Was Ungarn jetzt braucht: „Die Euphorie ist größer qua 1989“
Was haben Sie Sonntagabend in Budapest erlebt?
Was heißt Abend? Die Nacht! Man konnte ja nicht nach Hause gehen. So viel kollektive Freude habe ich in Ungarn noch nicht erlebt, auch nicht 1989, als aus der Volksrepublik die Republik wurde. Damals herrschte kein vergleichbar großes Gefühl der Befreiung wie am gestrigen Sonntag. Es wurde auf den Straßen vor Freude getanzt und geweint.
Sie haben Ungarn noch zur Zeit des Kommunismus erlebt.
Ich war seit 1974 mindestens ein, zwei Monate pro Jahr hier, und 1989 bin ich dann ganz nach Budapest gezogen, wollte also hinter dem Eisernen Vorhang verschwinden, aber dann stand der nur noch zwei Monate lang.
Sie sind im kulturellen Leben einer der wichtigsten Mittler zwischen Ungarn und Deutschland.
In dem Kulturcaféhaus, das ich führe, sind sehr viele junge Leute, die mir geistig ans Herz gewachsen sind: Die kochen nicht nur Kaffee, sondern auch Gedanken, und gemeinsam machen wir die Kulturzeitschrift „Drei Raben“, die seit 1999 erscheint, als Ungarn Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Unser jüngstes Heft trägt den Titel „Die Gewalt der Poesie“ – ein bisschen angelehnt an Kleists „Gewalt der Musik“. Wir dachten noch, das glaubt uns doch keiner. Doch auch die Dichtung hat in diesem Wahlkampf einiges bewirkt.

Was versprechen Sie sich kulturell von der neuen Regierung in Ungarn?
Orbán war ein leidenschaftlicher Gleichschalter, er hat keinen Grashalm wachsen lassen, den er nicht selbst herangezogen hat. Ich hoffe, dass die dadurch verursachten unglaublich vielen Verletzungen nun heilen können, wenn die neuen Leute an der Regierung – die es ja noch nicht gibt! – überlegt und gekonnt vorgehen. Der Moment der Euphorie und der Hoffnung muss nun langsam und geduldig in Erwartungen verwandelt werden, und das wird kein kurzfristiger Prozess. Orbán hat sechzehn Jahre lang zerstört, und Zerstören geht viel schneller als Aufbauen. Ich rechne damit, dass es bis zu dreißig Jahre dauern kann, um die langfristigen psychischen Schäden in diesem Land allmählich wieder therapeutisch ins Lot zu bringen. Konkret wird sich hoffentlich vor allem das Verhältnis zu Deutschland wieder verbessern, denn Orbán hat neben Wolodymyr Selenskyj vor allem die deutschen EU-Politiker Ursula von der Leyen und Manfred Weber als Verführer des ungarischen Volkes dämonisiert. Aber dieses Feindbild hat nicht funktioniert, und ich glaube, dass Orbán auch deshalb so hoch verloren hat. Er war aber als Populist diesmal nicht in gewohnt guter Form. Das angebliche, wie eine Operette klingende Attentat auf eine Gasleitung in Serbien, das er zuletzt beschwor, haben ihm nicht einmal mehr seine Fans abgekauft.
Spielten im Wahlkampf kulturelle Themen eine Rolle?
Kultur und die Abwahl Orbáns, das war ein und dasselbe. Die Künstler waren von diesem Regime besonders betroffen, weil man sich doch nicht permanent für das Land schämen möchte, aus dem man kommt. Aber genau so war es, auch mir ging das so! Selbst wenn es hier im meist linksliberal regierten Budapest immer noch Freiheiten gab. Aber nehmen wir die Literatur, bei der ich mich am besten auskenne: Es gab zuletzt keine Übersetzungsförderung mehr, dabei verdankt die ungarische Literatur ihre beiden Nobelpreise – für Imre Kertész und für László Krasznahorkai – den Übersetzungen von deren Büchern, und dabei vor allem den deutschen. Sonst wären sie in Stockholm nie bemerkt worden.
Familiär bedingt – Ihre Ehefrau ist die renommierte ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi – müssten Sie sich aber auch mit Film gut auskennen.
Meine Frau ist in ihrem Metier erfolgreich: Goldener Bär in Berlin, Goldene Kamera in Cannes, und Goldmedaillen hat Orbán immer geschätzt. Wenn Filme internationales Ansehen versprachen, wurden sie von Ungarn mit gefördert, und Ildikó hatte dann immer das Problem, dass sie sich für dieses ungarische Geld schämte. Aber das europäische Fördermodell mit mehreren Partnern setzte voraus, dass sie als Ungarin auch ungarisches Geld mitbrachte. Das wird jetzt endlich nicht mehr nur das Privileg von so erfahrenen Filmemachern wie meiner Frau sein, sondern auch junge Leute werden fortan sicher viel besser an Förderung kommen. Wobei auch meine Frau ihre Professur verloren hat, weil die hiesige Universität für Theater und Film im Zuge der Gleichschaltung einfach abgeräumt worden ist.
Was muss jetzt als Erstes in Ungarn verändert werden?
Es wird ein schwieriger Prozess sein, die Balance zu wahren: Viele wichtige Kulturstellen sind mit politischen Schachfiguren besetzt worden. Attila Vidnyánszky etwa steuerte als Direktor des Nationaltheaters die ganze hiesige Theaterausbildung, den muss man jetzt aus dem Weg räumen, weil er so vielen im Weg stand. Die Central European University von George Soros könnte aus Wien wieder nach Budapest zurückgelockt werden, denn ihre damals geräumten Gebäude stehen immer noch leer. Der größte und potenteste ungarische Buchverlag, Libri, wurde an Fidesz-Leute verkauft. Das muss rückgängig gemacht werden, sonst haben die Schriftsteller Schwierigkeiten, im eigenen Land wieder Fuß zu fassen.
Wie bekommt man das alles hin, ohne dass eine Revanchestimmung entsteht?
Man muss ja auch zweieinhalb Millionen Ungarn für die Demokratie zurückgewinnen, die am Sonntag noch Orbán gewählt haben. Die tiefe Spaltung, die seit 1989 durch das Land geht, hat Ungarn verdorben. Damals waren die Chancen riesig, und jetzt bekommt das Land noch einmal neue Karten in die Hand. Die muss es geschickter ausspielen. Aber die Euphorie der Sonntagnacht macht mich sehr optimistisch. Vor allem die Zwanzig- und Dreißigjährigen verließen die Straßen gar nicht mehr: Es wurde getanzt, als wäre Ungarn endlich Fußballweltmeister geworden. Und das Wunder der Wende hat auch eine wohltuende Ironie hervorgebracht: Der etwa fünfzigjährige Schriftsteller Peter Szabo hat gesagt: „Um Gottes Willen, jetzt kann ich meine gesamten Krisen nicht mehr auf Orbán schieben!“
Source: faz.net