Papstbesuch in Afrika: Einfach wird selbige Reise nicht

Der „Reisepapst“ ist eine junge Gestalt der Kirchengeschichte. Der historische Normalfall war über die Jahrhunderte, dass das Oberhaupt der Weltkirche im Vatikan festsaß, ein Gefangener hinter der eigenen Schutzmauer war. Von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit verließen Päpste Rom nur unfreiwillig, wenn sie vor heidnischen Eroberern, vor weltlichen und geistlichen Prätendenten auf den Thron Petri fliehen mussten. Meist war es ein Gang ins Exil, in Italien oder im nahen Ausland, ohne Rückkehr zu Lebzeiten.

Erst das Flugzeug öffnete den Päpsten das Tor zur Welt, zu apostolischen Besuchen bei ihrer immer größer werdenden und immer weiter verstreuten Herde. Papst Paul VI. unternahm 1964 die erste Auslandsreise eines Papstes seit 150 Jahren. Sie führte ihn nach Israel und Jordanien. Es folgten, bis 1970, fünf weitere Reisen ins Ausland. In den letzten acht Jahren seiner Amtszeit bestieg Paul VI. nicht mehr das Flugzeug.

Erst mit dem Pontifikat Johannes Pauls II. erhielt die oft mehrtägige Auslandsreise ihren festen Platz im Papsttum. Der „fliegende Papst“ brachte es in seinem sehr langen Pontifikat von 1978 bis 2005 auf 104 Auslandsreisen, in deren Verlauf er insgesamt 127 Länder besuchte – ein vorerst wohl uneinholbarer Rekord für Vielflieger im Ornat. Sein Nachfolger Benedikt XVI. kam in den knapp acht Jahren bis zu seinem Rücktritt im Februar 2013 auf 24 Fernreisen. Franziskus absolvierte 49 Auslandsbesuche.

Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea als Ziele Leos

Papst Leo XIV. beginnt an diesem Montag eine zehntägige Reise in vier afrikanische Länder: Algerien, Kamerun, Angola und Äquatorialguinea. Es ist die dritte Auslandsreise seit seiner Papstwahl am 8. Mai 2025, aber in gewisser Hinsicht seine erste „eigene“. Die Reise in die Türkei – aus Anlass des 1700. Jahrestages des Konzils von Nicäa – und anschließend nach Libanon hatte noch Franziskus geplant. Leo holte die Reise Ende November für seinen Vorgänger nach. Am 28. März besuchte Leo dann das Fürstentum Monaco, es war ein „Tagesausflug“ mit dem Helikopter.

Mit der Wahl Afrikas setzt Leo XIV. ein Signal. Afrika ist der Kontinent mit dem stärksten Zuwachs für die Weltkirche, mit einer Quote von jährlich rund drei Prozent. Gemäß der jüngsten Ausgabe des Statistischen Jahrbuchs der Weltkirche leben heute rund 288 Millionen Katholiken in Afrika, jährlich kommen mindestens sieben Millionen hinzu. Mit einem Anteil von 20,3 Prozent der Katholiken weltweit hat Afrika inzwischen Europa (20,1 Prozent) überflügelt, wo die Zahl der Katholiken allenfalls stagniert.

Den größten Anteil an den insgesamt 1,42 Milliarden Katholiken in aller Welt stellt nach wie vor Amerika, mit einem Anteil von 47,7 Prozent. In Asien leben rund elf Prozent aller Katholiken. Unter allen Kontinenten ragt Afrika beim Wachstum der Zahl von Priestern und Ordensfrauen heraus: Jährlich kommen jeweils rund drei Prozent hinzu, während sich in fast allen anderen Kontinenten immer weniger junge Menschen dafür entscheiden, ihr Leben der Weltkirche zu weihen.

Im heutigen Algerien wirkte der Kirchenvater Augustinus

Auf seiner Reise wird Leo XIV. dem gesamten Spektrum katholischen und christlichen Lebens in Afrika begegnen – von der winzigen Diasporagemeinde bis zur Mehrheitsbevölkerung. Algerien wird erstmals überhaupt einen Papst empfangen, obschon Papst Leo XIV. in seiner Funktion als Ordensoberer der Augustiner von 2001 bis 2013 das Land bereits zweimal besuchte. In Algerien, wo der Islam Staatsreligion ist und sich bis zu 99 Prozent der Bevölkerung zum sunnitischen Islam bekennen, während Katholiken nur 0,2 Prozent ausmachen, wird für Leo der Besuch in Annaba im Osten des Landes von besonderer Bedeutung sein.

Denn dort wirkte der Kirchenvater Augustinus, der 354 in Tagaste, dem heutigen Souk Ahras, im äußersten Nordosten Algeriens geboren wurde und von 391 bis zu seinem Tod 430 in Hippo Regius, dem heutigen Annaba, als Bischof seine großen Schriften verfasste. Für Leo XIV., den ersten Augustinermönch auf dem Stuhl Petri, ist eine Pilgerfahrt als Papst nach Hippo Regius zu „seinem“ Kirchenvater von großer persönlicher Bedeutung. In Algerien wird der Papst auf eine winzige Katholikengemeinde treffen, die den Zuspruch ihres Oberhirten im komplexen interreligiösen Zusammenleben mit den Muslimen dringend braucht.

Erster reisender Papst der Neuzeit: Paul VI. 1964 in Amman
Erster reisender Papst der Neuzeit: Paul VI. 1964 in Ammanddp

Wie in Algerien wirkt auch in den anderen drei Ländern der Afrikareise die europäische Kolonialherrschaft bis heute nach. In Kamerun sind 69 Prozent der Bevölkerung Christen; Katholiken stellen mit einem Anteil von 38 Prozent der Gesamtbevölkerung den größten Anteil. Die Aufteilung der einst deutschen Kolonie unter Frankreich und Großbritannien hat bis heute Folgen.

Seit Jahrzehnten schwelt der Konflikt zwischen der frankophonen Zentralregierung und den kleineren anglophonen Teilen des Landes, deren Bevölkerung sich Benachteiligung ausgesetzt sieht. Kameruns Bischöfe hoffen darauf, dass der Besuch die Einheit des Landes fördert, in dessen Norden zudem die islamistische Terrorgruppe Boko Haram Anschläge und Massaker verübt.

In Angola trifft Leo XIV. fast ausschließlich mit Katholiken zusammen; ihr Bevölkerungsanteil liegt bei etwa 40 Prozent. Zudem ist die katholische Kirche stark im Bildungs- und Gesundheitswesen engagiert, auch das soll der Papstbesuch hervorheben.

Noch stärker katholisch geprägt ist Äquatorialguinea. Knapp 75 Prozent der rund 1,6 Millionen Einwohner sind Katholiken. Groß ist auch hier die Rolle der Kirche in Bildung und Gesundheit. Dem trägt Leos Reiseprogramm Rechnung: Er besucht einen nach ihm benannten Campus der Nationaluniversität sowie eine technische Schule, die den Namen seines Vorgängers Franziskus trägt. Johannes Paul II. besuchte das einzige spanischsprachige Land Afrikas im Jahr 1982 als erster Papst.

Source: faz.net