Was welcher Nahe Osten braucht: „Ich bin welcher Feind, den du getötet hast, mein Freund“
Sitting in a park in Paris France
Reading the news and it sure looks bad
They won’t give peace a chance
That was just a dream some of us had
Diese Zeilen sang die damals achtzigjährige Joni Mitchell im Sommer 2023 vor Tausenden Zuschauerinnen und Zuschauern, bei ihrem ersten Auftritt seit mehr als zwei Jahrzehnten. Der Krieg in der Ukraine war im Jahr zuvor ausgebrochen; kurz nach Mitchells Auftritt kam der Hamas-Angriff vom 7. Oktober, der eine Kettenreaktion von Kriegen im Nahen Osten ausgelöst hat, die in den letzten Wochen eine neue regionale Dimension bekommen haben und ein globales Ausmaß zu bekommen drohen. Teheran und Beirut standen in Flammen. In Tel Aviv, Haifa und Jerusalem kauerten die Menschen in Bunkern unter einem Hagel von Raketen und Drohnen. In Gaza und Libanon verharren noch Hunderttausende Binnenflüchtlinge in zerrissenen Zelten, im Westjordanland fliehen Bauern vor gewalttätigen Siedlern.
Als Joni Mitchell zum zuvor letzten Mal vom zerplatzten Traum des Friedens gesungen hatte, im Jahr 2000, war ein Jahrzehnt voller Träume zu Ende gegangen. Zwar waren auch die Neunziger nicht frei gewesen von Kriegen – im ehemaligen Jugoslawien, in Ruanda, am Persischen Golf, in Sri Lanka (und auch in Deutschland waren die Geister der Vergangenheit in brennenden Asylunterkünften aufgeflammt) –, doch ließen das Ende des Kalten Krieges, der lokale Konflikte mit globaler Energie aufgeladen hatte, die Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens zwischen Israel und der Palästinensischen Befreiungsfront (PLO) wie auch der beschleunigte Einigungsprozess Europas den Hauch eines globalen Neuanfangs, eines Zusammenrückens der Menschheit aufkommen.
Diese Verheißungen der Neunzigerjahre prägten die politische Imagination einer ganzen Generation: Der Aufbruch in eine regelbasierte, friedliche Weltordnung schien zum Greifen nah. Dass diese Verheißungen enttäuscht wurden, brachte jene politische Ohnmacht hervor, die viele im globalen demokratischen Lager verspüren. Die Ära Trumps scheint sie nun endgültig zu begraben. Man steht vor dem exzesshaften Wüten des US-Präsidenten, der die Institutionen jener Weltordnung mit fast einfältiger Freude zerschlägt, und spürt die Fallhöhe der Hoffnung. Man verstummt. Erstarrt.
Die Ordnungsvision ist eine Welt der Willkür
In kaum einem anderen Land ist diese Fallhöhe der Hoffnung – von neokonservativen Politikern und Politikerinnen oft als „Ernüchterung“ verhöhnt – so spürbar wie in Israel. In den Neunzigern hatte man in Jericho und Gaza palästinensische Polizisten mit Ölzweigen begrüßt, während die unvollkommenen Friedensprotagonisten Arafat, Rabin und Peres den Friedensnobelpreis bekamen.
Im Jahr 2026 hingegen, während gewalttätige Siedler vor den Augen der Armee palästinensische Bauern jagen, während der Tod von mehr als 70.000 Menschen in Gaza als Kollateralschaden abgetan und die Annexion des Westjordanlandes vorangetrieben wird, schreibt Amit Segal, einer der einflussreichsten Journalisten in Israel, von der amerikanischen Entscheidung, Iran anzugreifen: „In den USA herrscht Ordnung.“ Segal schreibt das mit spürbarer Begeisterung: „Ein Befehl wird ausgesprochen und ausgeführt, ohne ein oberstes Gericht und ohne Menschenrechtsorganisationen.“

Das ist sie also, die Ordnungsvision, die den Träumen der Neunziger entgegengestellt wird: eine Welt der Willkür, ohne Rechtsstaat und Menschenrechte. Ohne Völkerrecht, dafür aber gemäß dem (Un-)Recht des Stärkeren. Die gegenwärtige israelische Regierung reitet, von Hybris geplagt, auf dem Rücken des toupierten Tigers aus Washington und glaubt, mit der einen Hand den Nahen Osten militärisch neu ordnen zu können, während sie mit der anderen die israelische Demokratie aushöhlt, das Westjordanland annektiert und jegliche palästinensische Staatlichkeit auf alle Ewigkeit verhindert.
Alle paar Monate wird man den Bunker aufsuchen müssen
Dass die Erzfeinde Israels in der iranischen Führung und ihre Proxys in Libanon, Jemen und in Gaza das Völkerrecht und die Grundwerte jener regelbasierten Weltordnung verachten, steht fest. Doch das warnende Sprichwort Nietzsches „Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird“ scheint für Israel allmählich gültiger zu werden.
So befürchten immer breitere Kreise im Land, dass der Ausnahmezustand, der in Israel seit dem 7. Oktober 2023 herrscht, zur neuen Normalität wird. Alle paar Monate wird man den Bunker aufsuchen müssen, um auf einen neuen „endgültigen Sieg“ zu warten, der doch immer temporär bleibt, während Israel zu einem – und dies ist ein direktes Zitat Benjamin Netanjahus – „Supersparta“ verkommt, zu einem Staat, der dem Wesen des Krieges verhaftet ist. Eine Schreckensvision.
Einiges, was in den Neunzigerjahren ausgesprochen wurde, war bereits den damaligen Zeitgenossen zu hoch gegriffen. So zum Beispiel die Prophezeiung, die Geschichte sei mit dem Fall des sogenannten Eisernen Vorhangs an ihr Ende gekommen. Vielmehr setzt sich die Dialektik der Geschichte fort und sucht ihren poetischen Ausdruck immer wieder aufs Neue, wie bei Joni Mitchell, die ihre anfangs zitierten Zeilen eigentlich in den Siebzigern geschrieben hatte.
Der Traum lässt sich alle paar Jahrzehnte heraufbeschwören
Alle paar Jahrzehnte lässt sich der Traum vom Frieden und Völkerrecht gegenüber jenen, die ihn dem temporär Mächtigen opfern wollen, neu träumen, besingen, heraufbeschwören. Oder auch der Leidensweg, den die Menschheit beschritten hat, um sich auf das Völkerrecht zu verständigen. Mitchell und die Fallhöhe der Hoffnung, die die Kinder der Neunziger verspürten, sind dabei nur ein Glied in einer langen Kette.
Zu dieser Kette gehört zum Beispiel auch Benjamin Britten, der 1962 sein eigenes „War Requiem“ dirigierte, in dem er wiederum Gedichtzeilen vertont hat, die 1917 von Wilfred Owen geschrieben worden waren: „Welche Hoffnung auch immer du hast“, sagt darin ein Soldat, der, wie Owen selbst, sein Leben im Ersten Weltkrieg ließ, zu seinem angeblichen Feind, „sie war auch mein Leben . . . Ich bin der Feind, den du getötet hast, mein Freund.“
Hoffnung als aktive Tat, als politische Handlung
Doch die Schreckensvision von Israel als „Supersparta“ ohne Menschenrechtsorganisationen und das oberste Gericht, genauso wie die remigrationsgetriebenen Schreckensvisionen des Make America (oder Deutschland oder ganz Europa) Great Again, sind nicht vom Himmel gefallen.
Sie sind das Resultat politischen Handelns jenes „they“ aus Mitchells Gedicht. Doch diese Schreckensvisionen stehen angesichts der Weltlage im Nahen Osten und darüber hinaus so entzaubert da wie kaum je zuvor. Ihnen muss nun eine Hoffnung entgegengesetzt werden. Hoffnung als aktive Tat, als politische Handlung. Hoffnung, die immer – nach Owens Gedicht – auch die Hoffnung des anderen ist.
Genau jetzt ist der Zeitpunkt für Europa gekommen, dem Wüten Trumps mit einer radikal menschlichen Vision zu trotzen. Die kommentierende, reaktive Position eines Zaungastes zu verlassen und eine international sanktionierte, völkerrechtsbasierte Friedenskonferenz für den Nahen Osten einzuberufen. Den erschöpften, kriegsmüden Menschen des Nahen Ostens, die vor den Ruinen der entzauberten Versprechen ihrer kriegslustigen Führungen stehen – in Israel, in Libanon, in den palästinensischen Gebieten, in Iran – eine Hoffnung anzubieten.
Oder mit den Worten von Maoz Inon, der seine Eltern am 7. Oktober 2023 verloren hat und seitdem weltweit mit seinem palästinensischen Partner Aziz Abu Sarah gegen den Krieg auftritt: „Hoffnung hat man nicht. Hoffnung schafft man.“
Ofer Waldman leitet das Israel-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Tel Aviv.
Source: faz.net