, im Januar 2026 das Hauptquartier in Ostjerusalem zerstört. Wie können sie überhaupt noch arbeiten?
Die Knesset hat zwei Gesetze beschlossen. Das erste verhindert unsere Arbeit auf dem Hoheitsgebiet Israels, und dazu zählt es auch das besetzte Ostjerusalem. Dort waren wir gezwungen, unsere Schulen mit mehr als 500 Schülern zu schließen. Das zweite Gesetz untersagt offiziellen Stellen jeglichen Kontakt zu uns. Das heißt, keine Visa werden bearbeitet, unsere Konvois dürfen nicht in den Gazastreifen einreisen, und es betrifft auch Fragen der Wasser– und Stromversorgung von UNRWA-Einrichtungen. Trotz all dieser Widrigkeiten bauen wir unsere Aktivitäten im Gazastreifen weiter aus. Wir sind nach wie vor der wichtigste Anbieter öffentlicher Gesundheitsdienste, darunter medizinische Grundversorgung, Impfkampagnen, Abfallentsorgung sowie Zugang zu sauberem Wasser, und wir bieten 70.000 Schülerinnen und Schülern wieder Präsenzunterricht an. Das ist weit entfernt von den 300.000, die wir früher hatten, aber ein Anfang.
Rund 660.000 Kinder im Gazastreifen mussten im Krieg auf Schule verzichten. Viele UNRWA-Schulen wurden zerstört oder in Notunterkünfte umgewandelt. Wie ist die Lage jetzt?
Wir haben viel aus dem Fernunterricht gelernt und nutzen diese Erfahrungen. Es gibt auch lokale NGOs, die ihr Bestes geben, um tagsüber einen geschützten und sicheren Raum zu bieten, und viele werden von UNICEF unterstützt. Aber das sind nur vorübergehende Lösungen. Das Bildungsangebot in Gaza ist immer noch sehr beschränkt, es fehlt an Räumlichkeiten und es gibt viele Traumata, die bewältigt werden müssen. Doch wir müssen diesen traumatisierten Kindern, die in Trümmern leben, ihre Bildung zurückgeben. Den Palästinenserinnen und Palästinensern wurden viel weggenommen, das Land und ihre Häuser, aber Bildung war immer ihr Stolz. Ich hoffe, dass das Thema Priorität behält, wenn wir über einen Wiederaufbau von Gaza sprechen.
Im Westjordanland entfaltet sich vor unseren Augen ein stiller Krieg
Der aktuelle Waffenstillstand ist brüchig. Welche Zukunft sehen Sie für den Gazastreifen?
Der Gazastreifen ist derzeit in zwei Teile geteilt, die Menschen leben dort noch dichter gedrängt als früher, und im Grunde liegt alles in Schutt und Asche. Nun stellt sich die Frage: Gibt es genügend Vertrauen seitens der internationalen Gemeinschaft für einen Wiederaufbau? Das wird viel Zeit in Anspruch nehmen. Und in der Zwischenzeit wird es viel Elend und viel Bitterkeit geben. Meine Befürchtung ist, dass all dies bereits den Keim für eine zukünftige, erneute Radikalisierung auf beiden Seiten in sich trägt.
Wie ist die Lage im Westjordanland?
Dort entfaltet sich vor unseren Augen ein stiller Krieg. Die Gewalt durch Siedler geht völlig ungestraft weiter und der Siedlungsbau nimmt zu. Die Menschen im nördlichen Westjordanland werden in Massen vertrieben, und wenn sie von einem Dorf in ein anderes Dorf ziehen, sehen sie sich mit immer mehr Checkpoints konfrontiert. Die wirtschaftliche Lage ist dramatisch, und die Menschen leben in Angst und Unsicherheit.
Sie haben gesagt, wenn die Palästinensische Autonomiebehörde reformiert werde, könne man ihr die Aufgaben von UNRWA übertragen. Wie realistisch ist das?
Die Frage ist: wie realistisch ist eine Zwei-Staaten-Lösung noch? Vor Ort hat man das Gefühl, dass wir uns jeden Tag weiter davon entfernen. Das Schlimmste wäre aber, UNRWA einfach zusammenbrechen zu lassen, ohne zu wissen, wer ihre Aufgaben übernehmen soll. Wir sollten nicht denselben Fehler begehen wie 2003 im Irak, als alle hergebrachten Strukturen zerstört wurden. Wir erbringen notwendige Dienstleistungen und helfen zugleich beim Aufbau zukünftiger palästinensischer Institutionen, die eine echte, nachhaltige Alternative zur UNRWA bilden könnten.
Deutschland ist seit dem Rückzug der USA der wichtigste Staat, der UNRWA finanziert
Die amtierende israelische Regierung will einen palästinensischen Staat verhindern und das Land übernehmen.
Ja, wenn man einigen israelischen Politikern zuhört, geht es ihnen um Expansion – nicht nur im Westjordanland, sondern, mit Blick auf den Libanon und Syrien, darüber hinaus. Das hört man nicht nur aus der aktuellen Regierung, sondern auch aus der Opposition. Und diese Regierung versucht, das Leben für die Menschen im Westjordanland unerträglich zu machen in der Hoffnung, dass sie verschwinden. Wohin das führen wird? Ich weiß es nicht.
Wie wichtig ist Deutschland für UNRWA?
Deutschland bleibt der wichtigste Geldgeber, nach der Europäischen Union. Seit dem Rückzug der Vereinigten Staaten ist es der wichtigste Staat, der UNRWA finanziert.
Bei der Abstimmung über die Verlängerung des UNRWA-Mandats im November 2025 hat sich Deutschland erstmals enthalten. Wie bewerten Sie das?
Solche Entscheidungen haben meist innenpolitische Gründe. Natürlich hätten wir es bevorzugt, wenn Deutschland die Verlängerung des Mandats unterstützt hätte. Deutschland hat viele Fragen, insbesondere zu unserer Neutralität. Aber das ist Teil des Dialogs, den wir führen. Es herrscht auch Realismus hinsichtlich der Bedeutung unserer Organisation, und dass es keine Alternative zu ihr gibt, um Hilfe sicherzustellen.
Was werden Sie als nächstes tun?
Ich weiß es noch nicht. Ich denke darüber nach, ein Buch zu schreiben. Und dann werden wir sehen, was sich ergibt.
Philippe Lazzarini ist Manager und UN-Funktionär. Der 62-jährige Schweizer war seit 2020 Generalkommissar des UN-Hilfswerks für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA), sein Mandat endete am 31. März 2026. Er wird vorübergehend von Christian Saunders abgelöst, dem UN-Sonderbeauftragten gegen sexuelle Ausbeutung und sexuellen Missbrauch.