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Gleich zu Beginn des Abends spielt sich Flavio Kiener auf der Bühne des Ohnsorg Theaters in die Herzen des Publikums. Als Siggi Jepsen soll er im Jugendknast Hahnöfersand (der „Besserungsanstalt“) in Einzelhaft als Strafarbeit einen Aufsatz über „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Kiener schreibt diesen Titel mit Kreide auf die Seitenwand einer schrägen Rampe auf der Bühne und stellt sich damit indirekt als Erzähler und Hauptfigur aus dem Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz vor. Der Schauspieler tut das mit Verve, hingebungsvoll und als glaubwürdig durch die Ereignisse psychisch versehrt, von denen der Roman handelt.
Der Maler sucht den Menschen im Polizisten
Siggi durchlebt den Konflikt zwischen dem blinden Pflichtgefühl, dem blinden Gehorsam seines Vaters Jens Ole (Oliver Warsitz) und der individuellen Verantwortung, der menschlichen Haltung des Malers Max Ludwig Nansen (Ulrich Bähnk). Jens Ole Jepsen überwacht und verfolgt als Polizist in der NS-Zeit den Maler, mit dem Siggi befreundet bleibt und dessen Bilder er in (relative) Sicherheit bringt. Warsitz, (beängstigend in seinem polizeilichen Scheuklappenblick), und Bähnk (der als Nansen nur malend existieren kann und trotzig dazu steht) stehen sich wie zwei Monolithe gegenüber, nachdem der Maler vergeblich alles versucht hat, zum Menschen im Polizisten durchzudringen, den er schon sein Leben lang kennt. Hier gibt es eine kleine Schwäche in der ansonsten bewundernswert gelungenen Stückfassung von Clemens Mädge: Im ersten Teil wird Nansen kaum greifbar, da er nur kurze Auftritte hat, in denen er sich nicht klar positionieren kann. Das ändert sich erst nach der Pause.
Der Maler Nansen steht für den Maler Emil Nolde (eigentlich Hans Emil Hansen, geboren 1867 in Nolde). Der Expressionist war zwar Rassist, Antisemit und Nationalsozialist, wurde aber dennoch mit einem Malverbot belegt, weil Adolf Hitler seine Werke als „entartet“ ablehnte. Als Lenz seinen Roman schrieb, der 1968 erschien, war die NS-Haltung Noldes nicht öffentlich bekannt – der Maler hatte 1946 antisemitische Passagen aus seiner Autobiografie entfernen lassen. Lenz bezeichnete Nolde Jahrzehnte später als „problematischen Menschen“. Seine fiktive Romanfigur mache aber eine eigene Entwicklung durch, erklärte der Autor. Der Widerstand des Malers Nansen gegen das Malverbot bleibt ohnehin exemplarisch für künstlerischen Widerstand zur NS-Zeit.
Erzählt wird auf Hochdeutsch, snackt op Platt
Die Ohnsorg-Fassung der „Deutschstunde“ trägt den plattdeutschen Titel „Biller in Flammen“, denn immer wieder werden Bilder des Malers verbrannt, dessen Hauptwerk ohnehin von den Nazis beschlagnahmt worden war. Nansen beklagt den Verlust von 700 bis 800 Werken (bei Nolde waren es mehr als 1000 Werke). Der Abend ist sauber zweisprachig strukturiert: Die Erzähltexte erklingen auf Hochdeutsch im wunderbaren Stil von Lenz, die Dialoge op Platt. Dabei erzählt Siggi die Geschichte, andere Figuren aber dürfen auch mit kurzen Beschreibungen über sich selbst sprechen („Ich machte mich auf den Weg“ etc.).
Stückautor Mädge kürzt den Roman auf dem Weg zum Erzähltheater mit streckenweise dokumentarischem Touch auf seine Essenz ein: Das Beziehungsgeflecht in der diktatorisch durch Ole geführten Polizistenfamilie, der selbst seinen desertierten Sohn Klaas (ausgezeichnet: André Lassen) ans System verrät ebenso wie die dadurch vergifteten Beziehungen nach außen, zu Nansen, zum Dorf, zu allen anderen. Das nimmt das Publikum gefangen, denn das Ensemble aus sieben glorreichen Darstellern zeigt in der stringenten Regie von Kathrin Mayr keine Schwächen. So wird der Abend zu einem intensiven Theaterereignis.
Diesmal gibt es nichts zu lachen
Birte Kretschmer erschüttert als Mutter, die sich ganz dem Regime ihres Mannes unterwirft, es kompromisslos mitträgt und hinter der harten Fassade dennoch Mutter bleibt. Nele Larsen erfreut als Hilke, die recht naive Schwester von Siggi und Klaas, die schließlich, kaum ist der Krieg vorbei, nach Hamburg zu ihrem Verlobten zieht – der wie Klaas von André Lassen gespielt wird. Vivien Mahler gibt die fürsorgliche, gehetzte, tragisch durch eine Lungenentzündung zu Tode kommende Ditte Nansen, des Malers Frau, zugleich wichtige Bezugsperson für Siggi.
Die Szene ihrer Beerdigung, bei der Nansen dem Polizisten die letzte Chance zur Umkehr gibt, eine indirekte Aufforderung, angesichts des Todes seiner individuellen Verantwortung nachzukommen, ist eine der brutalsten an diesem Ohnsorg-Abend, an dem es nichts zu lachen gibt. Nansen lädt Jepsen ein, ihm nach der Beerdigung die Bilder zu zeigen, die er von seiner sterbenden Frau gezeichnet hat. Der Polizist lehnt ab und tut, was er für seine Pflicht hält: Er zeigt den Maler erneut an.
Demokratie als zerbrechliches Gebilde
Problematisch wirkt an diesem Abend lediglich das Bühnenbild von Anike Sedello, die auch die Kostüme gestaltete. Im zweiten Teil räumt sie die Kulisse zum Glück weitgehend ersatzlos ab. Graublau erstreckt sich vor der Pause der Horizont im Norden vor einem Meer mit abstrakt schroffer Küste. Hell- und dunkelblau spiegeln sich auch im Mobiliar und den Kostümen, was eindeutig zu viel des Guten ist und eher gegen als für die Handlung arbeitet. Nichts von Noldes Farben, nichts von einem grauen Ort, kein Moor, keine Wolke, kein Schatten.
Der Zeit nach dem Krieg, in der Ole Jepsen nach drei Monaten in englischer Gefangenschaft entnazifiziert auf seinen Polizeiposten zurückkehrt und das Terrorregime zu Hause fortsetzt, wird angemessen gewichtet und ausgespielt. Wird doch hier noch klarer, warum die Demokratie ein zerbrechliches Gebilde ist, deren Feinde auch im Inneren lauern. So wird die Gleichschaltung mit dem Malverbot illustriert, die Neigung zur Autokratie durch die tief sitzende Menschenverachtung und die Unfähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Aktuelle Bezüge sind offenkundig.
Ein letztes Meisterwerk von Peter Nissen
Schmerzlich vermisst wurde an diesem Premierenabend im Ohnsorg Theater der am 6. April im Alter von 68 Jahren verstorbene Übersetzer Peter Nissen, der „Platt-Papst“, der über lange Jahre mit seinem Kompagnon Hartmut Cyriaks (1955 bis 2022) die Szene der niederdeutschen Literatur prägte. Intendant Michael Lang gedachte des Verstorbenen in seiner Premierenansprache im Anschluss an die Aufführung. Mit seiner Übersetzung der „Deutschstunde“ hat Nissen ein letztes großes Meisterwerk für das Ohnsorg Theater geschaffen.
Termine bis 23. Mai
Source: welt.de