Ausbildung dieser DITIB: Die neuen deutschen Imame

In der Kölner Zentralmoschee bereitet sich ein junger Mann mit Sakko und Bart auf das Gebet vor. Halit Cihangir Altunay zieht seine Schuhe aus und betritt den prächtigen, mit goldenen Ornamenten verzierten Raum. Heute ist er zu Gast in der Zentrale der DITIB, des größten Moscheeverbands in Deutschland. In wenigen Tagen wird Altunay, aufgewachsen ganz in der Nähe in Bergheim, hier seine Idschaza erhalten, die Lehrerlaubnis. Es wird der feierliche Abschluss seiner praktischen Ausbildung zum Imam, die er in einer Akademie des Verbands in der Eifel durchlaufen hat.

Im hinteren Teil der Moschee steht ein Muezzin. Er ruft zum Gebet, knapp zweihundert Männer sind im weitläufigen Raum verteilt, oben auf der Empore stehen einige Frauen. Der Muezzin bittet erst auf Türkisch und dann auf Deutsch die „lieben Geschwister“, sich vorne in zwei Reihen aufzustellen. Altunay darf den zweiten Ruf übernehmen, danach betet ein Imam in weißem Gewand vor.

Nach dem Gebet erklärt Altunay, warum der Muezzin im Raum für Ordnung gesorgt hat. „Der Prophet hat die Gläubigen immer angewiesen, Schulter an Schulter zu beten“, sagt er. „Die Geschwisterlichkeit fühlt man, wenn man gemeinsam betet, dieser Körperkontakt ist darum sehr wichtig.“ Altunay, ein Mann von dreißig Jahren, kann islamische Traditionen und Riten aus dem Stand druckreif erklären. Denn auch wenn die Abschlussfeier seiner Ausbildung noch bevorsteht, ist er schon als einer der Imame an einer großen Moschee in Aachen tätig, wo er regelmäßig Schulklassen führt.

300 deutschsprachige Religionsbeauftragte

Altunays Familie lebt in dritter Generation hier. Seine Laufbahn ist ein Beispiel für das, was sich die Politik lange erhofft hat: Imame aus Deutschland. Mehr als 860 Moscheegemeinden gehören zu DITIB, 300 der knapp tausend Religionsbeauftragten sind dem Verband zufolge deutschsprachig. Diese Zahl umfasst männliche und weibliche Religionsbeauftragte, so der Oberbegriff. Nur die männlichen sind Imame.

Wenn es nach der Politik geht, soll das alte Modell abgelöst werden. Und das funktioniert bisher so: Beamte der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet kommen nach dem Rotationsprinzip für vier oder fünf Jahre nach Deutschland und gehen dann wieder.

Dass türkische Beamte in deutschen Moscheen predigen, stört die Politik schon lange. In der Vergangenheit wurde immer wieder über die Verbindung von DITIB zur türkischen Regierung gestritten, etwa im Jahr 2023, als der damalige Diyanet-Chef Ali Erbaş nach dem Angriff der Hamas gegen Israel mit antisemitischen, israelfeindlichen Äußerungen auffiel. Das Bundesinnenministerium will den Einfluss Ankaras begrenzen.

Auch praktische Übungen sind Teil der Ausbildung

Seit 2020 gibt es darum eine zweijährige praktische Ausbildung für Religionsbeauftragte, angeboten von einer Akademie der DITIB in Dahlem in der Eifel, die auch Altunay besucht hat. Wer sich dort zum Imam ausbilden lassen will, muss mindestens einen Bachelorabschluss in islamischer Theologie vorweisen. Es geht in der Ausbildung um islamisch-religiöse Unterweisung, Predigt und Gemeindepädagogik. In Präsenzwochen arbeiten die Anwärter verschiedene Module durch. Altunay erzählt, dass auch praktische Übungen dazugehören, „wo dann jemand nach vorne tritt und beispielsweise ein Totengebet halten muss“.

Doch es gibt zu wenige Interessenten wie Altunay, die in Deutschland aufgewachsen und zur Schule gegangen sind, um die vielen aus der Türkei entsandten Imame zu ersetzen. Darum startete im vergangenen Jahr ein zusätzliches Projekt: Türkische Theologieabsolventen kommen nach Deutschland und lassen sich in einem eigens auf sie zugeschnittenen Kurs in Dormagen zu Imamen ausbilden, um langfristig hierzubleiben.

Halit Cihangir Altunay ruft in der Moschee zum Gebet
Halit Cihangir Altunay ruft in der Moschee zum GebetLucas Bäuml

Dieses neue Projekt geht auf eine Vereinbarung zurück, die das damals noch SPD-geführte Bundesinnenministerium unter Nancy Faeser im Mai 2024 mit DITIB und Diyanet getroffen hat. Wie ein Sprecher des Ministeriums der F.A.Z. erläutert, zielt die „bestehende Vereinbarung“ darauf, die Entsendung von Imamen der türkischen Religionsbehörde nach Deutschland schrittweise zu beenden. Im Rahmen der Ausbildungsinitiative sollen zunächst Imame für DITIB-Gemeinden in Deutschland ausgebildet werden, und in dem Maße, wie ausgebildetes Personal zur Verfügung stehe, solle die Entsendung von Diyanet-Imamen aus der Türkei schrittweise in gleicher Stärke reduziert werden.

DITIB-Generalsekretär Eyüp Kalyon erzählt in seinem Büro in der Kölner Zentrale von dem Projekt. „Im vergangenen Jahr haben wir unsere Imamausbildung erweitert und Theologen aus der Türkei nach Deutschland eingeladen, um langfristig mit ihnen hier etwas aufzubauen“, sagt er. Im ersten Jahr machen die Anwärter einen Sprachkurs, im zweiten geht es um die Kompetenzen als Imam. Zurzeit gebe es 53 Teilnehmer, die vor einem Jahr angefangen und den Sprachkurs nun abgeschlossen hätten.

Als Ziel wurde zu Beginn genannt, hundert Imame pro Jahr in Deutschland auszubilden. Den Weg dorthin skizzierte die DITIB zunächst so: im Schnitt jährlich 75 neue in Deutschland ausgebildete Imame aus dem Programm in Dormagen und 25 aus der Akademie in der Eifel. Selbst wenn die Rechnung aufginge, brauchte man viele Jahre, um alle aus der Türkei entsandten Imame zu ersetzen.

Finanzierung läuft weiter über Diyanet

Vor zwei Jahren wurde nicht nur der Plan für die neue Ausbildungsinitiative gefasst, sondern auch eine andere wichtige Frage geklärt: Die Fachaufsicht für Imame in DITIB-Gemeinden liegt seitdem nach Angaben von Verband und Innenministerium auch für die aus der Türkei entsandten Imame bei DITIB selbst. Das ist entscheidend, weil damit die Weisungsbefugnis in Köln liegt und nicht in Ankara. Dem Ziel, den Einfluss der türkischen Regierung zu begrenzen, ist man damit zumindest formal ein kleines Stück näher gekommen.

Doch die Finanzierung der Imame läuft Kalyon zufolge weiter über die Diyanet. Eine Alternative biete sich derzeit nicht, sagt er. „Aus eigenen Finanzquellen würden wir das nicht hinbekommen, deswegen ist die Diyanet ein Segen für uns.“ Sie sei seit 40 Jahren „Garant dafür, dass wir religiöse Dienstleistungen hier anbieten können“.

Kalyon macht deutlich, dass deutschsprachige Imame im Interesse des Verbands seien. Er will „Personalressourcen für die Zukunft“ sichern, „um religiöse Dienstleistungen auch in Zukunft gewährleisten zu können, auch für die jüngere Generation, die religiöse Betreuung in deutscher Sprache wünscht“. Das könne der Verband derzeit noch nicht flächendeckend anbieten.

Deutsch als verbindende Sprache

Außerdem schildert er, dass seit 2015 längst nicht nur türkischstämmige Muslime die Moscheen seines Verbands besuchen und Deutsch die verbindende Sprache sei. Auch Altunay erzählt, dass beispielsweise der Unterricht in seiner Gemeinde entweder auf Türkisch oder Deutsch gehalten werde, „und beim Unterricht, der auf Deutsch ist, sehen wir, dass nicht nur Türkischstämmige kommen, sondern auch andere“.

Um genügend Imame ausbilden zu können, die Deutsch sprechen, ist der Verband also angewiesen auf türkische Theologieabsolventen, die sich langfristig eine Zukunft in Deutschland vorstellen können – und auf hier aufgewachsene Anwärter wie Altunay. Sein Kurs in Dahlem ist der dritte seit Gründung der Akademie, mit insgesamt 19 Frauen und 15 Männern. In den beiden Jahrgängen davor waren es dem Verband zufolge insgesamt 35 Absolventinnen und 22 Absolventen. Die neue Generation an Imamen, zu der Altunay gehört, wächst erst noch heran.

„Vielleicht hätte ich sonst soziale Arbeit studiert“

Seine Entscheidung, Imam zu werden, begründet Altunay damit, dass er schon immer mit Menschen arbeiten wollte. „Vielleicht hätte ich sonst soziale Arbeit studiert.“ Als Schüler war er in der Schülervertretung aktiv, in der Moscheegemeinde brachte er Kindern bei, den Koran zu lesen. Altunay weiß aus eigener Erfahrung, dass es hilft, wenn ein Imam Deutsch spricht, hier zur Schule gegangen ist, die Probleme und Interessen der Jugendlichen kennt. „Und das fehlte uns, auch wenn wir super Imame mit großem Wissen hatten, die mit uns auch sehr viele Aktivitäten gemacht haben“, sagt er.

Nach dem Abitur zog Altunay aus Bergheim nach Istanbul, um dort islamische Theologie zu studieren, was seinerzeit auch schon in Deutschland möglich gewesen wäre. Das Auslandsstudium wurde Altunay durch ein Stipendium der DITIB ermöglicht. Dass es das seit 2006 gibt, hat damit zu tun, dass der Verband sich schon vor der Eröffnung der Akademie in der Eifel und der Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie an deutschen Universitäten darum bemüht hat, Geistliche aus Deutschland heranzuziehen.

Generalsekretär Kalyon hebt hervor, dass sein Verband die islamische Theologie in Deutschland unterstützt und beispielsweise in den Beiräten für islamische Theologie in Paderborn, Tübingen und Osnabrück vertreten sei. Als Altunay ins Studentenwohnheim nach Istanbul zog, war er wie so viele in dieser Lebensphase zum ersten Mal für längere Zeit von seiner Familie getrennt. „Nach den ersten drei Monaten habe ich das Heimweh überwunden“, erinnert er sich.

Er fand Freunde, machte das fünfjährige Bachelorstudium, lernte Hocharabisch. Anschließend begann er einen Masterstudiengang und ging zurück nach Deutschland, um an der Aachener Yunus-Emre-Moschee als Imam anzufangen. Parallel durchlief er die Imamausbildung an der DITIB-Akademie. Die endet in wenigen Tagen mit der feierlichen Zeremonie in der Kölner Zentralmoschee. Das abschließende Bittgebet wird er vortragen.

Source: faz.net