morgenstern: In Berlin sollen Touristen Müll zusammenschließen. Tokio hat nicht mal Mülleimer








Berlin will sauberer werden. Dabei sollen Besucher helfen. Tokio macht vor, wie es besser geht – noch dazu ganz ohne Mülleimer. Und: So geht es weiter im Iran. Die Lage am Morgen.



Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

die Häme war groß, als die Idee aus Berlin bekannt wurde, dass man dort bald Touristen dafür belohnen könnte, dass sie Müll einsammeln. Schon seit Jahren gilt die Hauptstadt als eine der dreckigsten des Landes. Die „Süddeutsche Zeitung“ nannte sie schon die „Müllmetropole“. Viele Besucherinnen und Besucher der Stadt beklagen vor allem den vielen in den Straßen herumliegenden Müll. Trotzdem kam der Vorschlag der Senatsverwaltung zur Sammelaktion überhaupt nicht gut an. Da half es auch nicht, dass es für die Mithilfe Belohnungen wie kostenlose Tickets für Museen geben sollte. 

Dabei ist die Idee nicht neu. So ähnlich macht man es seit ein paar Jahren schon erfolgreich in Kopenhagen. Dort erhalten Touristen zum Beispiel Gutscheine für Bootstouren und kostenlose Fahrradmieten, wenn sie etwa mit dem Zug statt mit dem Flugzeug anreisen. Und auch Hamburg will demnächst nachhaltig Reisende belohnen.


Die Berliner Müll-Idee erregte die Gemüter. Memes und Kommentare fluteten das Internet, das so mal wieder zum großen Stammtisch wurde. Mein Müll, dein Müll – wer räumt ihn weg? Es wurde scharf diskutiert. Über „Putzurlaub“ wurde gespottet. Die Stadt sei so dreckig, da müsse man schon Touristen rekrutieren. Alles eine bodenlose Frechheit.

Wie Sie wissen, wenn Sie den Morgenstern regelmäßig lesen, bin ich derzeit in Tokio. Und habe gerade gelesen, dass es in Berlin „nur“ 27.000 Mülleimer gibt. Darüber musste ich kurz schmunzeln. Wussten Sie, dass es in der japanischen Hauptstadt Tokio im Grunde keine öffentlichen Mülleimer gibt? Die wurden nämlich nach dem Sarin-Anschlag der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn 1995 abgebaut. So will man die Zahl potenzieller Verstecke für Giftstoffe und Bomben möglichst geringhalten.




In Tokio leben um die 38 Millionen Menschen, fast 20 Millionen reisen pro Jahr als Besucher in die Stadt. Wenn ich durch die Straßen dieser Mega-Metropole gehe, liegt aber trotzdem praktisch nirgends Müll herum. Hier gibt es keine weggeworfenen Taschentücher, keine Zigarettenkippen, keine leeren Kaffeebecher, die herumfliegen. Warum ist Berlin so dreckig und Tokio so sauber?


Saubere Stadt: Was Berlin von Tokio lernen kann

Die Japaner leben nach dem Prinzip, dass es allen nützt, wenn man sich ordentlich verhält. Dazu zählt, dass man, was auch andere benutzen, sauber hinterlässt. So ist es ganz selbstverständlich, dass man seinen Abfall mit nach Hause nimmt – oder dorthin zurückbringt, wo man etwas gekauft hat. Auch deswegen sieht man Japanerinnen und Japaner unterwegs fast nie an Kaffeebechern schlürfen oder etwas essen. Denn dann müssten sie ja die Verpackung entsorgen. So bleibt die Stadt besenrein sauber. 

Und zwar fast überall: Am Wochenende war ich im Park der Waseda-Universität. Dort picknickten und feierten die Studierenden ausgelassen ihr Wochenende. Als ich am Montag früh dort joggen war, lag auch hier nicht ein Krümel Müll herum. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal im Hamburger Stadtpark waren. Dort liegt am Ende jedes schönen Sommerwochenendes der Abfall haufenweise herum und die Mülleimer quellen über.





Touristen in Tokio fällt das japanische Prinzip des sorgsamen Umgangs mit dem öffentlichen Raum noch schwer. Bislang werden sie von den Einheimischen für achtlos weggeworfenen Müll nur mit scharfen Blicken bedacht. Ab Juni aber werden neue Müll-Patrouillen die beliebtesten Touristen-Spots kontrollieren. Wer dann Müll fallen lässt, muss sofort 2000 Yen (etwa 11 Euro) bezahlen. Das geht auch bargeldlos – die Quittung wird papierlos per Mail verschickt.

Iran und USA: Wer ist der Stärkere?

US-Präsident Donald Trump hat die Waffenruhe mit dem Iran doch verlängert. Sie wäre sonst in der Nacht ausgelaufen. Wie geht es nun weiter? Der Iran und die USA wollen einen Deal. Doch beide wähnen sich dem jeweils anderen gegenüber am längeren Hebel. Frieden scheint nicht annähernd in Reichweite. Mein Kollege Steffen Gassel beantwortet die wichtigsten Fragen.





5-Minuten-Talk: Friedrich Merz macht depressiv

Friedrich Merz will eine große Rentenreform. Das weiß man inzwischen, insofern hätte es sich der Kanzler sparen können, sie schon mal zu umreißen, noch bevor die Kommission überhaupt Ergebnisse vorgelegt hat. Weil er aber ohne Not in die Debatte einstieg und verkündete, dass die gesetzliche Rente in absehbarer Zeit nicht mehr als eine Basisabsicherung sein werde, hat er mal wieder eine Debatte am Hals.

Was man sich auch in seiner Partei fragt: Warum hat dieser Kanzler eigentlich nie etwas Positives zu erzählen? Oder ist der Renten-Vorstoß genau jener Klartext, den seine Anhänger von ihm erwarten? Die stern-Politikchefs Veit Medick und Jan Rosenkranz diskutieren über eine Debatte, die etwas Grundsätzliches über diesen Kanzler verrät.





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Alexandra Kraft

Source: stern.de