Taiwans Kuomintang und Chinas KP: Wie aus erbitterten Feinden Partner wurden

Das Treffen zwischen der taiwanesischen Oppositionsführerin Cheng Li-wun und Chinas Präsident Xi Jinping in Peking war eine behutsame Annäherung. Vorbei die Zeiten eines konfrontativen Verhältnisses zwischen der KP Chinas und der Kuomintang


Cheng Li-wun von der taiwanesischen Kuomintang

Foto: Kevin Frayer/Getty Images


In westlichen Thinktanks und Zeitschriften machen Kriegsszenarien die Runde. Das geschieht offenbar in dem Glauben, nur so der Insel Taiwan und ihrem Verhältnis zu Festland-China gerecht zu werden. Zuweilen heißt es, Taiwan sei inzwischen der „gefährlichste Ort der Welt“.

Doch davon war nichts zu spüren, als Chinas Staatschef und KP-Generalsekretär Xi Jinping am 10. April in der Großen Halle des Volkes Cheng Li-wun traf, Parteichefin der oppositionellen Kuomintang auf Taiwan. Die im Oktober 2025 gewählte Vorsitzende wurde von drei Stellvertretern und dem Kuomintang-Generalsekretär begleitet.

Man führte ein entspanntes Gespräch, bei dem Xi meinte, dass „Landsleute auf beiden Seiten der Taiwan-Straße ausnahmslos Mitglieder der chinesischen Nation“ seien – „einer großen Nation mit einer Zivilisationsspanne von mehr als fünftausend Jahren“. Erstmals nach einem „Intervall von zehn Jahren“, so der chinesische Staatschef, könne er wieder eine Delegation der Kuomintang begrüßen.

Im Jahr 2016 war zuletzt der damalige Kuomintang-Vorsitzende Hung Hsiu-chu nach Peking geflogen. Beide Parteien, so Xi, verbinde „die gemeinsame Überzeugung, dass unser Land nicht geteilt sein darf“. Man müsse zwischen Taiwan und dem Festland zu mehr Austausch finden und „Frieden und Sicherheit in unserem gemeinsamen Haus schaffen“. Dabei war gerade die teils blutige Geschichte zwischen der Kuomintang und der Kommunistischen Partei Auslöser für die angespannten Beziehungen zwischen Taiwan und der VR China.

Xi Jinping bald in Taipeh?

Was auffiel, war, dass die Kuomintang-Vorsitzende auf Xis Begriff von der „großen Wiedergeburt der chinesischen Nation“ zurückkam und erklärte, die „große Verantwortung vor der Geschichte“ gebiete es, dafür zu arbeiten, dass die Taiwan-Straße „ein Modell für die friedliche Lösung von Konflikten in der Welt“ werde. Die Inselbewohner und die Volksrepublik sollten „gemeinsam an einer modernen chinesischen Zivilisation bauen“.

Die Chinesen seien „eine Familie“, deshalb würde sie Xi Jinping gern eines nicht fernen Tages in Taipeh begrüßen. Ungewöhnlich für eine taiwanesische Politikerin, denn einen solchen Besuch hat es noch nie gegeben. Doch Cheng Li-wu hat Chancen, bei der Präsidentenwahl Anfang 2028 die Führung der Insel zu übernehmen, die nicht Mitglied der Vereinten Nationen ist und von China als Teil eines Landes betrachtet wird.

Die Kuomintang und Chinas KP verbindet eine blutige Geschichte

Im Verhältnis zwischen der Kuomintang und der chinesischen KP hat es besonders im 20. Jahrhundert viele Wendungen gegeben. Die Kuomintang wurde 1912 durch den Arzt Sun Ya-sein als erste bürgerliche Partei Chinas gegründet. Ihr Programm basierte auf den „Drei Volks-Prinzipien“ Nationalismus, Demokratie und Volkswohlfahrt. Die Partei trug 1911/12 maßgeblich die bürgerliche Revolution gegen die Qing-Dynastie.

Nach der russischen Oktoberrevolution entstand in China 1921 mit Hilfe aus Moskau und der Kommunistischen Internationalen die Kommunistische Partei, die sich zunächst der Kuomintang als Teil einer antifeudalen Einheitsfront anschloss.

Das Bündnis zerbrach, als Kuomintang-Chef, General Tschiang Kai-shek, ein bürgerlicher Nationalist, 1927 in Shanghai mit einer blutigen Säuberung gegen die Kommunisten begann und damit einen Bürgerkrieg entfachte. Erst im Widerstand gegen die japanischen Interventen ab 1937 fand die Kuomintang mit den Kommunisten wieder zu einer, freilich fragilen, Einheitsfront.

Über Jahrzehnte führte die Kuomintang eine Ein-Parteien-Diktatur in Taiwan

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges aber entflammte der Bürgerkrieg zwischen Kommunisten und Kuomintang erneut. Durch Korruption und verfehlte Wirtschaftspolitik verlor die Kuomintang in den Jahren ab 1945 rasch an Rückhalt in der Bevölkerung.

Die Kommunisten hatten verstärkt Zulauf, kontrollierten Ende 1949 weitgehend das chinesische Festland und riefen am 1. Oktober die Volksrepublik aus. Die Kuomintang zog sich Richtung Taiwan zurück, wo Tschiang Kai-shek die „Republik China“ proklamierte, die einen Alleinvertretungsanspruch erhob und bis 1971 einen UN-Sitz hatte.

Die Kuomintang errichtete auf der Insel eine Ein-Parteien-Diktatur, mit einem Kriegsrecht, das erst 1987 aufgehoben wurde. Dann begann in Taiwan eine Demokratisierung mit einem Mehrparteiensystem. Die dadurch ausgelöste Dynamik veränderte die Kuomintang.

Eine neue Kuomintang

Die Partei wurde moderner und verabschiedete sich von alten Dogmen. Das einst von Tschiang Kai-shek verfochtene Ziel einer Rückeroberung des Festlandes war obsolet geworden. Und um mit Peking einen Dialog führen zu können, musste die Partei das „Ein-China“-Prinzip anerkennen.

In den vergangenen vier Jahrzehnten gelang der Kuomintang die in der chinesischen Geschichte häufiger zu beobachtende Wandlung einstiger Kriegerbünde zu intellektuell profilierten Organisationen, ein Prozess, wie ihn auch die KP Chinas durchlaufen hat. Im Ergebnis näherten sich beide Parteien auf einer nationalchinesischen Basis an.

Beide lehnen jeglichen Separatismus ab, auch auf der Insel Taiwan. Xi Jinpings moderates Auftreten bei der Begegnung mit der Kuomintang-Vorsitzenden deutete darauf hin, dass er eine Wiedervereinigung des Landes nicht künstlich forcieren will. Bevorzugt wird augenscheinlich eine allmähliche Annäherung beider Landesteile unter einer bei Wahlen auf Taiwan 2028 siegreichen Kuomintang.