Gegen VPN und Telegram: Putins Agenten im Kampf gegen dasjenige Internet

Das russische Segment des Internets, bekannt als Runet, wird immer restriktiver, zum Verdruss großer Teile von Bevölkerung und Machtapparat. Das exilrussische Wirtschaftsportal „The Bell“ hat dafür jetzt einen Verantwortlichen ausgemacht: Hinter dem jüngst verschärften Feldzug gegen den Messengerdienst Telegram und dem Kampf gegen VPN – „virtuellen privaten Netzwerken“, mit denen man die Blockierungen auf dem Umweg über ausländische Server umgehen kann – stehe der sogenannte Zweite Dienst des Inlandsgeheimdiensts FSB als „neuer Kurator“ des Runets.
Dem „Dienst zum Schutz des Verfassungsaufbaus und zum Kampf gegen Terrorismus“, wie die Abteilung offiziell heißt, werden etliche Giftanschläge zugerechnet, so auf Oppositionelle wie Alexej Nawalnyj und Wladimir Kara-Mursa.
Bis zum Sommer vorigen Jahres, hieß es unter Berufung auf mehrere Quellen im russischen IT-Sektor, habe die Aufsicht über das Netz im FSB bei dessen Zentrum für Informationssicherheit und dessen Wissenschaftlich-Technischem Dienst gelegen. Bei technisch versierten Spezialisten also, die regelmäßig auch in Unternehmen abkommandiert werden.
Versprechen von Ordnung im Internet
Dann habe mit dem Zweiten Dienst eine ausdrücklich politische Abteilung übernommen; schon deren Vorgängerabteilung im sowjetischen KGB kämpfte gegen „ideologische Sabotage“. Der Leiter des Zweiten Dienstes, Generaloberst Alexej Sedow, habe Präsident Wladimir Putin im Sommer 2025 „versprochen, im Internet Ordnung zu schaffen – und einen Blankoscheck bekommen“, zitierte „The Bell“ eine seiner Quellen.
Sedow ist mit 71 Jahren zwei Jahre jünger als Putin, begann wie dieser seine Laufbahn im Leningrader KGB und wurde von ihm schon vor 20 Jahren an die Spitze der Abteilung gesetzt. Sedows Gewicht im Machtapparat ist damit enorm und dürfte in der im Krieg gegen die Ukraine eskalierenden Repression, in der immer mehr Oppositionelle als „Extremisten“ verfolgt werden, noch gewachsen sein. Dass Sedows Abteilung nun auch den IT-Sektor kontrolliere, sei eine „große Verschiebung“ und liege daran, dass die Führung den „Technikern“ des FSB vorhalte, nicht an „den Heimatschutz zu denken“, zitierte das Wirtschaftsportal einen früheren IT-Manager.
Die Priorisierung von (Regime-)Sicherheit über Kommunikationsfreiheit entspricht dem Denken Putins, der dem Internet schon immer misstraut. Bald nach Sedows Treffen mit ihm, im August 2025, wurden zunächst die Videoanruffunktionen der beiden in Russland führenden Messenger Telegram und Whatsapp blockiert. Der Schritt fiel zusammen mit einer Werbekampagne für den quasistaatlichen Messenger Max, der es dem Sicherheitsapparat erleichtern soll, die Bevölkerung zu überwachen.
Großer Unmut über Blockierung von Telegram
Auch viele Funktionäre sehen Max als verlängerten Arm des auch sie bedrohenden FSB und schaffen sich eigene Mobiltelefone an, um die App darauf zu installieren. Dass es darüber viele Berichte unter Berufung auf anonyme Quellen gibt, zeigt, wie groß der Unmut auch in diesen Kreisen ist – auch über die im März in Angriff genommene Totalblockierung von Telegram.
Der Messenger ist in Russland nicht nur für die Kommunikation wichtig, sondern mit seinen zahlreichen Kanälen für Information und Desinformation auch zu einem Platz für Öffentlichkeit geworden. Telegram ist auch wirtschaftlich wichtig. Von Werbung darauf profitieren auch die sogenannten Z-Blogger, die den Angriffskrieg gegen die Ukraine unterstützen und nun die Blockierung vehement ablehnen.
In Moskau gab es im März großen Unmut darüber, dass das mobile Internet im Zentrum der Hauptstadt mit Aussetzern oder gar nicht funktionierte. In Sankt Petersburg war es auch so. In anderen Regionen des europäischen Teils Russlands muss man damit schon länger leben. Aussagekräftige Schätzungen zu den wirtschaftlichen Schäden fehlen gewiss nicht zufällig: Sie dürften enorm seien. Sogar Websites, die nicht blockiert werden sollen, waren zeitweise gestört, unter anderem von Banken.
Für Putin geht seine Sicherheit vor
Anfang April wies Roskomnadzor russische Medien an, Meldungen darüber zu löschen. So groß ist das Internetproblem, dass es auf der offiziellen Sitzung der Russischen Produzenten- und Unternehmervereinigung mit Putin Ende März zur Sprache kam. Dieser kommentierte das Thema jedoch nicht, weder im öffentlichen Teil noch hinter verschlossenen Türen, wie der Telegram-Kanal der Journalistin Farida Rustamowa unter Berufung auf Teilnehmer berichtete. Für Putin geht seine Sicherheit vor, das steht nicht zur Diskussion.
Nach dem Überfall auf die Ukraine 2022 hatte Moskau die Internetblockaden ausgeweitet. Soziale Medien wie Facebook und Instagram sind seitdem nur noch über VPN erreichbar. Die Kampagne gegen Telegram hat die Nachfrage danach zusätzlich befeuert. Die Medienaufsicht Roskomnadzor gibt erklärtermaßen viel Geld für den Kampf gegen die Umgehungen aus.
Der Minister für Digitale Entwicklung, Maksut Schadajew, hat verkündet, dass sein Ministerium die Aufgabe erhalten habe, die Nutzung von VPN in Russland zu senken. Dabei hat er nicht ausgeschlossen, dass dies künftig eine Ordnungswidrigkeit werden könne; bisher ist allein verboten, für VPN zu werben.
Staatsgeld, um Blockaden zu umgehen
Doch zugleich nutzen Putins Funktionäre es ganz offen. Zahlreiche russische Regionen schreiben Aufträge für VPN aus. So wird viel Staatsgeld dafür ausgegeben, die Blockierungen zu umgehen. Noch Ende März, als Telegram schon blockiert sein sollte, nutzten laut dem unabhängigen Meinungsforschungsinstitut Lewada-Zentrum 49 Prozent der Russen weiterhin Telegram-Kanäle, nur vier Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor.
Das dürfte den Verbotsfuror der Agenten angeheizt haben. Ende März wurde den Vertretern russischer IT-Unternehmen bei einer Versammlung in Schadajews Ministerium vorgeschrieben, selbständig gegen VPN-Dienste vorzugehen. Damit verbunden war die Drohung, ihnen, sollten sie das nicht schaffen, Steuervorteile zu streichen oder sie von den sogenannten Weißlisten zu entfernen – Aufstellungen von wichtigen Diensten, die auch funktionieren sollen, wenn das Internet beschränkt wird. Aus den Worten der Quellen von „The Bell“ spricht Frust darüber, nicht länger angehört und ernst genommen zu werden.
Russlands IT-Sektor ist hoch entwickelt und prestigereich, seine Angestellten wurden nach Putins im September 2022 ausgerufener „Teilmobilmachung“ vom Kriegsdienst ausgenommen, angeblich auf Betreiben Schadajews. Jetzt erscheint der Minister zum bloßen Befehlsempfänger degradiert: Die ungewohnt harte Position des Ministeriums habe daran gelegen, dass ein Vertreter des Zweiten Dienstes bei der Versammlung Ende März dabei gewesen sei, hieß es.
Zahlreiche Websites nicht mehr erreichbar
Dessen Agenten „laufen jetzt überall herum, entscheiden alles“, beklagte ein Sitzungsteilnehmer gegenüber „The Bell“. Jüngster Schritt im Kampf gegen VPN ist, dass zahlreiche Websites nicht mehr über ausländische IP-Adressen erreichbar sind. Betroffen sind unter anderem die Auftritte von Online-Großhändlern wie Ozon und Wildberries, Banken, Reiseunternehmen und Essensanbietern.
Der Kreml begründet alle Einschränkungen vage mit Sicherheitsargumenten. Doch zugleich dauern ukrainische Drohnenangriffe an. So lässt das Internetproblem einerseits die Machthaber schwach aussehen. Andererseits wirkt es wie ein Einbruch des Krieges in den Alltag vieler Russen, die diesen sonst ausblenden, soweit sie können.
Darüber sollen sogar Putins offiziöse Zustimmungswerte nachgegeben haben. Die sind traditionell hoch, der Überfall auf die Ukraine von 2022 hatte sie noch gesteigert. In den vergangenen sechs Wochen fielen die entsprechenden Zahlen des kremlnahen Instituts WZIOM Anfang April erstmals seit dem Überfall auf weniger als 70 Prozent, jüngst auf 66,7 Prozent. Zwar gibt es Zweifel an solchen Zahlen, mancher unkt, so solle später nur ein umso rasanterer Zuspruchszuwachs verkündet werden.
Warnung vor „politischen und wirtschaftlichen Risiken“ durch Internetblockaden
Doch offenbar wächst die Nervosität in Putins Präsidialverwaltung. Die amerikanische Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete jüngst unter Berufung auf anonyme Quellen, „einige hohe Funktionäre“ hätten vor „politischen und wirtschaftlichen Risiken“ durch die Internetblockaden gewarnt. Das werde das Vorgehen „wahrscheinlich verlangsamen“ und Telegram erlauben, innerhalb Russlands weiter zu funktionieren. Putins Sprecher sagte zur Aussicht auf Lockerungen bloß, die Einschränkungen verursachten vielen Bürgern Unannehmlichkeiten, würden aber verschwinden, „sobald die Notwendigkeit dieser Maßnahmen verschwindet“.
Wann das sein soll, ist unklar, ebenso, ob es bewusste Entscheidungen oder technische Probleme der Kontrolleure sind, wenn manche Russen Telegram nun doch auf einmal wieder sogar ohne VPN nutzen können oder Whatsapp ohne Umweg funktioniert. In Rustamowas Telegram-Kanal hieß es unter Berufung auf Regierungskreise, kein Funktionär wage es, Putin darum zu bitten, die Internetbeschränkungen abzuschwächen.
Das Einzige, was Putin dazu bringen könne, sei, wenn vor den im September bevorstehenden Wahlen zum Unterhaus die Umfragewerte der Wettbewerber der Machtpartei „Einiges Russland“ stark anstiegen. Für die Parteien sowie für das Internet ist im Kreml Sergej Kirijenko zuständig, Putins Mann für die Innenpolitik. Er lässt nun die Scheinoppositionsparteien gewähren, die versprechen, gegen die Blockierungen zu kämpfen. Kirijenko, so Rustamowa, „erlaubt ihnen das offenkundig, solange keiner von ihnen Putin persönlich oder den FSB kritisiert“.
Source: faz.net