Handyfotos in Ausstellungen sollten verboten werden
In jeder Ausstellung stehen fotografierende Besucher vor den Kunstwerken, die anderen den Genuss verderben. Was machen diese Menschen mit den Fotos? Diashows für zu Hause? Höchste Zeit, diese Pest zu beenden.
Wer eine Kunstausstellung besucht, muss leiden können. Ist die Ausstellung halbwegs interessant, wird sie überlaufen sein. Das zeugt vom anhaltenden Kunstinteresse des Bildungsbürgertums. Und von der Weigerung der Museumsleitungen, ein vernünftiges Zeitmanagement durchzusetzen. Dann gibt es die Texte zu den Kunstwerken, die einen belehren, wie man sie zu rezipieren habe. Nämlich als zeitkritische Dokumente. Oder als Dokumente, die leider nicht so zeitkritisch waren, wie wir Heutigen es nachträglich sind. Das zeugt von der Ein- und Verbildung der Kuratierenden (wie sie sich selbst nennen würden). Aber man muss die Texte nicht lesen.
Auch das Drumherum ist Teil des dem Kunstfreund zugedachten Kreuzwegs. Das beginnt schon mit den viel zu kleinen Schließfächern, in die man Mantel und Taschen quetschen muss. Das geht weiter mit dem Café, das fast immer zu klein, schlecht gelüftet und überhaupt möglichst abweisend gestaltet ist; man ist ja nicht zum Genießen hier, sondern im Dienst jener strengen Muse, die Leidensbereitschaft verlangt. Das endet … aber ziehen wir über die Klos den Mantel dezenten Schweigens. Selbst schuld, wer nicht zu Hause schon, wie es Mama immer verlangte.
Zu alledem gesellt sich eine neue Geißel: das Smartphone. Ich rede nicht davon, dass es alle zehn Minuten irgendwo klingelt – ach, ein Klingeln wäre beinahe schon schön. Da ertönen Märsche und Heavy-Metal-Riffs, da blöken Schafe, bellen Hunde. Das Ding auf Flugmodus zu schalten, scheint die Fähigkeiten des gewöhnlichen Kunstadepten zu übersteigen.
Und dann gehen sie auch noch ran: „Ja, du, ich bin hier bei Monet … Nein, MONET Du, ich kann jetzt nicht, ich bin grad … Wie? … Wo? … Na gut, dann … Mach ich … Tschüss … Nein, Monet … Na, der Franzose. Maler. Impressionist. Nein, das war Manet. Mit „a“. Also dann … Tschüss. Tschüss. Du (zur Nachbarin), das war Susanne … Na, die Anthroposophin mit dem komischen Mann und den zwei schrecklichen Kindern …“
Noch schlimmer aber sind die Leute, die mit dem Smartphone durch die Ausstellung ziehen und jedes Bild fotografieren, als wären sie auf Fotosafari und die Bilder ihre Beute. Natürlich müssen sie sich genau vor dem Bild positionieren, damit das Kunstwerk den Sucher genau richtig ausfüllt … nein, doch nicht, also etwas weiter nach links … zwei Schritte zurück, oh, sorry … ja, ja … jetzt reinzoomen … Klick! Und ab zum nächsten Bild. Ach nein, ich habe die Erläuterungstafel vergessen, sorry, kurz bücken, klick und weiter.
Vermutlich stellen diese Leute zu Hause eine Diashow für sich zusammen und gucken sich die Bilder dann in Ruhe auf dem Desktop oder Laptop an. Zwar hätten sie sich gleich ein Buch – etwa den Ausstellungskatalog – kaufen können, aber das kann ja jeder. Die Fotos hingegen beweisen, dass man selbst da war, dass etwas von jener Aura des Originalkunstwerks einen angeweht hat, von der Walter Benjamin in seinem Buch über das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ sprach.
Und genau jene Aura ist es, jene Einmaligkeit unvermittelter Präsenz, weshalb man die Leiden des Ausstellungsbesuchs auf sich nimmt. Weil man den Pinselstrich eines Claude Monet im Angesicht seiner Bilder beinahe physisch spüren kann, die so frisch leuchten wie am Tag, als er sie malte. Weil man um die großen Raubkatzen eines August Gaul herumlaufen, ihnen in die Augen sehen und in ihnen etwas von dem spüren kann, was der Bildhauer spürte, als er seinem Modell in die Augen blickte. Weil man, kurz und gut, das hat, was das „Klick!“ des Smartphones tötet: ein Kunst-Erlebnis.
„Nutzt eure Augen!“ will man den Handy-Hobby-Fotografen zurufen, die von Bild zu Bild eilen. „Und zwar hier und jetzt!“ Nutzt die Speicherkapazität eures Hirns! Gut, jeder hat das Recht, sich um das Wesentliche eines Ausstellungsbesuchs zu bringen. Aber nicht das Recht, alle anderen seinem Klickwillen zu unterwerfen. Das Fotografieren in Ausstellungen sollte verboten (oder nur gegen Gebühr, wenn die Ausstellung halbwegs leer ist, gestattet) werden.
Ein erster Schritt nur. Aber ein symbolischer. Dann reden wir über ein strengeres Besucher-Management, über größere Schließfächer und über Museumscafés, in denen man sich gern aufhält. Kurzum: darüber, dass Museen Orte des Genusses, nicht des Leidens sein sollen. Ein häretischer Gedanke, zugegeben, aber man sollte ihn auf sich wirken lassen.
Source: welt.de