Eine Fitnessmesse ist dieser wohlproportioniert deprimierendste Ort dieser Welt
Auf einer Fitnessmesse wie der FIBO in Köln treffen sich Menschen, die beruflich oder privat ihren Körper gern optimieren. Ziel aller ist es, wie es ein Sportwissenschaftler ausdrückte, „nackt gut auszusehen“. Vielleicht sollten sie das auch mal angezogen versuchen.
Um das ganze Ausmaß des ästhetischen Elends zu betrachten, das viele Menschen in Fitnessmode verströmen, lohnte sich ein Gang in die Hallen der deutschen Nahrungsergänzungsriesen „ESN“ und „More“. Die beiden Marken präsentierten sich auf der weltweit wichtigsten Fitnessmesse FIBO in Köln, die am Sonntag zu Ende ging. Beide gehören praktischerweise zur selben „The Quality Group“, Hauptsitz und Produktion in Elmshorn, Schleswig-Holstein.
Im vergangenen Jahr teilten sich die beiden Marken noch eine Halle, doch das reichte 2026 nicht mehr. Der Proteinprodukte-Markt wächst weiter so rasant wie die Armada der Fitnessinfluencer, mit deren Reichweiten-Hilfe beide Marken ihn beackern. Zwei Hallen, in die an den Messe-Tagen die Massen strömen, als läge dort das gelobte Land, dabei gibt es dort nur Prozente auf Shakes, Pulver und Riegel, die entweder Muskeln eher aufbauen sollen (ESN) oder aber eher Gewicht abbauen (More). Um in die Abgründe dieser „Markenwelten“ zu tauchen, muss man allerdings sehr weite Wege auf sich nehmen.
Mit hunderten Gläubigen latscht man zunächst von der Messe-Plaza durch eine Halle. Dort werden Locken gelegt, Sneaker, Klamotten und Proteinriegel verkauft, während Polizei und Bundeswehr um Rekruten werben und eine Influencerin auf einer Bühne erzählt, wie sie ganz achtsam ihr Business aufbaute. Von dort geht es in konzentrischen Kreisen durch eine leere, schwarze Messehalle. Der Weg ist inszeniert wie eine Art Pilgerreise, an Absperrungen entlang, als ob in der Mitte ein Fitness-Heiligtum wartete. Es ist aber nur die Treppe in eine zweite, ebenso leere Mittelebene, in der sich der Kreislauf wiederholt.
Man trottet dabei vorbei an Ordnern, die einem riesige Tüten in die Hand drücken für all die runden Pulverboxen, die im endlich erreichten Untergeschoss der in ESN-Design wieder schwarz gehaltenen Halle zum Kauf warten. Neben allerlei „Challenges“, die Gewinne versprechen, und Selfies mit den Lieblings-Influencern, die an diversen „Fotospots“ auf Gläubige warten.
Der gemeinsame, lange Weg durchs insgesamt dann doch eher schäbige Ambiente gibt einem Zeit, sich umzuschauen, wer da mitpilgert – und zu überlegen, warum einen das alles so furchtbar deprimiert. Noch mehr als letztes Jahr. Der Look, die Vibes, wie immer man das nennen will. Dass dieser Eindruck so massiv entsteht, hat sicher mit dem besonderen Ambiente zu tun, der Masse an Menschen in typischer Fitnessstudio- und Sportswear-Optik in maximal trister Messehallen-Atmosphäre. Eine Umgebung, in der selbst komplett aufgebrezelte Influencerinnen, die man sonst nur gefiltert von Instagram kennt, alles andere als strahlen.
Man läuft also neben Dutzenden jungen Männern in knielangen, schlabbrigen Sportshorts oder knöchellangen, eng anliegenden Jogginghosen; Männern in bunten Sneakern und jener Art Tanktops, bei denen man sich fragt, wie die an den Oberarmen und Schultern quellenden Muskellandschaften zum Rest des (meist eher durchschnittlichen) Körpers passen. Wie das alles (Frisur, Tattoos, Kleidung, Körper) überhaupt übereinstimmen soll. Und man läuft vor, hinter, neben Frauen, bei denen man sich fragt: Wie und warum nur diese dunklen, aufgeklebten Wimpern zu dem viel zu pinken Wangenrouge und dem blondierten Unfall, den der Lockenstab auf dem Kopf angerichtet hat.
Ihren Höhepunkt finden solche „Gesamtkunstwerke“ im hier bevorzugten „Signature Piece“ der konsequenten Yoga- und Pilatisierung der Fitnessmode, ob es nun passt oder nicht. Gemeint sind die sogenannten „Scrunch Leggings“, auch „Booty Scrunch“ oder „Bum Scrunch Leggings“ genannt, auf der FIBO bevorzugt getragen in Varianten der Marken „Teveo“ und „Oace“, deren riesige, in beiden Fällen schwarze Tüten viele der Trägerinnen zudem an der Schulter baumeln haben. Es sind Leggings, laut Werbung „unschlagbar bequem“, „super funktional“, „performativ“ – und vor allem aber dazu da, wie es etwa die Marke Gymshark entwaffnend den Käuferinnen verspricht „Ihre hart trainierten Po-Muskeln perfekt zu Geltung“ zu bringen. Womöglich glauben die Trägerinnen tatsächlich, mit diesen Hosen den ewigen Insta-Traum vom perfekten Po einfach kaufen und anziehen zu können. Und ignorieren dabei, dass nicht jeder gekaufte Traum in Erfüllung geht.
Denn „Scrunch Leggings“ sind das beste Beispiel für Kleidungsstücke, die absolut keine Fragen offenlassen. Und nichts kaschieren. Im Gegenteil. An Topmodels sehen die „Bootys“ natürlich super aus, etwa bei Rosie Huntington-Whiteley, die wie so viele ihres Metiers für die Marke „Alo“ wirbt. Auch auf Instagram wirken sie natürlich, bei ähnlich gebauten Influencern und/oder dank guter Bildbearbeitungsprogramme und Filter. Beim Rest und im wahren Leben? Eher nicht. Und, wie gesagt, es ist nur das – wortwörtlich – augenfälligste Beispiel für modische Fitness-Verirrungen.
Daher die Bitte an Frauen und Männer: Nutzt einen der vielen Spiegel, die jedes Fitnessstudio bietet, auch tatsächlich mal für einen ehrlichen Blick. Und fragt Euch dabei immer mal wieder kritisch: Ja, es ist funktional, ja, es sieht auf Instagram bei meinem Lieblings-Influencer gut aus. Aber passt es zu mir? Kann ich das wirklich tragen?
In einer Branche, die zu einem nicht gerade geringen Anteil von Kunden lebt, deren Hauptantrieb für den Studiobesuch es ist, durch Training „nackt gut auszusehen“, wie es der smarte Sportwissenschaftler Lutz Graumann beim FIBO-Kongress ausdrückte, sollte das nächste Ziel sein: Auch angezogen gut aussehen!
Source: welt.de