Das irreführende Supermarkt-Phänomen – „Die wahrgenommene Inflation trügt meist“
Der Iran-Krieg verteuert das Leben wieder deutlich. Bei 2,7 Prozent lag die offizielle Inflationsrate des Statistischen Bundesamts im März. Doch kann das sein? Sind die Preissprünge nicht viel größer? Nein, sagt Karsten Sandhop. Er leitet jenen Bereich beim Statistischen Bundesamt, der für die Methodik der Preisstatistik zuständig ist und erklärt, wie die Inflationsmessung funktioniert.
WELT: Haben Sie Hauspersonal?
Karsten Sandhop: Ich persönlich? Nein.
WELT: Das ist wahrscheinlich besser. Die Kosten dafür haben sich den Daten Ihres Amtes zufolge in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent erhöht. Aber haben Sie zuletzt mal CD-Rohlinge gekauft?
Sandhop: Das dürfte zehn, 15 Jahre her sein.
WELT: Auch dafür ermittelt das Statistische Bundesamt aber jeden Monat Preise. Hauspersonal, CD-Rohlinge – das erscheint nicht sehr repräsentativ. Was messen Sie da eigentlich?
Sandhop: Wenn wir über Inflation reden, sprechen wir klassischerweise über den Verbraucherpreisindex, kurz VPI. Der misst die durchschnittliche Preisveränderung der Verbraucherpreise, also der Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland konsumieren. Wir nennen das den Warenkorb, und darin fließt grundsätzlich alles ein, was private Haushalte im Privatleben für Konsum ausgeben.
WELT: CD-Rohlinge und Hauspersonal sind aber nicht gerade typische Ausgaben.
Sandhop: Aber es gibt durchaus Haushalte, gar nicht so wenige, die Dienstleistungen von Hauspersonal in Anspruch nehmen, zum Beispiel als Putzhilfe. Und auch CD-Rohlinge werden tatsächlich noch verkauft, wenn auch nur noch in geringem Umfang. Der Warenkorb ist eben nicht eine Liste mit fünfzig Dingen, sondern sehr fein gegliedert, in mehrere hundert Güter.
Nächste Revision für 2028 geplant
WELT: Und weil die Kosten für Hauspersonal steigen, steigt die Inflationsrate?
Sandhop: Wohl kaum allein dadurch. Denn entscheidend für den Einfluss einer Position auf die Gesamtrate ist das Wägungsschema. Das definiert die Gewichte, mit denen die einzelnen Positionen in den Gesamtindex eingehen. Wir achten sehr darauf, dass Waren oder Dienstleistungen, die nur noch selten gekauft werden oder insgesamt nur einen kleinen Umsatz generieren, auch nur mit entsprechend geringem Gewicht in den Gesamtindex eingehen. Nahrungsmittel oder Mieten haben naturgemäß ein großes Gewicht, CD-Rohlinge ein verschwindend geringes, das Gewicht für Hauspersonal ist schon etwas höher, aber immer noch recht klein.
WELT: Die CD-Rohlinge zeigen ja vor allem auch eines: Konsumgewohnheiten ändern sich.
Sandhop: Genau, und deshalb wird der Verbraucherpreisindex alle fünf Jahre einer großen Revision unterzogen. Revision heißt nicht, dass vorher etwas falsch war. Es heißt, dass wir dafür sorgen, dass der Index aktuell bleibt. In einer Revision werden zum Beispiel die Gewichte aktualisiert. Gerade durch Ereignisse wie die Pandemie oder den Krieg in der Ukraine hat sich im Verbrauchsverhalten einiges getan – und natürlich bei den Preisen. Wir sorgen dafür, dass die Gewichte der einzelnen Güter wieder der aktuellen Realität entsprechen. Und wir aktualisieren auch die Produkte, für die wir Preise beobachten – ebenfalls im Fünfjahresrhythmus. CD-Rohlinge sind vielleicht jetzt noch dabei, aber wahrscheinlich tauchen sie bald nicht mehr auf. Wir bleiben nicht nur bei den Gewichten, sondern auch bei der Produktauswahl aktuell.
WELT: Wann steht die nächste Revision an – und wie funktioniert das? Basiert das auf Haushaltsumfragen?
Sandhop: Nach aktueller Planung ist die nächste Revision Anfang 2028 vorgesehen. Dann stellen wir auf das Basisjahr 2025 um. Das heißt: Die Konsumgewohnheiten im Jahr 2025 bilden die Grundlage für die Gewichte. Diese basieren zu einem großen Teil auf den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, die auch hier im Haus durchgeführt werden. Für die höheren Ebenen der Gewichte – also etwa: Wie viel geben Menschen für Nahrungsmittel aus im Vergleich zu Mieten oder Energie – holen wir die Wägungsinformationen komplett daraus. Für tiefe Gliederungen nutzen wir Haushaltserhebungen der amtlichen Statistik. Das sind die wesentlichen Quellen. Daneben nutzen wir weitere Informationen, je nach Bereich.
WELT: Welche methodischen Verbesserungen planen Sie?
Sandhop: Ein großes Projekt sind Scanner-Daten. Die entstehen in erheblichem Umfang im Lebensmitteleinzelhandel durch Scannerkassen. Ziel ist, dass sie ab 2028 breit in die Preismessung einfließen. Das ist ein großer Umstieg: weg von der Erhebung vor Ort – Menschen gehen in Geschäfte und notieren Preise – hin zu Daten aus Kassensystemen großer Handelsketten. Das ist ein Quantensprung, weil die Informationen viel umfangreicher sind. Außerdem nutzen wir Webscraping schon seit längerer Zeit als ergänzende Methode.
WELT: Webscraping?
Sandhop: Das bedeutet, dass wir aus dem Internet automatisiert Preisinformationen von Webseiten abgreifen. So können wir eine Vielzahl an Preisen ermitteln, weil das nicht mehr ein Mensch macht, sondern automatisiert läuft. Gerade bei volatilen Preisen, bei denen häufig am Preis gedreht wird, können wir so sehr genau abbilden, was im Durchschnitt von Monat zu Monat passiert.
WELT: Aber die Preise schwanken ja mitunter täglich oder sogar stündlich. Welchen Preis nehmen Sie dann?
Sandhop: Der Ansatz ist, so häufig zu beobachten, dass solche Ausschläge – zu bestimmten Tagen oder Uhrzeiten – so abgebildet werden, dass man von Monat zu Monat einen repräsentativen Vergleich hat. Die Daten werden daher nicht nur einmal im Monat erhoben, sondern mehr oder weniger durchgehend. Webscraping hat aber in der Tat hohe Anforderungen bei der Programmierung und Pflege, weil sich beispielsweise auch der Aufbau von Webseiten ändert. Da muss man aufpassen, keine Lücken zu reißen.
WELT: Und im stationären Handel? Wie ermitteln Sie dort die Preise?
Sandhop: Die Erhebung vor Ort ist Sache der statistischen Landesämter. Wir als Bundesamt sind für die methodische Weiterentwicklung zuständig und arbeiten eng zusammen, aber die Organisation vor Ort machen die Landesämter. Sie setzen dafür mehrere Hundert Erhebungsbeauftragte ein, die geschult werden und genaue Vorgaben haben. Ein Grundprinzip ist dabei, dass der Handel nach Geschäftstypen untergliedert wird und unterschiedliche Einkaufskanäle repräsentativ abgebildet werden. Monat für Monat gehen dann die Preisermittler in dieselben Geschäfte und erfassen die Preise der Produkte. Wichtig ist, dass sie jeweils die gleichen Produkte, also auch die gleichen Marken und die gleichen Mengengrößen, erfassen.
Wie die Preise für Flüge ermittelt werden
WELT: Sie erfassen aber auch Produkte wie Herrenschuhe oder Damenpumps. Da gibt es ja Hunderte Modelle, unterschiedlichster Preisklassen. Welches Modell vergleicht der Preisermittler dann?
Sandhop: Das ist in der Tat eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Preisermittler gehen in ausgewählte Geschäfte mit hoher Kundenfrequenz und Verbrauchsbedeutung, um dort Preise zu erfassen, wo Relevantes geschieht. Dann wählen sie je vorgegebenem Produkt – eben Damenpumps, Herrenschuhe oder anderes – die Modelle aus, die eine hohe Verbrauchsbedeutung haben, also häufig gekauft werden. Die Grundregel lautet: vor Ort für jedes vorgegebene Produkt schauen, welche Modelle am häufigsten verkauft werden, und danach auswählen. Das braucht Fachkenntnis oder auch Beratung durch das Personal im Geschäft. Im Optimalfall ist das Personal in den Geschäften darauf eingestellt und gibt Beratung und Hintergrundinformationen.
WELT: Unter den Einzelpositionen der VPI-Daten gibt es auch Angaben wie „Flugticket Mittelamerika“ oder „Flugticket Asien“. Das können doch alle möglichen Strecken sein – von Frankfurt nach Bangkok, von München nach Tokio.
Sandhop: Hier müssen wir einen Spagat zwischen Repräsentativität und Konkretheit machen. Wir beziehen bei der Preisermittlung verschiedene Abflughäfen in Deutschland und verschiedene Destinationen in den genannten Gebieten ein. Der veröffentlichte Wert ist dann eine Durchschnittsentwicklung für viele Routen. Es gehen viele Preise ein – auch nach Vorausbuchungsfristen – und daraus entsteht ein robuster Wert, der in der Bezeichnung ziemlich allgemein klingt, letztlich aber auf Hunderten verschiedenen Preisen basiert
WELT: Ermitteln Sie diese Preise auch per Webscraping?
Sandhop: Bei Flügen nutzen wir eine Schnittstelle zu einem Computerreservierungssystem, über das ein hoher Anteil der Flugbuchungen in Deutschland abgewickelt wird. Es werden die meistverkauften Tarife der Fluggesellschaften auf den am stärksten frequentierten Strecken beobachtet. Dabei werden die Preise auf ausgewählten Strecken täglich und für verschiedene Vorausbuchungsfristen erfasst.
WELT: Auch Benzinpreise wechseln ständig, manchmal minütlich. Das lässt sich doch kaum noch erfassen.
Sandhop: Doch. Bei den Benzinpreisen werden regional segmentiert Tankstellenpreise beobachtet – über einen längeren Zeitraum, weil die Preise eben volatil sind. Wir berücksichtigen Tageszeiten und Wochentage, und durch die Vielzahl beobachteter Preise und die Erhebungsstruktur bilden wir von Monat zu Monat die korrekte Preisentwicklung ab.
WELT: Rabatt-Programme werden immer beliebter. Konsumenten sammeln Punkte, die bares Geld wert sind oder bekommen Rabatt-Coupons. Immer seltener zahlen sie wirklich den vollen Preis. Wie können Sie das abbilden?
Sandhop: Preisnachlässe werden grundsätzlich berücksichtigt. Es gilt aber das Prinzip, dass ein Rabatt einem konkreten Produkt zugeordnet werden muss, damit er erfasst werden kann. Bonusprogramme, bei denen man ein Guthaben ansammelt und später einlöst, werden nicht berücksichtigt.
WELT: Aber das bildet dann nicht mehr das ab, was die Menschen wirklich bezahlen.
Sandhop: Der VPI hat nicht den Anspruch, ein Preisniveau zu messen, sondern Veränderungen im Zeitablauf. Deshalb ist es nicht entscheidend, ob wirklich jeder Rabatt immer erfasst wird, sondern ob wir konsistent darin sind, was berücksichtigt wird und was nicht. Sollten die erwähnten Bonusprogramme aber irgendwann so bedeutsam, dass die ausgewiesenen Preise kaum noch etwas mit dem realen, bezahlten Preis zu tun haben, dann müssten wir nachjustieren. Aber wir brauchen klare Abgrenzungen, die wir dann auch über die Zeit konsistent anwenden.
WELT: Manche Dinge, insbesondere technische Artikel, werden immer besser, aber nicht teurer, mitunter sogar billiger. Dadurch sind sie ja eigentlich mehr wert.
Sandhop: Genau. Unser Anspruch ist ja, die reine Preisentwicklung zu messen, und das geht am besten, wenn Produkte gleich bleiben – aber das ist in der Tat nicht die Realität. Deshalb wenden wir bei etlichen Produkten eine Qualitätsbereinigung an. Gerade im IT-Bereich ist das zum Beispiel die sogenannte hedonische Qualitätsbereinigung. Das Grundprinzip bei dieser Methode ist: Man berechnet, welchen Einfluss einzelne Komponenten des Geräts auf den Preis haben. Da man die Veränderungen der Komponenten vom alten zum neuen Modell messen kann, können wir so auch diese Änderungen zwischen Produkt A und Produkt B aus der reinen Preisveränderung herausrechnen. Ein Nachfolgeprodukt kann also absolut teurer sein, aber weil die Qualität gestiegen ist, kann es sein, dass es statistisch gesehen nicht teurer oder sogar billiger geworden ist.
Das ist der Unterschied zwischen VPI und HVPI
WELT: Können Sie das an einem Beispiel mit Zahlen verdeutlichen?
Sandhop: Sagen wir, ein bisher ausgewähltes Smartphone kostet 550 Euro, seit kurzem ist ein Nachfolgemodell für 600 Euro auf dem Markt. Preisanstieg: 9,1%. Das wäre aber an der Realität vorbei gemessen. Denn: Im neuen Modell spiegelt sich der technische Fortschritt wider: Die Bildschirmauflösung ist höher, der Akku hält länger, der Speicher ist größer. Das berücksichtigen wir. Und kommen dann zum Beispiel auf einen reinen Preisanstieg von „nur“ vier Prozent.
WELT: Nun tragen Sie auf allerlei Wegen jeden Monat einen Wust an Daten zusammen. Wie entsteht daraus dann diese eine konkrete Zahl, die Inflationsrate, die aktuell bei 1,9 Prozent liegt?
Sandhop: Wie gesagt, die statistischen Landesämter sind grundsätzlich für die Erhebung zuständig und alle Bundesländer erzeugen eigene Ergebnisse. Auf der untersten Ebene stehen Elementarindizes – kurz gefasst etwa „Butter im Supermarkt in Hessen“. Das ist die tiefste gewichtete Ebene. Jede Ebene hat ein Gewicht: das Produkt selbst, der Geschäftstyp – Supermarkt im Vergleich zu Discounter oder Fachgeschäft – und das Bundesland entsprechend seinem Anteil an den Konsumausgaben in Deutschland. Für viele tausend Elementarindizes werden Ergebnisse berechnet und mit Gewichten aggregiert. Anschließend werden die Ergebnisse der Länder zu Bundesergebnissen für rund 700 Güter zusammengefasst. Für die Berechnung des Verbraucherpreisindex insgesamt werden diese Teilindizes jeweils mit ihrem entsprechenden Ausgabenanteil gewichtet. Preisveränderungsraten – wie die Inflationsrate – werden dann aus den Preisindexreihen abgeleitet.
WELT: Sie berechnen nicht nur den VPI, sondern auch einen so genannten HVPI. Was ist der Unterschied?
Sandhop: Der HVPI ist der Harmonisierte Verbraucherpreisindex auf europäischer Ebene. Er wird EU-weit nach einheitlichen Regeln berechnet, damit Inflationsraten zwischen den Mitgliedstaaten vergleichbar sind und Aggregate wie die Preisentwicklung in der Eurozone gebildet werden können. Beim HVPI steht Aktualität etwas stärker im Vordergrund: Die Gewichte werden jährlich aktualisiert, beim VPI, wie gesagt, im Fünfjahresrhythmus.
WELT: Es gibt aber auch Unterschiede bei den erfassten Produkten und Dienstleistungen.
Sandhop: Ja, ein Unterschied war bis vor kurzem beispielsweise, dass Glücksspiele zwar von uns für den VPI erfasst wurden, für den HVPI jedoch nicht. Seit Januar dieses Jahres sind sie aber auch im HVPI enthalten. Ein wesentlicher Unterschied, der aber nach wie vor besteht, betrifft das Wohnen: Im VPI sind unterstellte Mieten für Eigenheimbesitzer enthalten, im HVPI nicht. Wir setzen also auch eine fiktive Miete für jene an, die in der eigenen Immobilie leben, denn wir gehen konzeptionell davon aus, dass sich die Kosten für im Eigenheim lebende Haushalte entsprechend der Mieten entwickeln. Auf europäischer Ebene wird das aber nicht berücksichtigt. Und das macht einen Unterschied. Im deutschen VPI haben Mieten einschließlich unterstellter Mieten etwa 17 bis 18 Prozent Gewicht, im HVPI machen die Mieten dagegen eher um die zehn Prozent aus.
WELT: Wenn Sie Menschen begegnen und Ihnen erzählen, was Sie beruflich machen: Was sind typische Missverständnisse?
Sandhop: Klassisch kommt: Die tatsächliche Preisentwicklung sei viel höher, alles sei doppelt so teuer geworden, es sei vielleicht sogar an Daten „herumgeschraubt“ worden. Das ist mir vertraut und menschlich finde ich es verständlich, dass man zunächst einmal die eigene Wahrnehmung als „richtiger“ empfindet als abstrakte Daten. Aber: Die wahrgenommene Inflation trügt meist. Ein Grund für diese Verzerrung ist, dass häufig gesehene Preise stärker wirken – im Supermarkt, an der Tankstelle. Wenn diese deutlich steigen, nimmt man das stärker wahr. Hinzu kommt, dass Preiserhöhungen stärkeren Eindruck hinterlassen als Preisrückgänge, die es ja auch gibt. Schließlich vergleichen viele Menschen nicht mit den Preisen von vor einem Jahr, sondern mit Zeiträumen, die deutlich länger als ein Jahr zurückliegen. Wichtig können dabei sicherlich auch Ankerpunkte sein wie „vor Corona“ oder „vor dem Krieg in der Ukraine“. Gerade die Nahrungsmittelpreise sind 2022 stark gestiegen, 2023 noch etwas, seither befinden sie sich aber eher auf einem Plateau – die Jahresraten wirken heute unspektakulär, aber gegenüber 2020 bleibt eine erhebliche Veränderung. Die von uns gemessene Inflationsrate insgesamt und auch für Teilbereiche wie Nahrungsmittel vergleicht aber stets mit den Preisen von vor einem Jahr.
WELT: Wie reagieren Sie darauf?
Sandhop: Indem wir möglichst anschaulich erklären, was wir messen, was in den Daten drinsteckt – und auch wo die Grenzen sind. Bei der Euro-Bargeldeinführung 2002 wurde das Thema erstmals richtig virulent, mit der „Euro-Teuro“-Diskussion. Danach haben wir den persönlichen Inflationsrechner entwickelt: Ein Online-Tool, bei dem jeder auf unserer Internetseite seine eigenen Konsumgewohnheiten eingeben kann und dann die persönliche Inflationsrate sieht – je nachdem, wie viel man für Nahrungsmittel, Miete, Energie, Gaststätten und so weiter ausgibt. Inzwischen kann man dabei auch konkrete Euro-Beträge eingeben, und wir haben das Instrument mit einer Universität um eine Erklärkomponente erweitert, damit die „innere Mechanik“ des Verbraucherpreisindex mit Gewichten und Indexaufbau noch griffiger wird. Transparenz ist uns wichtig, auch durch die Veröffentlichung der Preisentwicklung vieler einzelner Produkte. Aber es bleibt als Fakt: Wir alle leben und konsumieren unterschiedlich. Daher sind wir unterschiedlich von Inflation betroffen. Die Inflationsrate ist eine Durchschnittszahl, individuelle Erfahrungen können davon deutlich abweichen.
WELT: In der Kritik steht auch immer wieder die hedonische Preisqualitätsbereinigung, die Sie vorher erwähnten. Sie drücke die Inflationsrate künstlich nach unten.
Sandhop: Unser Ziel und Auftrag ist es, die reine Preisentwicklung zu messen, und dazu nutzen wir auch die hedonische Qualitätsbereinigung. Die Hedonik ist international unter Statistikexperten vor allem bei komplexen technischen Produkten als Top-Verfahren anerkannt, weil sie präzise die Qualitätsveränderungen berücksichtigen kann. Übrigens, der Anteil der Güter im VPI, bei dem wir diese Methode anwenden und wo das im Hinblick auf den technischen Fortschritt wirklich relevant ist, liegt bei unter zwei Prozent des Gewichts. Das zeigt schon, dass das für die Gesamtrate nicht sehr relevant ist.
WELT: Warum machen Sie es dann überhaupt?
Sandhop: Weil über allem das Prinzip steht, dass wir Gleiches mit Gleichem vergleichen. Und das geht eben nicht, wenn wir bei einigen Produkten nicht die Qualitätsverbesserung berücksichtigen. Ein Smartphone des Jahres 2026 beispielsweise hat nur noch sehr wenig mit einem aus dem Jahr 2016 gemein. Das kann man nicht außen vor lassen.
Frank Stocker ist Wirtschafts- und Finanzkorrespondent in Frankfurt. Er berichtet über Geldanlage, Finanzmärkte, Konjunktur und Zinspolitik. Zudem hat er Bücher zur Inflation von 1923 und zur Geschichte der D-Mark veröffentlicht.
Source: welt.de