Debatte mehr als Atom-Wiedereinstieg: „Es wäre ein kompletter Neueinstieg“
Unionsfraktionschef Spahn fordert eine gesellschaftliche Debatte über die Rückkehr zur Atomkraft. Alte Meiler wieder ans Netz zu nehmen, sei vergleichsweise günstig, so Spahn. Wissenschaftler sind skeptisch.
Atomkraft ist in Deutschland eigentlich seit drei Jahren Geschichte, so beschlossen 2011 von der damaligen schwarz-gelben Bundesregierung. Und doch reißt die Debatte über eine Rückkehr zur Atomenergie in Deutschland nicht ab – angestoßen auch von Unionspolitikern wie derzeit Jens Spahn und befeuert von der aktuellen Energiekrise.
Wiedereinstieg käme eher Neueinstieg gleich
Sinnvoll sei das nicht, sagt Malte Küper, der zu Energiepolitik am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln forscht: „Die Debatte um die Wiederinbetriebnahme von Atomkraftwerken in Deutschland wird uns bei den Energie- und Strompreisen jetzt nicht helfen.“ Denn ein Revival der Atomkraft sei mit großer Unsicherheit verbunden: „Die Anlagen stehen ja jetzt nicht einfach rum und warten darauf, dass man sie wieder einschaltet.“
Viele Anlagen seien schon im Rückbau oder dieser sei zumindest genehmigt – all das sei ein langfristiger Prozess. Der kommt auf gut 15 bis 20 Jahre, wie Stilllegungsbereichsleiter Matthias Dewald von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) gegenüber dem ARD-Klima-Update angibt.
Alte Atommeiler wieder zu aktivieren sei deshalb kein Wiedereinstieg, sagt Küper: „Es wäre ein kompletter Neueinstieg.“ Es bräuchte neue Genehmigungen, die Anlagen seien technisch nicht mehr in dem Zustand, dass sie einfach wieder hochgefahren werden können. „Das ist was, was sehr, sehr lange und sehr, sehr teuer werden würde“, betont Küper.
Kosten schwer abzuschätzen
Christian Rehtanz ist Professor für Energiesysteme und -wirtschaft an der TU Dortmund und erklärt in der Sendung KlimaZeit auf tagesschau24: „Alle Kernkraftwerke, die wir jetzt nicht mehr haben, bekommen wir auch nicht mehr ans Netz.“
Spahn hatte am Rande eines Forschungskongresses dafür plädiert, die Reaktivierung deutscher Kraftwerke zu prüfen – das sei billiger als neu zu bauen. Auf Nachfrage des SWR gibt die Unionsfraktion an, der CDU-Politiker beziehe sich konkret auf eine Studie des amerikanischen Thinktanks Radiant Energy Group aus dem Jahr 2024. Doch ganz generell, sagt IW-Experte Küper, könnten wegen vieler schwer abschätzbarer Faktoren kaum verlässliche Aussagen über Kosten getroffen werden.
Auch der wissenschaftliche Dienst der Bundesregierung beschrieb diese Unsicherheit schon 2021: „Vor allem die Baukosten von Kernkraftwerken sowie die Endlagerung bereiten bei der Kostenabschätzung von Kernenergie große Probleme.“
Energiekonzerne selbst schließen Reaktivierung aus
Ohnehin: Die für den Rückbau der Kraftwerke verantwortlichen Energiekonzerne schließen eine Reaktivierung aus. Eine Sprecherin der E.ON-Tochtergesellschaft PreussenElektra, die sich um den Rückbau von Isar 2 und Brokdorf kümmern, äußerte sich gegenüber der dpa: „Eine Wiederinbetriebnahme dieser Kraftwerke ist für uns schon lange kein Thema mehr.“
Man arbeite mit Hochdruck an der sicheren und effizienten Demontage. Große Komponenten seien demontiert und eine Vielzahl an Systemen stillgesetzt: „Wir bleiben dabei: Aus unserer Sicht sind die Anlagen nicht mehr reaktivierbar. Daher beschäftigen wir uns auch nicht mit weiterführenden Betrachtungen in diesem Zusammenhang.“
Frankreich zeigt: Neue Kraftwerke oft teurer als geplant
Der Vergleich mit dem Europäische Ausland sei vor dem Hintergrund der unsicheren Kosten trügerisch, sagt Wissenschaftler Rehtanz. Denn es stimmt, der Bau von Frankreichs Flamanville hatte Schlagzeilen gemacht mit einer Vervierfachung der Kosten, von ursprünglich drei Milliarden auf letztlich mehr als zwölf Milliarden Euro. Doch ob sich Atomenergie lohnt, sei auch eine politische Frage.
Und unterm Strich bleibe das Argument: „Kernenergie muss stark subventioniert werden. Es ist auch eine teure Lösung.“ Frankreich habe die entsprechende Industrie, setzt deshalb weiterhin drauf. Deutschland habe diese Industrie nicht mehr, von daher sei die Reaktivierung auch keine günstige Alternative.
Späterer Ausstieg wäre für das Klima sinnvoll gewesen
Zumindest in Hinblick auf das Erreichen der Klimaneutralität 2045 wäre es für Deutschland tatsächlich besser gewesen, später aus der Kernkraft auszusteigen, sagt Malte Küper vom IW: „Man kann durchaus in Frage stellen, ob es die richtige Entscheidung war, in Deutschland erst aus der Atomkraft und dann aus der Kohleverstromung auszusteigen. Für das Klima wäre es andersrum sicherlich besser gewesen.“
Denn mit bestehenden Atomkraftwerken würden sich günstig große Mengen CO2-freien Stroms erzeugen lassen. Die Betonung liege dabei auf „bestehenden“. Und mit einem Wiedereinstieg in die Kernkraft die Klimaziele erreichen? Nach Angaben von Rehtanz ist es jetzt sowieso zu spät: „Genehmigungszeiten, Bauzeiten von Kernkraftwerken, so wie wir es in anderen Ländern gesehen haben, können wir davon ausgehen, das sind 20 Jahre.“ Rein rechnerisch helfe das beim Erreichen der Klimaneutralität bis 2045 nicht.
Fokus verschieben: Erneuerbare und Back-up-Kraftwerke
Beide Forscher sind sich einig: Statt eine gesellschaftliche Debatte darüber zu führen, ob deutsche Meiler wieder aufgebaut und ans Netz gehen könnten, sollte der Fokus auf anderen Themen liegen. Denn Deutschland müsse effizienter darin werden, den günstigen, erneuerbaren Wind- und Sonnenstrom zu speichern – dafür gebe es aber bessere Hebel als ein Revival der Atomenergie, sagt Küper: „Das gelingt durch einen besseren Netzausbau, durch einen besseren Speicherausbau, aber auch durch entsprechende Preisanreize, den Strom dann zu nutzen, wenn er wirklich da ist.“
Andere Fachleute und Verbände wie der Bundesverband Erneuerbare Energien appellieren zudem an die Bundesregierung, die Digitalisierung des Stromnetzes voranzutreiben und Energie etwa aus Geothermie, Biomasse und Wasserkraft mehr in den Blick zu nehmen.
CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz betonte in Bezug auf die aktuelle Debatte, die Entscheidung aus der Atomenergie auszusteigen, sei zwar falsch gewesen. Sie zu korrigieren, werde aber keines der gegenwärtigen Energieversorgungsprobleme Deutschlands lösen.
Source: tagesschau.de
